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Philips-Rückruf: Lenert räumt „zahlreiche Verzögerungen“ ein
Politik 3 Min. 22.11.2022
Fehlerhafte Beatmungsgeräte

Philips-Rückruf: Lenert räumt „zahlreiche Verzögerungen“ ein

Für Philips hat der Beatmungsgeräte-Skandal schwere finanzielle Folgen.
Fehlerhafte Beatmungsgeräte

Philips-Rückruf: Lenert räumt „zahlreiche Verzögerungen“ ein

Für Philips hat der Beatmungsgeräte-Skandal schwere finanzielle Folgen.
Foto: AFP
Politik 3 Min. 22.11.2022
Fehlerhafte Beatmungsgeräte

Philips-Rückruf: Lenert räumt „zahlreiche Verzögerungen“ ein

Jörg TSCHÜRTZ
Jörg TSCHÜRTZ
Philips musste im Vorjahr Millionen Beatmungsgeräte zurückrufen. Luxemburger Patienten blieb diese Information lange verborgen.

Das luxemburgische Gesundheitsministerium sieht sich Vorwürfen ausgesetzt, erst spät auf eine weltweite Rückrufaktion des Elektronikkonzerns Philips reagiert zu haben. Philips hatte bereits im Juni 2021 einen Rückruf für mehrere fehlerhafte Modelle von Beatmungsgeräten gestartet. In Luxemburg wurde ein Teil der betroffenen Patienten aber offenbar erst mit mehr als einjähriger Verzögerung über die Maßnahme informiert.

Die Philips-Beatmungsgeräte kommen unter anderem bei der Behandlung von Schlafapnoe, aber auch zur Behandlung von schweren Corona-Erkrankungen zum Einsatz. In Europa sind die Geräte bei 1,5 Millionen Patienten in Gebrauch, allein in Frankreich gibt es 350.000 Betroffene. Laut Angaben von RTL werden in Luxemburg etwa 1.000 Patienten mit den Apparaten behandelt. Auch luxemburgische Krankenhäuser wie das Nordspidol CHdN sind von dem Rückruf betroffen.


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Die Produkte enthalten einen akustischen Dämmschaum aus Kunststoff, der Gesundheitsprobleme verursachen kann. Philips hat festgestellt, dass aus einigen Geräten Partikel dieses Materials austreten, die von den Patienten eingeatmet oder verschluckt werden können. Diese Partikel können Reizungen und Kopfschmerzen verursachen. Im Juni 2021 hatte der niederländische Konzern auch auf ein „potenzielles“ langfristiges Krebsrisiko hingewiesen.

In 124 Fällen soll zudem der Alarmmechanismus der Beatmungsgeräte versagt haben – mit tödlichen Folgen für die Patienten. Die US-Behörde FDA leitete inzwischen Ermittlungen gegen Philips beziehungsweise deren Tochter Respironics ein. Der Konzern selbst musste wegen der Probleme mit den Beatmungsgeräten 900 Millionen Euro zurückstellen.

Lenert: „Zahlreiche Verzögerungen“ bei Produktrückruf

Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP) betont am Dienstag in einer parlamentarischen Antwort an den DP-Abgeordneten Gusty Graas, dass „in Luxemburg bis heute kein Vorfall mit diesen Geräten gemeldet wurde“. Der Hersteller habe empfohlen, die Behandlung erst nach Rücksprache mit dem Arzt abzubrechen – unabhängig davon, welche Art von Gerät verwendet wird.

Gesundheitsministerin Paulette Lenert schiebt die Verantwortung für die Verzögerungen beim Produktrückruf auf den Hersteller.
Gesundheitsministerin Paulette Lenert schiebt die Verantwortung für die Verzögerungen beim Produktrückruf auf den Hersteller.
Foto: Anouk Antony

Lenert räumt ein, dass es bei der Durchführung der Philips-Rückrufaktion zu „zahlreichen Verzögerungen“ gekommen sei. Philips Respironics sei aufgrund „des enormen Umfangs des Rückrufs, der mehrere Länder und Millionen von Patienten betraf“, bislang nicht in der Lage gewesen, alle betroffenen Geräte zu reparieren oder zu ersetzen. 

Die Ministerin bestätigt, dass die der Gesundheitsdirektion unterstehende Abteilung Pharmazie und Medikamente (DPM) für die Kommunikation zu medizinischen Geräten zuständig ist. Der Hersteller muss die zuständigen Autoritäten informieren. Sie lässt die Frage offen, wann die Gesundheitsdirektion informiert wurde und warum sie die Informationen nicht weitergab. Das fragliche Medizinprodukt sei in Luxemburg unter verschiedenen Markennamen und von verschiedenen Händlern verkauft worden, erklärt Lenert. Der Hersteller habe im Zuge des Rückrufverfahrens die Händler erst „nach und nach“ informiert und die Geräte ersetzt.

Regierung bereitet gesetzliche Schritte vor

Die Gesundheitsministerin räumte ein, dass es beim Informationsaustausch und bei der sogenannten Materialüberwachung („Matériovigilance“) Verbesserungsbedarf gebe. Luxemburg bereite auf Grundlage der EU-Verordnung 2017/745 gesetzliche Schritte vor: Für Händler, die Medizinprodukte auf luxemburgischem Gebiet bereitstellen, soll künftig eine Registrierungspflicht gelten. 


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Die Regierung arbeitet zudem, wie bereits im Koalitionsvertrag von 2018 festgehalten, an der Einrichtung einer nationalen Agentur für Arzneimittel und Gesundheitsprodukte. Entsprechende Änderungsvorschläge zum Gesetzentwurf 7523 sollen noch vor Jahresende dem Regierungsrat vorgelegt werden.

Zudem gibt es im Gesundheitsamt Überlegungen, eine neue Website zu schaffen, auf der sich die Berufsgruppen des Gesundheitsbereichs über Sicherheitshinweise zu fehlerhaften Medizinprodukten informieren können. Der Bedarf dafür scheint vorhanden zu sein: Allein dieses Jahr sind mit Stand vom 18. Oktober 303 Rückrufaktionen (FSCA) sowie 254 „Incident Reports“ seitens der Medizintechnik-Hersteller an die DPM gemeldet worden. 

Mit Material der AFP.


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