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Neues Kollektiv fordert, die Natur verstärkt als Lernort zu nutzen
Politik 4 Min. 27.04.2021

Neues Kollektiv fordert, die Natur verstärkt als Lernort zu nutzen

Das Kollektiv "Kanner virun d'Dier" méchte, dass die Schule wieder näher am Leben und der Natur ist.

Neues Kollektiv fordert, die Natur verstärkt als Lernort zu nutzen

Das Kollektiv "Kanner virun d'Dier" méchte, dass die Schule wieder näher am Leben und der Natur ist.
Foto: Guy Jallay
Politik 4 Min. 27.04.2021

Neues Kollektiv fordert, die Natur verstärkt als Lernort zu nutzen

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Raus aus dem Klassenraum, hinaus in die Natur, lautet das Motto des Kollektivs "Kanner virun d'Dier".

Schulunterricht findet mehrheitlich in Klassenräumen statt. Dabei könnte Unterricht auch draußen in der Natur stattfinden. Er sollte sogar mehr draußen stattfinden, weil man Kompetenzen vor allem durch Tun und in der direkten Auseinandersetzung mit der Natur erwirbt, finden die Initiatoren einer Plattform, die sich „Kanner virun d'Dier“ nennt. Sie wollen neuen Wind in den pädagogischen Alltag bringen.


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Die Initiatoren stellen eine „Verflachung des Lernens“ fest, wie Georges Theis, Lehrer in der „Naturschoul Lasauvage“ und Mitbegründer der Plattform, erklärt. „Die Schule scheint immer mehr auf 2D zu gehen, aber wir brauchen eine 3D-Schule. Wir brauchen wieder mehr Leben in der Schule und die Schule muss wieder mehr hinaus ins Leben“, sagte Theis gestern bei der Vorstellung der Plattform vor dem „Haus vun der Natur“ auf Kockelscheuer.

Georges Theis ist der Ansicht, dass eine ganze Reihe Lehrer sich bemühen, neue Lernpfade zu erkunden. Aber im Großen und Ganzen würde die Schule noch zu sehr am Formalismus festhalten. Viele Lehrer seien dem Programmdruck erlegen und dem Unterricht fehle zusehends der Bezug zum wahren Leben, zur Natur. 

Wir wollen die Lehrer ermutigen, den Bewegungs- und Erfahrungsdrang der Kinder zu nutzen, auch wenn es regnet, kalt ist oder schneit.

Pit Mischo, pensionierter Grundschullehrer

Pit Mischo ist pensionierter Grundschullehrer und Gründer der „Naturschoul Lasauvage“. Er bildet an der Uni Luxemburg Lehramtsstudenten im Bereich Natur und Umwelt aus und hat in seiner Lehrerlaufbahn die Erfahrung gemacht, dass die Kinder das Bedürfnis haben, draußen zu sein, sich zu bewegen, Erfahrungen in und mit der Natur zu machen. „Wir wollen die Lehrer ermutigen, diesen Bewegungs- und Erfahrungsdrang zu nutzen, auch wenn es regnet, kalt ist oder schneit“, so Mischo.  

Lernen fürs Leben

Die Plattform will Lehrer dazu ermuntern, sich vom Programm und Zeitdruck zu lösen, erste Schritte in Richtung einer neuen Art zu unterrichten zu wagen und Dinge auszuprobieren. Das Motto: Lernen fürs Leben. Was die Plattform unter „Lernen fürs Leben“ versteht, warum digitales und herkömmliches Lernen nicht ausreicht und wie man eine Schule fürs Leben umsetzen kann, dazu haben die Initiatoren ein Papier ausgearbeitet.       

Das Kollektiv wendet sich auch an die Eltern. „Es kann nicht sein, dass die Eltern alles auf die Schule abwälzen, so wie es auch nicht sein kann, dass die Schule alles auf die Eltern abwälzt“, sagte Mischo. Eltern und Schulen müssten zusammenarbeiten. 

Neue Akzente erwartet die Initiative sich auch für die Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte. In der Grundausbildung und in der Fortbildung müsse Lehrern Mut gemacht werden, Unterricht anders zu gestalten und vermehrt nach draußen zu gehen. Des Weiteren müsse das Konzept „Schoul dobaussen“ seinen Niederschlag in den Lehrplänen und im Referenzrahmen der Maisons relais finden.   

Die Gründer des Kollektivs haben in ihren Erfahrungen mit Kindern eine Reihe von alarmierenden Feststellungen gemacht, die sie dazu verleitet haben, aktiv zu werden. „Wir sehen, dass die Kinder nicht mehr die Verbindung mit der Natur haben wie es noch vor einigen Jahren der Fall war. Sie sind entfremdet, nicht nur von der Natur, sondern von allem Natürlichen um sie herum“, erklärte Mischo.  Sorgen bereitet ihnen auch die erneute Feststellung, dass die Bildungsschere immer weiter auseinandergeht. „Das wurde schon vor 30 Jahren in der damaligen Magreb-Studie festgestellt, aber in den vergangenen 30 Jahren ist die Schere noch weiter auseinandergegangen“, bedauert Pit Mischo. 

Und dann sind da noch die beunruhigenden Aussagen von Kinderärzten, Physiotherapeuten oder noch Sportmedizinern, die - wie Mischo meinte - darauf hinweisen, dass immer mehr Kinder motorische Probleme haben, Haltungsschäden entwickeln und übergewichtig sind.

In der Natur machen die Kinder wichtige Grenzerfahrungen und sie entwickeln Beziehungen zu Bäumen, Pflanzen, Tieren.

Renée Fretz, Précoce-Lehrerin

Précoce-Kinder aus Wiltz jeden Tag draußen

Renée Fretz, Précoce-Lehrerin in der Schule Reenert in Wiltz, praktiziert das „Draußen sein“ mit den Kindern Tag für Tag. „Wir sind bei jedem Wetter draußen und erleben die Jahreszeiten mit allen Sinnen“, sagt Fretz. „In der Natur stellen die Kinder sich tagtäglich neuen Herausforderungen, sie machen wichtige Grenzerfahrungen und entwickeln Beziehungen zu Bäumen, Pflanzen, Tieren. Sie erleben die für sie so wichtige Verbundenheit mit der Natur und ihren Freunden“, berichtet die Précoce-Lehrerin.  

Im Précoce und im Kindergarten gehörten Außenaktivitäten vielerorts zum Alltag, erklärt Liz Paulus, die in der Stadt Luxemburg für die „activités-nature“ verantwortlich ist. Aber in den Zyklen 2 bis 4 sei das kaum noch der Fall. Deshalb will die Stadt Luxemburg jetzt das Projekt „Schoul dobaussen“ lancieren, um Grundschullehrer zu motivieren, ihren Unterricht verstärkt nach draußen zu verlegen. Dazu hat die Stadt ein Papier ausgearbeitet, mit praktischen Beispielen und unterschiedlichen Methoden, die man anwenden kann. Die Stadt möchte darüber hinaus enger mit dem IFEN zusammenarbeiten und Fortbildungen für Lehrer anbieten.    

Georges Theis forderte eine Reduzierung des bürokratischen Aufwands, um schulische Aktivitäten außerhalb der Klassenräume zu erleichtern. Außerdem forderte er Bildungsminister Claude Meisch (DP) dazu auf, mit einer klaren und ferventen Botschaft die Lehrer dazu aufzurufen, mit den Kindern „virun d'Dier“ zu gehen. 

„Wir wollen, dass eine Bewegung entsteht“, sagte Francis Schartz, pensionierter Lehrer und Schuldirektor, der sich an seine Anfänge als Biologielehrer in den Siebzigerjahren erinnerte, „als es noch sehr schwierig war, Lehrer zu motivieren, mit ihren Schülern nach draußen zu gehen“, so Schartz. Das sei heute anders, aber eben noch nicht weit genug verbreitet. Schule sei kein Selbstzweck, sondern dazu da, die Kinder auf das Leben vorzubereiten. 

Die Initiative beschränkt sich vorerst auf den Grundschulbereich, „aber wir hoffen, dass der Impuls auch in den Secondaire dringt“, meinte noch Pit Mischo.

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