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Offene Wege
Leitartikel Politik 2 Min. 24.10.2014 Aus unserem online-Archiv
Editorial

Offene Wege

Leitartikel Politik 2 Min. 24.10.2014 Aus unserem online-Archiv
Editorial

Offene Wege

Roland ARENS
Roland ARENS
Ein Papst, der Kardinälen Kekse spendiert. Bischöfe, die nicht vom Blatt ablesen und kein Latein sprechen. Ein Ehepaar, das vor 200 Konferenzteilnehmern offen über seine Sexualität spricht. Ja, es gab eine neue Offenheit bei der Bischofssynode in Rom.

Ein Papst, der Kardinälen Kekse spendiert. Bischöfe, die nicht vom Blatt ablesen und kein Latein sprechen. Ein Ehepaar, das vor 200 Konferenzteilnehmern offen über seine Sexualität spricht. Ja, es gab eine neue Offenheit bei der Bischofssynode in Rom. Manche Beobachter hatten von den zweiwöchigen Beratungen in Rom mitunter spektakuläre Entscheidungen erwartet. Vergleiche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) wurden sogar bemüht, nachdem der erste Zwischenbericht vorlag und Erwartungen auf eine Öffnung der Kirche in Sachen Ehe und Familie geweckt hatte.

Die Fragen, die sich zur Zukunft des traditionellen Familienbilds stellen, sind ebenso heikel wie vielschichtig. Wir leben in einer Zeit, in der immer mehr Menschen, auch Gläubige, sich für andere Lebensentwürfe entscheiden oder entscheiden müssen. Und welche Kluft sich zwischen der kirchlichen Morallehre und dem Handeln der Katholiken gebildet hat, machten die Ergebnisse der Umfrage zu Ehe, Familie und Sexualität deutlich, die auch in Luxemburg durchgeführt worden war.

Aus Sicht der Reformgegner wurde ein Dammbruch verhindert. Doch mit dem Votum sind die Themen keineswegs vom Tisch.

Es konnte daher kaum überraschen, dass vor allem der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen in den Fokus der Medien und der Öffentlichkeit rücken würde. Kann man mit erhobenem Zeigefinger und unter Verweis auf die Lehre Wiederverheirateten den Kommunionempfang verweigern? Oder soll die Kirche, wenigstens unter bestimmten Bedingungen, eine Zulassung zu den Sakramenten ermöglichen? Diese Fragen gehören seit Jahrzehnten zu den zentralen Streitthemen in west-europäischen Ortskirchen, unter Gläubigen nicht weniger als bei Theologen und Kirchenführern.

Obwohl im Lauf der Synode bis zuletzt um konsensfähige Formulierungen gerungen wurde, blieb den besonders strittigen Abschnitten über den Umgang mit Homosexuellen und den Wiederverheirateten am Ende jene Zweidrittelmehrheit versagt, die erforderlich gewesen wäre, um diese ins Abschlussdokument der Synode aufzunehmen. Aus Sicht der Reformgegner wurde damit ein Dammbruch verhindert.

Doch mit dem Votum sind die Themen keineswegs vom Tisch. Kardinal Walter Kasper, einer der Befürworter einer Öffnung, hat in einem Interview kurz nach der Synode gesagt, dass es einen „offenen Weg in Richtung zweite Synode“ gebe. Und auch der Papst sprach davon, dass jetzt ein Jahr Zeit sei, die Ideen reifen zu lassen und Lösungen zu finden. Zudem hat Franziskus verfügt, dass nicht nur das Schlussdokument veröffentlicht wird, sondern auch die nicht zurückbehaltenen Passagen sowie die letztlich sehr knappen Abstimmungsergebnisse.

Abgesehen von dem offenen Stil und der lebhaften Debatten, die der Papst gewollt und gefördert hat, haben die Marathonberatungen in Rom nicht die von vielen Katholiken erhofften Antworten gegeben. Doch für eine abschließende Einschätzung ist es vom Zeitplan her noch zu früh. Die außerordentliche Versammlung im Vatikan markiert erst die Halbzeit des Diskussionsprozesses, der mit der weltweiten Umfrage begann und in die ordentliche Synode im kommenden Jahr mündet. Erst wenn deren Schlussfolgerungen vorliegen, wird man absehen können, ob die Familiensynode wirklich ein „pastorales Erdbeben“ ausgelöst hat.


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