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Paulette Lenert: Hohe Dunkelziffer sehr wahrscheinlich
Politik 5 Min. 24.10.2020

Paulette Lenert: Hohe Dunkelziffer sehr wahrscheinlich

Gesundheitsministerin Paulette Lenert stand am Samstagmittag Rede und Antwort.

Paulette Lenert: Hohe Dunkelziffer sehr wahrscheinlich

Gesundheitsministerin Paulette Lenert stand am Samstagmittag Rede und Antwort.
Foto: Anouk Antony
Politik 5 Min. 24.10.2020

Paulette Lenert: Hohe Dunkelziffer sehr wahrscheinlich

Sarah CAMES
Sarah CAMES
Die jüngsten Proben auf die Viruslast in Kläranlagen hätten "alarmierende" Resultate zutage gebracht, so die Gesundheitsministerin am Samstagmittag.

Am Samstagmittag waren Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP), Alain Schmit, Präsident der Ärztevereinigung AMMD, und der Präsident des Dachverbands der Krankenhäuser FHL, Paul Junck, zu Gast im RTL Background, wo sie über die aktuelle Corona-Situation und die Vorbereitungen der Krankenhäuser sprachen. 


Politik, Briefing presse-Conseil de Gouvernement, Xavier bette, Paulette Lenert , Coronavirus, Covid-19, Foto: Chris Karaba/Luxemburger Wort
Regierung zieht die Notbremse
Wegen der hohen Zahl an Neuinfektionen verhängt die Regierung eine Ausgangssperre und beschränkt die sozialen Kontakte auf vier Personen. Die neuen Maßnahmen sollen vorerst für einen Monat gelten.

Die Frage, ob die Regierung von der rasanten Zunahme der Neuinfektionen überrascht worden sei, verneinte die Gesundheitsministerin. Anhand entsprechender Vorhersagen habe man sich auf ein Worst-Case-Szenario einstellen können, doch Vorhersagen seien nicht immer zuverlässig. Zwei vorangegangene Wellen habe man trotz düsteren Voraussagen erfolgreich eindämmen können und so sei man auch dieses Mal optimistisch gewesen, dass sich das Blatt noch einmal wenden könne. Die rasante Zunahme habe sich erst in den vergangenen Tagen abgezeichnet, so dass man sich gezwungen sah, zu reagieren.

„Wir arbeiten faktenbasiert und wenn wir neue Maßnahmen ergreifen, dann müssen wir die Notwendigkeit dieser Maßnahmen immer auch belegen können“, so die Gesundheitsministerin. Vor einer Woche habe man diesen Nachweis noch nicht erbringen können, inzwischen habe sich die Situation allerdings geändert. Die jüngsten Resultate aus den Kläranlagen seien ein alarmierender Hinweis darauf, dass es, anders als vergangene Woche, mittlerweile eine hohe Dunkelziffer an Infizierten gibt.

Wenn sich bis 10 oder 15 Prozent der Menschen nicht an die Vorgaben halten, dann reicht das, um den Zug zum Entgleisen zu bringen.

Paul Junck

Junck präzisierte, dass die Eigenverantwortung der Bürger - auch mit neuen Maßnahmen - weiterhin ein wichtiger Faktor in der Bekämpfung des Virus sei. „Es ist wichtig, dass sich die Bevölkerung auch an die Vorgaben hält und sich immer fragt 'Ist mein Vorhaben wirklich wichtig oder kann ich das vertagen?'“ Die neuen Maßnahmen seien nicht zu spät gekommen, da Luxemburg auch in den vergangenen Monaten bereits über Einschränkungen verfügte, die im Ausland nicht galten. Die Ankündigungen der Regierung seien aber immer bloß eine Seite der Medaille - das andere sei, was die Menschen daraus machen. „Wenn sich bis zu 10 oder 15 Prozent der Menschen nicht an die Vorgaben halten, dann reicht das, um den Zug zum Entgleisen zu bringen“, so Junck. 

Paul Junck findet nicht, dass die neuen Massnahmen zu spät gekommen sind.
Paul Junck findet nicht, dass die neuen Massnahmen zu spät gekommen sind.
Foto: Gilles KAYSER

Lenert führte den Anstieg der Neuinfektionen auch zum Teil auf ein falsches Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung zurück. In der Vergangenheit hätten die Maßnahmen relativ schnell gegriffen und auch über den Sommer seien die Zahlen stabil geblieben. Viele Menschen seien sich der Gefahr deshalb wahrscheinlich nicht mehr so bewusst gewesen. Mittlerweile sei diese aber wieder präsenter: „Im Moment kennen wohl die meisten Menschen jemanden, der entweder in Quarantäne oder selbst infiziert ist“, so die Gesundheitsministerin. 

Alain Schmit möchte einen zweiten Lockdown vermeiden.
Alain Schmit möchte einen zweiten Lockdown vermeiden.
Foto: Chris Karaba/LW-Archiv

Alain Schmit erklärte, es sei jetzt wichtig aus den Lektionen der ersten Welle im März zu lernen. „Wir haben in den Krankenhäusern eine Personaldecke, die durch Infektionen und Quarantänen zu erodieren beginnt“, so der Präsident der Ärztevereinigung AMMD. „Es war seit März unser Wunsch, dass wir sowohl Covid-Patienten als auch reguläre Patienten ausreichend behandeln können. Das ist uns damals auch gelungen.“

Einen zweiten Lockdown wolle man nicht, da der erste bereits erhebliche Folgeschäden mit sich getragen habe. „Wir haben viele Patienten über Monate nicht gesehen“, so Schmit. Viele dieser Patienten seien nach dem Lockdown in einem schlechten Zustand gewesen. „Die anderen Patienten werden dadurch, dass es das Virus gibt, ja nicht weniger krank“, so Schmit. Dabei sei das medizinische Angebot in der ersten Welle größer gewesen als die Nachfrage, ergänzte Junck. Die Patienten seien schlicht zu verängstigt gewesen, sich medizinische Hilfe zu suchen. 

Die anderen Patienten werden dadurch, dass es das Virus gibt, ja nicht weniger krank.

Alain Schmit

Aktuell sei man vonseiten der Krankenhäuser noch gut aufgestellt, dem Virus die Stirn zu bieten, so der Präsident des Dachverbands der Krankenhäuser FHL. Aber mit der Zunahme der Neuinfektionen sei in den kommenden Wochen auch mit einem gesteigerten Zulauf auf die Krankenhäuser zu rechnen. Laut Lenert sei es besonders beunruhigend, dass es in der vergangenen Woche so viele Neuinfektionen bei älteren Menschen gegeben habe. Es wird geschätzt, dass rund 20 Prozent der infizierten über 65 eine stationäre Behandlung benötigen könnten.

„Phase Drei“ imminent

Die Einleitung der „Phase Drei“ an Luxemburgs Krankenhäusern könnte bereits in den nächsten Tagen erfolgen. In einigen Krankenhäusern sei diese bereits in Kraft getreten. Konkret bedeutet das, dass nicht absolut notwendige Eingriffe zurückgefahren werden, um Personal für die Behandlung von Covid-Patienten freizumachen. Wichtige Behandlungen und Noteingriffe würden allerdings auch weiterhin gewährleistet bleiben. Außerdem erhalten die Krankenhäuser in der „Phase Drei“ ein finanzielles Kontingent zur Personalaufstockung. Entsprechende Verhandlungen mit der CNS laufen derzeit aber noch. 

Es war nicht unsere Absicht, die Krankenhäuser der Nachbarregionen auszubluten.

Paulette Lenert

TOPSHOT - A nurse tends to an elderly woman suspected of being infected with Covid-19 at the emergency service of the Andre Gregoire hospital in Montreuil east of Paris on October 15, 2020. (Photo by Christophe ARCHAMBAULT / AFP)
Wegen Luxemburg: Nachbarregion fehlen Pflegekräfte
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Bei Neueinstellungen müsse man jedoch auch darauf achten „international solidarisch“ zu bleiben, so die Gesundheitsministerin. „Im Laufe der Pandemie haben wir bereits viel Personal aus den Nachbarländern rekrutiert“ - ein Umstand, der in der ausländischen Presse bereits vermehrt negativ aufgefallen war. „Es war nicht unsere Absicht, die Krankenhäuser der Nachbarregionen auszubluten“, so Lenert. Schmit sprach sich derweil auch gegen Einstellungen aus den Nachbarländern aus. Vielmehr müsse man durch interne Umstrukturierungen mehr Zeit für die Pflegekräfte frei machen, um sich um Patienten zu kümmern. So sei es zum Beispiel denkbar, administrative Aufgaben zukünftig von der Patientenbetreuung komplett abzukoppeln. 


Seniorenheime: "Wir wollen an der Normalität festhalten"
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Ein Wiederaufbau der Centre des soins avancés - die in Centres de consultations Covid umgetauft wurden - sei derzeit noch nicht geplant, so Lenert. „Das hängt vor allem davon ab, wie die Situation vor Ort aussieht“, so die Gesundheitsministerin. Sollte die Zahl der Menschen, die mit Symptomen bei Hausärzten und in den Notaufnahmen vorstellig werden, signifikant steigen, würden die Strukturen wieder aufgebaut. Dies sei momentan aber noch nicht der Fall. Die Centres de consultations Covid könnten sehr kurzfristig wiederaufgerichtet werden, sollte dies nötig werden, erklärte Schmit. 40 bis 50 Hausärzte seien in Bereitschaft.

Um weiteren Infektionsclustern in Krankenhäusern oder in Pflegeeinrichtungen vorzubeugen, überarbeite das Gesundheitsministerium in Zusammenarbeit mit dem Familienministerium derzeit außerdem die Empfehlungen für Patientenbesuche, so Lenert. Jeder Besuch berge ein Risiko sowohl für den Patienten, den Besucher, sowie auch für das Personal. Um die Infektionsketten in Alters- und Pflegeheimen zu unterbinden, sei derzeit ein mobiles Testteam unterwegs, das sowohl die Bewohner der Einrichtungen, als auch das Personal flächendeckend auf das Virus teste. Vor allem drei Einrichtungen seien momentan von Infektionen im zweistelligen Bereich betroffen, so Lenert.

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