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Neues Fach "Vie et société": "Keine Revolution, aber notwendig"
Ab diesem Herbst steht für die Secondaire-Schüler das neue Fach "Leben und Gesellschaft" auf dem Programm.

Neues Fach "Vie et société": "Keine Revolution, aber notwendig"

Foto: Gerry Huberty
Ab diesem Herbst steht für die Secondaire-Schüler das neue Fach "Leben und Gesellschaft" auf dem Programm.
Politik 2 Min. 07.07.2016

Neues Fach "Vie et société": "Keine Revolution, aber notwendig"

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Ab der kommenden Rentrée gehört im Secondaire der Religions- und Moralunterricht der Vergangenheit an. Am Donnerstag wurde das Gesetzprojekt zum neuen Fach "Leben und Gesellschaft" mit den Stimmen der Mehrheitsparteien angenommen.

(mig) - Ab der Rentrée 2016/17 ersetzt das neue Fach "Leben und Gesellschaft" den jetzigen Religions- und Moralunterricht im Secondaire. Im Fondamental wird das Fach erst 2017/18 eingeführt. Der Gesetzentwurf wurde am Donnerstag im Parlament mit den Stimmen der Mehrheitsparteien (32) und 28 Nein-Stimmen verabschiedet.

"Vie et société" ist ein Pflichtfach, bei dem sowohl weltanschauliche, philosophische als auch religiöse Sichtweisen auf neutrale Art behandelt werden sollen. Im Zentrum stehen sechs Lernfelder rund um den Zusammenhalt in einer multikulturellen Gesellschaft. Aufgabe des Fachs ist es, einen Zugang zur Pluralität an Werten, Kulturen, Weltanschauungen und Religionen zu ermöglichen und die jungen Menschen zu einer konstruktiven und kritischen Auseinandersetzung anzuregen.

Kein Wissen überstülpen

Den Schülern soll kein Wissen übergestülpt werden. Vielmehr sollen Themenbereiche wie z. B. der Umgang mit existenziellen Fragen wie Leben und Tod aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden, wobei unterschiedliche Sichtweisen und Meinungen kontrovers diskutiert werden. Der Lehrer ist aufgrund des Prinzips des "Überwältigungsverbots" zu Neutralität verpflichtet und darf den Schülern keine Meinung aufdrängen. Auf diese Weise sollen die Schüler mit vielen verschiedenen Anschauungen konfrontiert werden, aus denen sie sich ihr Weltbild zusammenbauen sollen.

Ein notwendiger Schritt

Die Vertreter der Mehrheitsparteien begrüßten die Einführung des einheitlichen Werteunterrichts als einen notwendigen Schritt, um der pluralistischen Gesellschaft von heute gerecht zu werden. Das Fach sei keine Revolution, "aber eine notwendige Anpassung an die heutige Realität", sagte der liberale Abgeordnete Claude Lamberty. Auch der grüne Abgeordnete Claude Adam begrüßte die Einführung des einheitlichen Fachs und plädierte dafür, dem neuen Fach "die Chance zu geben, die es verdient".

Die CSV lehnte die Einführung des einheitlichen Werteunterrichts im Secondaire ab, dies, obwohl sie sich 2013 in ihrem Wahlprogramm dafür ausgesprochen hatte. CSV-Sprecher Laurent Zeimet begründete die Haltung seiner Partei mit dem Argument, dass sie im Wahlprogramm für den Erhalt der Wahlfreiheit zwischen Religions- und Moralunterricht im Fondamental ausgesprochen hatte und dies für die CSV eine Bedingung für die Abschaffung der beiden Teilfächer im Secondaire sei.

CSV: Wahlfreiheit erhalten

Zeimet monierte weiter, dass die Regierung mit ihrem Entschluss, die Wahlfreiheit zugunsten eines einheitlichen Fachs abzuschaffen, sich gegen die vorherrschende Meinung in der Gesellschaft gewandt habe. Er erinnerte in dem Zusammenhang an die Petition zum Erhalt der Wahlfreiheit mit 25.000 Unterschriften, die hohe Zahl an Schülern, die im Religionsunterricht eingeschrieben sind und die TNS-Ilres-Umfrage, wonach 70 Prozent der Befragten sich für den Erhalt der Wahlfreiheit ausgesprochen hatten. Auch sei die historische Chance verpasst worden, den Religionsunterricht durch einen Religionenunterricht zu ersetzen.

ADR: "Cours de rien"

Fernand Kartheiser (ADR) bezeichnete das neue Fach als "Cours de rien", als Einheitsbrei, der nichts in der Tiefe behandle. Nach Ansicht der ADR gehört der Glaube in den privaten Bereich, die Religionen hingegen in den öffentlichen Raum. Hier werde jedoch versucht, die Religionen aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen. Kartheiser warnte vor religiösem Analphabetismus. Alex Bodry rief Kartheiser daraufhin in Erinnerung, dass die ADR selbst einst die Einführung eines Werteunterrichts gefordert hatte.

Eine Art Moralion

Für David Wagner (Déi Lénk) ist das neue Fach der falsche Weg, ein Kompromiss, der niemanden zufriedenstellt, weder die religiösen noch die laizistischen Vertreter. Das Fach sei ein Hybrid, eine Art "Moralion".




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