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Neue Orientierungsprozedur im Fondamental: "Prozedur setzt Lehrer unter Druck"
Politik 2 Min. 05.07.2016 Aus unserem online-Archiv

Neue Orientierungsprozedur im Fondamental: "Prozedur setzt Lehrer unter Druck"

Die neue Prozedur gilt ab der kommenden Rentrée für Schüler des Zyklus 4.1.

Neue Orientierungsprozedur im Fondamental: "Prozedur setzt Lehrer unter Druck"

Die neue Prozedur gilt ab der kommenden Rentrée für Schüler des Zyklus 4.1.
Foto: Lex Kleren
Politik 2 Min. 05.07.2016 Aus unserem online-Archiv

Neue Orientierungsprozedur im Fondamental: "Prozedur setzt Lehrer unter Druck"

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Am Dienstag verabschiedete das Parlament eine neue Orientierungsprozedur vom Fondamental ins Secondaire. Eltern werden enger in die Entscheidung eingebunden. Die Opposition monierte, die neue Prozedur setze die Lehrer zu sehr unter Druck.

(mig) - Ab der kommenden Schul-Rentrée greift eine neue Orientierungsprozedur beim Übergang von der Grundschule ins Secondaire. Die Orientierung beginnt ab dem Zyklus 4.1, also viel früher als bisher. Kern der Prozedur ist die engere Einbindung der Eltern in die Entscheidung. Sie beginnt ab dem Ende des Zyklus 4.1 mit Elterngesprächen, im Rahmen derer erste Überlegungen über die Sekundarschullaufbahn der Kinder angestellt werden. Auch bietet der frühe Zeitpunkt die Gelegenheit, auf etwaige Schwächen der Kinder hinzuweisen und mit gezielten Maßnahmen gegenzusteuern, ganz ohne Zeitdruck.

Abschaffung des Conseil d'orientation

Der Conseil d'orientation, der aus dem Klassenlehrer, dem Inspektor und zwei Sekundarschullehrern sowie, auf Wunsch der Eltern, aus einem Psychologen besteht und die Entscheidung trifft, wird abgeschafft. Grund ist die über 80-prozentige Übereinstimmung von Eltern und Lehrern in der Orientierungsfrage. Der Orientierungsrat ist somit überflüssig.

Was vorher in über 80 Prozent der Fälle von selbst geklappt hat, wird nun offizialisiert: Lehrer und Eltern sollen - ohne Orientierungsrat - zu einer gemeinsamen Entscheidung gelangen. Gelingt das nicht, landet der Fall vor einem nationalen Orientierungsausschuss, der in Streitfällen entscheidet. Bildungsminister Claude Meisch ist zuversichtlich, dass die neue Prozedur den Prozentsatz an Übereinstimmungen zwischen Lehrern und Eltern noch steigern wird.

Abschaffung des Examen recours

Mit der Einführung des nationalen Orientierungsausschusses verschwindet das Examen recours, das Schülern, deren Eltern mit der Entscheidung nicht einverstanden waren, die Chance bot, über eine Prüfung dennoch Zugang zur gewünschten Schullaufbahn zu bekommen. Die Erfolgsquote war mit fünf Prozent jedoch derart gering, dass beschlossen wurde, die Möglichkeit ganz abzuschaffen und den Schülern den Misserfolg zu ersparen.

Die CSV lehnt die Abschaffung des Examen recours ab. CSV-Sprecherin Martine Hansen zufolge wird den Schülern die Chance auf einen Zugang zur gewünschten Schullaufbahn verwehrt. „Den Eltern bleibt dann nur noch der Weg über ein Gerichtsverfahren beim Verwaltungsgericht“, eine langwierige und kostspielige Prozedur, die besonders sozial schwache Familien sich nicht leisten können.

Lehrer unter Druck

Aus den Reihen von CSV und ADR kam die Kritik, die neue Prozedur erhöhe den Druck auf die Lehrer, die den Eltern künftig allein gegenüberstehen. Die Eltern würden an Gewicht gewinnen, was besonders für einflussreiche und gut situierte Familien von Vorteil, sozial schwachen und weniger einflussreichen Familien gegenüber jedoch ungerecht sei, wie Fernand Kartheiser (ADR) meinte. Die bessere Lösung bestünde in einer Aufwertung der Sekundarschullaufbahnen, um eine positive Wahl zu ermöglichen, "statt Lehrer mit der neuen Prozedur in eine schwierige Situation zu bringen", so Kartheiser.

Bildungsminister Claude Meisch entgegnete den Kritikern, dass "professionelle Lehrkräfte einem gewissen Druck Stand halten und argumentieren müssen". Die Prozedur dauere ein Jahr. Man könne also nicht sagen, dass die Eltern von vornherein das letzte Wort hätten, so Meisch.

"Prozedur löst keine Probleme"

David Wagner von Déi Lénk zufolge löst die neue Prozedur die Probleme nicht. Die Orientierung, und damit die Selektion, finde zu früh statt. Wagner sprach sich für eine Gesamtschule (Tronc commun) aus, eine fundamentale Reform, "an die die Politik sich nicht herantraut".

Die neue Prozedur wurde mit den Stimmen der Mehrheitsparteien verabschiedet und gilt ab der Rentrée 2016/17 für Schüler des Zyklus 4.1. Für Schüler des Zyklus 4.2 bleibt es bei der jetzigen Prozedur.

       


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