Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Opfer aus Luxemburg erzählen über Missbrauch in der Kirche
Politik 13 Min. 10.10.2020

Opfer aus Luxemburg erzählen über Missbrauch in der Kirche

Am Institut St. Francois in Grevenmacher kam es in den 60er und 70er Jahren zu Fällen von sexuellem Missbrauch.

Opfer aus Luxemburg erzählen über Missbrauch in der Kirche

Am Institut St. Francois in Grevenmacher kam es in den 60er und 70er Jahren zu Fällen von sexuellem Missbrauch.
Foto: Gerry Huberty
Politik 13 Min. 10.10.2020

Opfer aus Luxemburg erzählen über Missbrauch in der Kirche

Michael MERTEN
Michael MERTEN
Es sind die dunkelsten Erinnerungen ihrer Kindheit: Zwei Luxemburger erzählen, wie sie als Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch durch einen Geistlichen geworden sind.

Es sind die dunkelsten Erinnerungen seiner Kindheit, die Denis Mees aus seinem Gedächtnis hervorkramt, doch er erzählt sie in nüchternem Tonfall. So ruhig und besonnen, wie er dem Reporter in seiner kleinen Wohnung in Hesperingen einen Kaffee serviert

Abgeklärt, mit dem Abstand von Jahrzehnten, in denen er diese Erinnerungen immer wieder durchdacht und manchmal auch wieder durchlitten hat. Mit der nüchternen Distanz des Erwachsenen, dem gelegentlich die Wut über das Geschehene ins Gesicht geschrieben steht, stellt er noch Milch und Zucker auf den Tisch und kommt dann ohne viel Vorgeplänkel auf den Punkt.

Der Duschtag

„Ich kann mich erinnern an den ersten Tag, als ich dort ankam, da ging es im Grunde schon los“, sagt Mees, 56. Sechs Jahre alt war er damals, als er zum Institut St. François in Trägerschaft der Franziskanerschwestern der Barmherzigkeit kommt. 

Die Nonnen kümmern sich in Luxemburg seit mehr als 150 Jahren um Waisenkinder, um Kranke, um Alte; ihr Wirken ist eine Geschichte der Nächstenliebe. Einer Nächstenliebe, deren breiter Mantel tiefe Schatten geworfen hat. Der erste Schultag 1971 sollte der Tag sein, an dem ein neues Lebensabenteuer für Denis beginnt. Es wurde der Duschtag, an dem sein Leidensweg begann. 

Denis Mees im Alter von 9 Jahren.
Denis Mees im Alter von 9 Jahren.
Foto: Privat

Duschtag. Das hieß: „Ich sollte mich im Beisein der anderen Jungen ausziehen.“ Zum ersten Mal in seinem Leben; in einer Phase seiner Kindheit, als er sich schon genierte, wenn seine Mutter mal ins Bad kam. Duschen war etwas Intimes für Denis gewesen. Etwas, bei dem er allein sein wollte. 

Dort, im Internat, gab es nach seiner Erinnerung zwar auch Duschkabinen, doch mit Intimität hatte das nichts zu tun. „Jetzt aber waren auch die Ordensfrauen anwesend“, sagt Mees. Und fährt mit unbewegter Miene fort: „Ich erinnere mich, wie eine Nonne auf meinen Penis gezeigt hat und gesagt hat: 'Und der Dreck, der wird auch gewaschen.' Mit einer Waschbürste hat sie ihn dann geschrubbt. Das war ein Horror; das Gefühl habe ich immer noch im Kopf.“ Mees atmet aus, dann erzählt er weiter: „Die schlimmsten Erinnerungen verbinde ich mit dem Pater.“   

Der Missbrauchsskandal erschüttert die Kirche

Um zu verstehen, was Denis Mees antreibt, mit diesen Erinnerungen erstmals an die Öffentlichkeit zu gehen, muss man eine Dekade zurückblicken. 2010 ist ein erschütterndes Jahr für die katholische Kirche. Das Jahr, in dem die ganzen Dimensionen eines der schrecklichsten Verbrechen in der 2000-jährigen Geschichte der Institution offensichtlich werden: der flächendeckende Missbrauch an Kindern und Jugendlichen durch Priester und Ordensleute.

Schule und Tatort: Das Institut St. Francois in Grevenmacher.
Schule und Tatort: Das Institut St. Francois in Grevenmacher.
Foto: Gerry Huberty

Es ist dies freilich nicht der erste Skandal. Im Jahr 2002 etwa enthüllt der „Boston Globe“ tausendfache Fälle sexualisierter Gewalt an Kindern durch Priester im Erzbistum Boston. 2009 werden zahlreiche Fälle von Missbrauch und Vertuschung in Irland belegt.

Aber die USA und Irland sind weit weg vom Vatikan. Weit weg von Luxemburg. Zwar kommen auch im Großherzogtum immer mal wieder Fälle an die Öffentlichkeit. Sie werden aber als Einzelfälle wahrgenommen. Das ändert sich endgültig, als am 28. Januar 2010 ein Beben die katholische Kirche in Deutschland erfasst und auch das Erzbistum Luxemburg erschüttert. 

Auslöser ist ein Jesuitenpater: Klaus Mertes, der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, geht mit Berichten über Missbrauchsfälle in den 70er- und 80er-Jahren an die Öffentlichkeit. Ein Kirchenmann bricht mit der unseligen Tradition des Vertuschens - und eine Welle an Enthüllungen wird losgetreten. Die Bischöfe reagieren, indem sie die Richtlinien verschärfen, Anerkennungszahlungen leisten, Studien ankündigen.

Die Aufarbeitung in Luxemburg beginnt 

Auch in Luxemburg tut sich in diesen turbulenten Monaten des ersten Halbjahres 2010 viel. Das unter Druck geratene Erzbistum bemüht sich um eine systematische Aufklärung. Über die „Hotline Cathol“ stehen vom 6. April bis zum 16. Juli 2010 Mitarbeiter des Erzbistums für Gespräche zur Verfügung. 138 Gesprächspartner nutzen das Angebot, wie aus dem Abschlussbericht der Koordinatoren Simone und Mill Majerus-Schmit hervorgeht. 

Die Kirche hat es nun schwarz auf weiß, dass Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen „weitgehend ignoriert, überspielt, vertuscht, ja totgeschwiegen wurde“. Sie schreiben: „Es ist für viele Opfer im ersten Sinne des Wortes unfassbar, dass Vertreter einer Einrichtung, die sich auf die Liebes-­ und Lebensbotschaft der Evangelien beruft, selber schlimmste Gewalt ausüben und zulassen.“

"Das war ein knallhartes Regime, da hat man sich nicht getraut, sich beim Essen normal zu unterhalten", erzählt Denis Mees von seiner Internatszeit.
"Das war ein knallhartes Regime, da hat man sich nicht getraut, sich beim Essen normal zu unterhalten", erzählt Denis Mees von seiner Internatszeit.
Chris Karaba

In dem Bericht heißt es, dass es vor allem in kirchlichen Heimen und Internaten zu Fällen von körperlicher Gewalt kam, die über die damals weit verbreitete „gelegentliche Ohrfeige“ oder die Züchtigung hinausging. In den Erzählungen der Opfer ist nicht nur von sexuellem Missbrauch, sondern auch von grenzüberschreitender Gewalt die Rede: Die Betroffenen erwähnen den Einsatz von Schlaginstrumenten, Willkür, Sadismus, fehlende emotionale Kontrolle und die Benachteiligung bestimmter Kinder. 

Der Junge hat bei jedem Schlag geheult und wir haben mitgeheult. Wir haben ihn losgelassen, doch dann sind wir auch bestraft worden.

Denis Mees

Wenn Denis Mees an die Umstände seiner Internatszeit zurückdenkt, sagt er: „Das war ein knallhartes Regime, da hat man sich nicht getraut, sich beim Essen normal zu unterhalten.“ Dafür habe es fünf Schläge auf die Finger gegeben. „Und wenn man den Teller nicht aufgegessen hat, haben die Schwestern gesagt: Das wird jetzt gegessen, sonst gibt es demnächst nichts mehr. Man hat das dann runter gewürgt. Deshalb gibt es immer noch bestimmte Sachen, die ich heute noch nicht essen kann.“ 

Genau vor Augen hat Mees auch noch den Moment, als ein verhaltensauffälliger Schüler – „damals hat man Zappelphilipp gesagt“ – bestraft wurde. Denis und drei weitere Kameraden mussten ihren Mitschüler festhalten; dann setzte es vom Lehrer zehn feste Schläge mit dem Ein-Meter-Lineal auf den Hintern. „Der Junge hat bei jedem Schlag geheult und wir haben mitgeheult. Wir haben ihn losgelassen, doch dann sind wir auch bestraft worden mit fünf Schlägen auf die Finger“, berichtet Mees.

Der Pater 

Da sind die Nonnen und Angestellten mit ihren rigiden Erziehungsmethoden. Und da ist der Pater: Pierre W., ein im Kirchenvolk beliebter Kaplan in Grevenmacher - und ein von den Jungen gefürchteter Aumônier am dortigen Internat. Nicht nur Denis Mees hat unter dem Kirchenmann gelitten, sondern auch andere ehemalige Internatsschüler. Einer davon ist Christian Faber, Jahrgang 1963. Als Sohn von Schiffsleuten, die viel unterwegs waren, lebte er von 1969 bis 1975 im Institut. Viele Mitschüler hatten Eltern, die nur wenig Zeit für ihre Kinder hatten: da waren Schaustellerfamilien dabei, aber auch Schichtarbeiter wie die Eltern von Mees. 

Im vergangenen Jahr hat sich Faber dazu durchgerungen, ein Fernsehinterview zu geben und von den damaligen Vorfällen zu erzählen. Wenn er von den Lebensumständen seiner Kindheit spricht, dann klingt das, als läge es schon Jahrhunderte zurück. Dabei waren es die späten 60er, frühen 70er Jahre. 

„Der Pfarrer war mehr als der Bürgermeister, der Lehrer, der Polizist im Dorf“, erläutert er. Auch Pierre W., der der Ordensgemeinschaft der Herz-Jesu-Priester angehörte, hatte ein gutes Standing: „Er war bekannt wie ein bunter Hund in Grevenmacher“, sagt Faber und muss lächeln, als er eine Anekdote erzählt. „Er wurde eingebunden, weil er trinkfest und lebenslustig war. Einmal hatte er eine Wette verloren und hat mitten in der Nacht die Glocken geläutet.“

Christian Faber als Junge
Christian Faber als Junge
Foto: Privat

Doch das Lächeln vergeht Faber schnell, als er fortfährt; seine Miene verdüstert sich binnen Sekunden. Er denkt jetzt an den riesigen Schlafsaal zurück, in dem er als Kind untergebracht war. Nebendran gab es einen kleineren Raum; dort habe Pierre W. sich mehrfach an ihm vergangen: "Da hat der Pater einen an sich herangezogen; er hat die Hose runtergezogen. Er hat mich angefasst und ich musste ihn anfassen." Wie oft sich diese traumatischen Ereignisse wiederholten, weiß Faber nicht mehr.

Die Eltern von Christian Faber waren Schiffsleute in Grevenmacher, die wenig Zeit für ihren Sohn hatten. Das habe der Pater ausgenutzt und gezielt Opfer wie ihn ausgewählt, mutmaßt Faber.
Die Eltern von Christian Faber waren Schiffsleute in Grevenmacher, die wenig Zeit für ihren Sohn hatten. Das habe der Pater ausgenutzt und gezielt Opfer wie ihn ausgewählt, mutmaßt Faber.
Foto: Privat

Das Beichtgespräch

Denis Mees hat noch genau den Moment vor Augen, als er zum ersten Mal mit den anderen Jungen in einer Schlange vor der Kapelle stand, um beichten zu gehen. Er habe sich gewundert, dass die anderen Kinder nicht da rein gehen wollten. „Ein Junge hat regelrecht Panik bekommen“, sagt er. Denis war der zweite in der Reihe; er betrat die von Weihrauch benebelte Kapelle und wunderte sich, dass auch der örtliche Friseur anwesend war. Mees erzählt: „Ich saß zwischen oder neben den beiden, das weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall hat der Pater sein Ding rausgenommen und mich dazu ermutigt, es anzufassen. Und der Friseur hat zugeschaut; die haben sich gegenseitig bestärkt.“ 

Denis Mees als Jugendlicher von 14, 15 Jahren. Seine Schulzeit im Internat hat er als strenges Regiment erlebt. "Damals bin ich in Konfliktsituationen sofort aggressiv geworden. Ich konnte mich ja nicht ausdrücken", sagt er.
Denis Mees als Jugendlicher von 14, 15 Jahren. Seine Schulzeit im Internat hat er als strenges Regiment erlebt. "Damals bin ich in Konfliktsituationen sofort aggressiv geworden. Ich konnte mich ja nicht ausdrücken", sagt er.
Foto: Privat

Doch der Junge wehrte sich: „Ich habe gesagt: Mein Vater ist groß und stark, der arbeitet in der Fabrik. Und die haben dann von mir gelassen, weil sie gesehen haben, dass ich das Spiel nicht mitgespielt habe.“ Noch heute wundert sich Mees darüber, woher er damals die Kraft nahm, sich dem übermächtigen Gottesmann zu widersetzen.

Jedenfalls habe der Pater ihn eingeschüchtert; er dürfe nichts sagen, sie wüssten ja, wo seine Eltern wohnten. „Wahrscheinlich hat er sich jedes mal jemanden rausgepflückt, weil er sich gedacht hat: Der ist neu oder der ist niedlich oder der ist schwach. Versuchen wir es mal mit dem.“ Mees, der heute in lockerem Kontakt zu Faber steht, sagt: „Der Christian wusste sich nicht zu wehren.“ 

Denis Mees ist nach dem Vorfall nicht mehr missbraucht worden, doch das strenge Regiment des Internats machte ihm sehr zu schaffen. „Ich weiß noch, dass ich mich bei meinen Eltern manchmal beklagt habe. Die haben natürlich gedacht: Der Junge möchte nicht in die Schule, der erzählt uns jetzt irgendwelche Märchen.“ Doch er habe immer wieder seiner Mutter erzählt, dass da was nicht stimme, dass Jungs auch öfter mal aus der Schule abgehauen seien.


Lokales,Erzbistum,150 Jahre Kirche.Jean-Claude Hollerich, Foto: Gerry Huberty/Luxemburger Wort
Missbrauch: Kardinal Hollerich fordert Runden Tisch
Aus Fehlern der Vergangenheit lernen: Jean-Claude Hollerich äußerte sich am Freitag in einem Interview über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche.

Und dann kam mit neun Jahren das dritte Schuljahr, „als meine Mutter schlussendlich anfing zu zweifeln und anfing, mir zu glauben, dass was schief läuft im Internat.“ Sie nahm ihn zum Halbjahr aus dem Internat und schickte ihn zu einer regulären Schule, in der sich ihr Sohn erst mühsam zurechtfinden musste. „Damals bin ich in Konfliktsituationen sofort aggressiv geworden. Ich konnte mich ja nicht ausdrücken“, erinnert er sich.

Ich hatte ein Opfergedächtnis. Das wurde in irgendeinem Schrank abgelegt, weil ja auch damals gesagt wurde: Das ist unser Geheimnis, du darfst davon nichts sagen.

Christian Faber

Für Christian Faber endete die Zeit im Internat erst mit zwölf Jahren. Er ist sich sicher: Was in den Jahren im Institut geschah, hat sein Leben, seine Beziehungen negativ beeinflusst. 

Ihm hätten damals wesentliche Sozialkompetenzen gefehlt, sagt er; „man baut sich eine Fassade auf, man will anderen nicht seine Schwäche zeigen“. Nach außen hin gibt er sich selbstsicher und gesellig; doch er entwickelt ein Alkoholproblem, hat Beziehungsprobleme. Dass er selbst ein Missbrauchsopfer ist, „daran habe ich bis zum Alter von 45 Jahren nicht gedacht“, sagt er. Heute weiß er, warum das so ist: „Ich hatte ein Opfergedächtnis. Das wurde in irgendeinem Schrank abgelegt, weil ja auch damal gesagt wurde: Das ist unser Geheimnis, du darfst davon nichts sagen.“

Christian Faber hat 2010 von der Kirche eine Zahlung über 5.000 Euro erhalten. Doch allein für Therapiekosten habe er bislang einen hohen fünfstelligen Beitrag ausgegeben, sagt er.
Christian Faber hat 2010 von der Kirche eine Zahlung über 5.000 Euro erhalten. Doch allein für Therapiekosten habe er bislang einen hohen fünfstelligen Beitrag ausgegeben, sagt er.
Gerry Huberty

Doch Faber spricht darüber. Arbeitet die Erlebnisse therapeutisch auf. Meistert sein Alkoholproblem. „Mir geht es jetzt besser, aber ich bin immer noch davon geplagt“, sagt er. Noch heute habe er große Schwierigkeiten in intimen Situationen; der eigentümliche Geruch der Soutane komme da in ihm hoch. 

Faber denkt kurz nach, dann fällt jener Satz, der sich so auch im Abschlussbericht der Hotline von 2010 findet: “Die Mitarbeiter wissen um den jahrzehntelangen Leidensweg vieler Betroffener. 'Wir haben lebenslänglich!', so bringen es immer wieder Opfer sexueller und auch schlimmer physischer Gewalt auf den Punkt."


Papst Franziskus bei einem Treffen mit irischen Bischöfen am Ende seiner Irland-Reise.
Auf die Opfer hören
Die Kirche darf kein Ort sein für Kinderschänder und für ein Machtgeflecht, das die Täter vor Entdeckung und Strafe bewahrt.

Die stille Wut von Denis Mees, der mit der Kirche nichts mehr am Hut hat, ist noch heute zu spüren: „Der Priester ist einer, dem man vertrauen können sollte, der aber dann sein Amt und seine Macht missbraucht und Kinder auf schändliche Art und Weise misshandelt hat.“ Pater Pierre W. ist 1978 mit 63 Jahren gestorben. „Seinen Freunden schenkte er aufrechte Liebe“, hieß es in einem Nachruf seines Ordens. Er sei von aufrechter Liebe, tiefem Glauben und echter Frömmigkeit geprägt gewesen.

Die Vorwürfe, die Opfer wie Denis Mees und Christian Faber gegen den Pater erheben, lassen sich mit dem Abstand eines halben Jahrhunderts nicht mehr auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen, weshalb der Beschuldigte nicht mit vollem Namen genannt werden soll. Doch ihre Erzählungen sind im Kontext des Missbrauchsskandals plausibel, sie decken sich mit den Angaben anderer mutmaßlicher Opfer.

Christian Faber (links) und Denis Mees haben auch ein halbes Jahrhundert nach den Ereignissen noch mit dem Missbrauch zu kämpfen.
Christian Faber (links) und Denis Mees haben auch ein halbes Jahrhundert nach den Ereignissen noch mit dem Missbrauch zu kämpfen.
Foto: Chris Karaba

Die Reaktion der Kirche

Mehrfach schon hat sich der Luxemburger Erzbischof Jean-Claude Hollerich mit Missbrauchsopfern getroffen. Dabei habe er bemerkt, dass es für viele Betroffene eine Art Befreiung war, Hauptvertreter der katholischen Kirche in Luxemburg ihr Leid mitteilen zu können. Manchmal hätten die Opfer geweint. „Ich musste mitweinen, weil das so unendlich traurig ist und ich mich in Grund und Boden schäme für das, was Vertreter der Kirche getan haben“, sagt der Kardinal dem „Luxemburger Wort“.

Betroffen zeigt sich auch die Generaloberin der Franziskanerinnen, Schwester Dorothe-Maria Lause. Sie betont: „Wir haben die Betroffenen zu Gesprächen eingeladen und uns viel Zeit genommen.“ Bei der 150-Jahr-Feier der Kongregation der Franziskanerschwestern der Barmherzigkeit bat sie 2019 um Entschuldigung für die Geschehnisse: „Ich habe mich an die Menschen gewandt, denen Unrecht geschehen ist, das nie hätte passieren dürfen.“

Was genau damals im Internat passiert war, das lässt sich auch für den Orden heute nicht mehr aufklären. „Aus der Zeit lebt niemand mehr; es gibt keine Möglichkeit mehr, die andere Seite zu hören“, sagt Schwester Dorothe-Maria Lause. Sie räumt aber die Fälle von körperlichen Züchtigungen, Erniedrigungen und sexueller Gewalt ein. In der damaligen Zeit habe es ein ganz anderes Autoritätsverständnis gegeben; auch seien viele Schwestern und andere Erzieherinnen aufgrund fehlender pädagogischer Kenntnisse mit der Situation überfordert gewesen.


Politik, Interview, mit Generalvikar Patrick Muller. Foto: Chris Karaba/Luxemburger Wort
Generalvikar über Missbrauch: "Dürfen nichts vertuschen"
Vor einem Jahr gab es einen große Antimissbrauchsgipfel im Vatikan. Seitdem hat sich einiges getan - auch bei der Luxemburger Kirche, wie Generalvikar Patrick Muller im Interview verrät

Doch war es wirklich denkbar, dass die Nonnen nichts von den Dimensionen des sexuellen Missbrauchs durch Geistliche mitbekommen haben? Schwester Dorothe-Maria möchte sich nicht an Spekulationen beteiligen: „Ich weiß nicht, was damals gewusst wurde und was von Seiten der Schule aufgefallen ist.“ 

 „Verarbeiten tut man das nie ganz“, ist sich Mees sicher. Rachegefühle trägt er nicht in sich, sagt er. Dass sein Peiniger nie juristisch belangt worden ist, nimmt er hin; daran kann er nichts mehr ändern, denn der Pater ist nun mal lange tot. Das ist für Denis Mees auch nicht der entscheidende Punkt. Denn ihm kommt es auf etwas anderes an: „Das darf nicht mehr passieren.“

Folgen Sie uns auf Facebook und Twitter und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Das war 2019: Februar: Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan
Das wohl dunkelste Kapitel der jüngeren Kirchengeschichte stand im Februar im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit: Auf ranghöchster Ebene hat sich der Vatikan bei einem viertägigen Gipfel mit dem Thema Missbrauch befasst. Die Ergebnisse haben viele Beobachter jedoch enttäuscht.
Papst Franziskus spricht bei einer Konferenz zum Thema Missbrauch im Vatikan.