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Probleme und Chaos auf den unteren Klassen im Secondaire
Politik 3 Min. 15.03.2021 Aus unserem online-Archiv

Probleme und Chaos auf den unteren Klassen im Secondaire

Die Bekämpfung der Corona-Krise darf nicht dazu führen, dass seit Jahren existierende pädagogische Probleme vernachlässigt werden, sagt die Lehrergewerkschaft Féduse.

Probleme und Chaos auf den unteren Klassen im Secondaire

Die Bekämpfung der Corona-Krise darf nicht dazu führen, dass seit Jahren existierende pädagogische Probleme vernachlässigt werden, sagt die Lehrergewerkschaft Féduse.
Foto: DPA
Politik 3 Min. 15.03.2021 Aus unserem online-Archiv

Probleme und Chaos auf den unteren Klassen im Secondaire

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Selbst schlechteste Leistungen verhindern nicht, dass Schüler versetzt werden. Das kann so nicht weitergehen, sagt die Gewerkschaft Féduse.

„Corona ist keine Entschuldigung für pädagogischen Stillstand“, ist eine Pressemitteilung der Lehrergewerkschaft Féduse/CGFP vom Montag überschrieben. Die Gewerkschaft macht in dieser Mitteilung darauf aufmerksam, dass es  - unabhängig von Corona - gravierende Probleme in der Unterstufe des ESG (Enseignement secondaire général) gibt, die dringend einer Kurskorrektur bedürften. Diese Probleme sind auf die Reform der Unterstufe zurückzuführen, die 2017/18 in Kraft getreten ist.


Schüler müssen für das gleiche Ziel weniger leisten.
Die Abwärtsspirale im Bildungswesen
Im Herbst treten in der Unterstufe des allgemeinen Sekundarschulunterrichts Neuerungen in Kraft. Sie sollen die Erfolgschancen der Schüler verbessern. Kritische Lehrer sehen das anders. Sie beklagen, dass von den Schülern immer weniger Leistung gefordert wird. Eine Analyse.

Das Problem: Unabhängig von ihrer Leistung avancieren Schüler im Cycle inférieur von 7e auf 5e. Die Féduse gibt ein Beispiel: Ein Schüler, der in zwei Sprachen (Deutsch und Französisch) 20 von 60 Punkten erreicht und in allen anderen Fächern einen Jahresdurchschnitt von 1/60 vorweist, kommt weiter - von der 7eG auf die 6eG und dann von der 6eG auf die 5eG. 

Die sehr komplizierten Promotionskriterien erlauben das, aber den Schülern ist damit nicht gedient, sagt die Féduse. Das böse Erwachen kommt auf 5e, wenn die Schüler erkennen, dass ihnen - wegen ihrer schlechten Leistungen - viele Berufsrichtungen und Ausbildungswege verschlossen bleiben. Um aus der Sackgasse herauszukommen, entscheiden sich Aussagen der Féduse zufolge viele Schüler dazu, die 5eG zu wiederholen, in der Hoffnung auf bessere Noten und damit erweiterte Orientierungsmöglichkeiten. Das sei unnötiger Zeitverlust, so die Féduse.

Sie schaffen große Ungerechtigkeiten innerhalb einer Klasse und werfen Fragen in puncto Wert und Vergleichbarkeit von Prüfungen und Zeugnissen auf.

Féduse/CGFP

Dass es überhaupt so weit kommt, liegt nach Dafürhalten der Gewerkschaft an den komplizierten und für Schüler und Eltern unverständlichen Versetzungskriterien. Sie sind sehr komplex und verfehlen ihr eigentliches Ziel. Eigentlich wollte man mit der Reform verhindern, dass Schüler mit Teilschwächen aufgrund einer ungenügenden Note in einem oder zwei Fächern eine Klasse wiederholen müssen. 

Es gibt Schüler, die regelrecht weiter scheitern, ohne die Möglichkeit zu bekommen, den Lernstoff einmal zu wiederholen.

Délégation nationale des enseignants

Auch die „Délégation nationale des enseignants“ (DNE) - sie ist aus der Vereinigung der früheren Lehrerkomitees hervorgegangen - hatte sich Ende November 2020 in einem Schreiben besorgt gezeigt und auf die Probleme im „Cycle inférieur“ hingewiesen. „Die Situation ist jetzt die, dass Schüler nicht trotz einer oder zwei Schwächen weiterkommen, sondern ohne wirkliche Stärken. Es gibt Schüler, die regelrecht weiter scheitern, ohne die Möglichkeit zu bekommen, den Lernstoff einmal zu wiederholen“, so die DNE in ihrer damaligen Mitteilung. Für Eltern und Schüler sei eine solche automatische Versetzung, unabhängig vom Fortschritt und den Leistungen der Schüler, schwer nachvollziehbar.   

Ein weiteres Problem sind nach Ansicht der Féduse die Hilfestellungen für Schüler mit besonderen Bedürfnissen, die von der „Commission des aménagements raisonnables“ (CAR) und der „Commission d'inclusion scolaire“ (CIS) vorgeschlagen werden. Sie seien gut gemeint und „sinnvoll für Schüler, die sie wirklich brauchen“. In der Praxis aber seien sie häufig kaum umsetzbar. „Sie schaffen große Ungerechtigkeiten innerhalb einer Klasse und werfen Fragen in punto Wert und Vergleichbarkeit von Prüfungen und Zeugnissen auf“, so die Féduse.

Die Gewerkschaft fordert Bildungsminister Claude Meisch (DP) auf, schnell die nötigen Anpassungen vorzunehmen, zumal sich das Problem in der Corona-Krise weiter zugespitzt habe. Sie fordert, „nicht länger unter dem Vorwand der Corona-Krise vertröstet zu werden“ und die sofortige Schaffung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe, um dem Chaos auf den unteren ESG-Klassen ein Ende zu setzen.

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