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Pflegesektor: "Lasst uns nicht mehr im Stich"
Politik 4 Min. 02.01.2021

Pflegesektor: "Lasst uns nicht mehr im Stich"

Es fehlt oft an rudimentären Möglichkeiten, die sichere Kommunikation mit den Pflegebedürftigen zu ermöglichen.

Pflegesektor: "Lasst uns nicht mehr im Stich"

Es fehlt oft an rudimentären Möglichkeiten, die sichere Kommunikation mit den Pflegebedürftigen zu ermöglichen.
Foto: Shutterstock
Politik 4 Min. 02.01.2021

Pflegesektor: "Lasst uns nicht mehr im Stich"

Annette WELSCH
Annette WELSCH
Die Krankenpflegervereinigung Anil formuliert eine Wunschliste für 2021, um den Alten- und Pflegeheimen eine menschenwürdige Pflege in Covid-Zeiten ermöglichen zu können.

Bereits Ende Oktober hatte sich der Verwaltungsrat der Association Nationale des Infirmières et Infirmiers du Luxembourg (Anil) in einem offenen Brief an Premierminister Xavier Bettel gewandt und verschiedene Missstände in den Alters- und Pflegheimen (Cipa) beklagt

Es wurde auf die Konsequenzen von fehlenden nationalen Regeln während der ersten Welle der Pandemie hingewiesen, denn die Verantwortung für den Umgang mit der Pandemie wurde ja bekanntlich auf die einzelnen Direktionen abgewälzt. Zum Jahresende veröffentlichte die Anil nun eine Wunschliste für 2021 für den Pflegesektor außerhalb der Spitäler mit vorab klaren, national gültigen Regeln


VENTURA, CA - APRIL 3: Mary-Lou McCullagh, 83, and her husband Bob, 84, greet Axel Stirton, 2, the little boy who lives across the street April 3, 2020 in Ventura, California. Mary-Lou and Bob are in isolation from the Covid-19 pandemic, trying to ensure that they do not come in contact with the virus. Mary-Lou has a medical condition that makes her especially vulnerable. They are using Zoom technology to stay in touch with family and friends. Axel is a regular visitor in normal times, but he can no longer come into the house because of the risks of the Covid-19 virus. Mary-Lou and Bob comfort him in his confusion through the window. Mary-Lou is wearing Happy Birthday glasses in honor of her sons birthday which was yesterday. As infection rates soar in the USA, more and more elderly people are in isolation and cut off from any physical contact with their families and friends.   Brent Stirton/Getty Images/AFP
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 „Die Betroffenen, ihre Familien und das Pflegepersonal dürfen nicht mehr im Stich gelassen werden, das Wohlbefinden und die Würde von uns allen darf nicht mehr dem Zufall überlassen werden“, fordert Anil-Generalsekretärin Tina Koch im Gespräch mit dem „Luxemburger Wort“.

Regeln im Einklang mit Rechten und Deontologie

„In verschiedenen Häusern ist es ganz gut gelaufen, weil die Direktionen den Mut und die Kompetenz hatten, ihre Regeln im Einklang mit den Rechten der Betroffenen und der Deontologie der Pflegeberufe festzulegen. Das waren meist Häuser, wo die Direktionsbeauftragten selber aus dem Pflegeberuf kommen.“ 

Dort konnten positiv getestete Leute zusammen essen, sich beschäftigen und in Normalität leben, soweit die normalen gestes barrières das zuließen. Verschiedene Häuser richteten auch Covid-Einheiten ein, um die positiv Getesteten von den anderen Bewohnern zu trennen. „Das erleichtert den Pflegepersonen die Arbeit enorm, weil sie dann nicht ständig die Schutzkleidung wechseln müssen.“

Zustände wie im Zweiten Weltkrieg

In anderen Häusern verglichen die Bewohner dagegen das Erlebte mit Zuständen aus dem zweiten Weltkrieg, denn verschiedene von ihnen mussten allein und eingesperrt in ihrem Zimmer bleiben. „Das Pflegepersonal wurde teils gezwungen, gegen seine moralischen Werte und Prinzipien zu handeln, ansonsten drohte eine Abmahnung“, beklagt Koch. 

Das Pflegepersonal wurde teils gezwungen, gegen seine moralischen Werte und Prinzipien zu handeln.

Tina Koch, Anil-Generalsekretärin

Die Pflegepersonen verstünden sich als Anwälte einer älteren Generation, von denen sich viele selber nicht mehr wehren können und wollten für das Wohl dieser Personen im Einklang mit den Menschenrechten und dem Recht auf Würde und Menschlichkeit sorgen.

Wunschliste zu Know-how, Material und Finanzen

Die Anil wünscht sich fachliche Unterstützung beim Ausarbeiten von Notfallplänen, wenn zu viele Bewohner erkranken oder zu viel Personal ausfällt, Checklisten, was auf einer Covid-Einheit gebraucht wird und Prozeduren wie man so eine Einheit am besten organisiert, wie man mit Wäsche und Sonstigem von Leuten mit Covid-19 umgeht. Sie wünscht sich auch eine Zusammenfassung wissenschaftlicher Empfehlungen für den extra-hospitaliären Bereich.


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Daneben geht es ihr um Material und finanzielle Unterstützung, um die Strukturen dem Virus anzupassen: IT-Unterstützung, um die Informatiksysteme auf den letzten Stand zu bringen und den Bewohnern die Kommunikation mit ihren Familien zu ermöglichen, Sammelbestellungen von Ipads sowie Hilfe beim Kauf von Plexiglasscheiben und eine Ausstattung des Besuchsbereichs mit Tischen und Stühlen, die sich gut desinfizieren lassen. 

Vieles würde bereits zu spät kommen

Leider kommen für viele diese Hilfestellungen bereits zu spät, beklagt Koch. Es mangelt auch an Schutzmaterial wie FFP-2-Masken, Mundschutz oder Handschuhen. „Es ist zwar Material da, aber es wird gehütet wie Gold. Eine neue Maske bei jedem Patienten anziehen, geht beispielsweise nicht“, erzählt Koch. 

„Vieles wird in Eigenregie eingekauft. Das kostet Zeit und Kraft, denn nicht alles, was angeboten wird, hat auch die entsprechende Qualität.“ Wie die hierdurch entstandenen Zusatzkosten rückerstattet werden ist derweil noch unklar.

Zu den Wünschen gehört auch eine Pflegedirektion im Familienministerium, die an Entscheidungen zur Pflege mitwirkt. „Wir haben zwar Ansprechpartner im Familienministerium. Diese dürfen bei pflegepolitischen Entscheidungen allerdings nicht mitwirken“, moniert Koch. 

Genereller Personalmangel

Sie weist generell auf Personalmangel hin: „Für die nächtliche Versorgung reicht eine Pflegeperson mit einer Hilfspflegeperson für 100 Personen schon seit Jahren nicht mehr. Erst recht nicht, um die aufwendigere Versorgung der pflegebedürftigen Leute in Covid-Zeiten zu garantieren, die Bewohner bestmöglich gegen das Virus zu schützen und gleichzeitig die Lebensqualität zu erhalten."

Zum Glück planten die meisten Häuser von sich aus mehr Personal ein. Es müssten aber ebenfalls Hygienefachkräfte finanziert werden, die das Personal darin unterstützen, die aktuellen wissenschaftlichen Empfehlungen umzusetzen.

Direktionsbeauftragte mit Pflegeausbildung


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Die Anil hätte auch gerne, dass die Direktionsbeauftragten aus dem Pflegeberuf kommen sollen und fordert einen adäquaten Einsatz des Personals. „Erzieher und unqualifizierte Pflegeassistenten sollten keine Pflegehandlungen mehr vornehmen müssen. So würden sich Infektionen weniger verbreiten und Komplikationen wie Unterernährung, Dehydrierung, Lungenentzündungen könnten rechtzeitig erkannt werden.“ 

Unsinnig sei auch die Regelung, dass die sozio-familiären Hilfskräfte zwei Jahre ohne Ausbildung in der Pflege arbeiten müssen, bevor sie die Pflegeausbildung beginnen können. „Das macht doch gar keinen Sinn“, wendet Koch ein. Die Anil möchte auch zur Förderung der Gesundheit, dass dem Personal und den Bewohnern eine psychologische Hilfe angeboten wird.  Sowie ein Pool an Pflegepersonen, die dort einspringen können, wo es brennt.

Man wisse, dass nicht immer jede Situation vorauszusehen ist. „Wir sind uns auch bewusst, dass wir mit Menschen arbeiten und jeder Mensch anders ist. Aber genau deswegen brauchen wir mehr Unterstützung bei unserem täglichen Kampf gegen das Virus“, sagt Koch.

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