Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Nationale Ethikkommission: Pflegende zuerst impfen
Politik 4 Min. 08.12.2020 Aus unserem online-Archiv

Nationale Ethikkommission: Pflegende zuerst impfen

Julie-Suzanne Bausch und Vize-Präsident Daniel Becker: Abwägung zwischen dem deutschen und dem französischen Weg.

Nationale Ethikkommission: Pflegende zuerst impfen

Julie-Suzanne Bausch und Vize-Präsident Daniel Becker: Abwägung zwischen dem deutschen und dem französischen Weg.
Foto: Anouk Antony
Politik 4 Min. 08.12.2020 Aus unserem online-Archiv

Nationale Ethikkommission: Pflegende zuerst impfen

Annette WELSCH
Annette WELSCH
Präsidentin Julie-Suzanne Bausch stellt das Gutachten zur Priorisierung der zu Impfenden vor.

Am 17. November befasste die Regierung die Nationale Ethikkommission mit einem Gutachten zu den ethischen Aspekten der Priorisierung der gegen Covid-19 zu impfenden Personen. Am 29. November war es fertig und wurde bei der Regierung eingereicht. Die debattierte es am 4. Dezember und noch am selben Tag stellten Premierminister Xavier Bettel (DP) und Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP) die Impfstrategie der Regierung vor.


IPO,Conseil de Gouvernement. Xavier Bettel & Paulette Lenert.Foto: Gerry Huberty/Luxemburger Wort
Bettel und Lenert stellen Impfstrategie vor
Priorität für das Gesundheitspersonal, dann die Bewohner von Alters- und Pflegeheimen, dann hängt es von der Art der verfügbaren Impfstoffe ab.

Sie möge die ethischen Aspekte des ins Auge gefassten Ansatzes zur Priorisierung der Impfung von verschiedenen Personenkategorien analysieren sowie auch die ethischen Kriterien für die zu treffende Wahl, sollten sichere und effiziente Impfstoffe nicht für die ganze Bevölkerung zur Verfügung stehen, heißt es in der Beauftragung.

Beigefügt war etliches Zahlenmaterial über die Größe der verschiedenen Personengruppen, wie die Zahl der Personen in Alten- und Pflegeheimen oder die der Pfleger, Ärzte und Reinigungspersonen, die an erster Front mit Covid-19-Patienten zu tun haben - auf den dafür reservierten Krankenhausstationen und den Intensivstationen. 

Zwischen Solidarität und Freiheit

Die Nationale Ethikkommission zählt 15 Mitglieder aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft, die von der Regierung genannt werden. Sie untersteht dem Ministerium für Hochschule und Forschung, funktioniert aber unabhängig. Am Dienstag stellte die Präsidentin Julie-Suzanne Bausch sowie der Vize-Präsident Daniel Becker die Schlussfolgerungen sowie die Überlegungen, die dazu geführt haben vor.

„Sobald man von einer Impfung spricht, ist man automatisch bei der Ethik und im Spannungsverhältnis zwischen dem Solidaritätsgedanken und der Freiheit des Individuums“, erklärte Bausch einleitend. „Wir begnügen uns mit dem, was  auf europäischer Ebene zur Zulassung von Impfstoffen entschieden wird und verlassen uns darauf, dass alle Tests gemacht wurden und wir auf die Wirksamkeit vertrauen können. Dieses Vertrauen muss man haben können, weil man sonst nicht weiterkommt.“


A laboratory technician handles swab samples in the microbiology department, where a high demand in PCR tests has led to intense activity, at the Emile-Muller hospital in Mulhouse, eastern France, on November 17, 2020, amid the Covid-19 (novel coronavirus) pandemic. - The Emile-Muller Hospital had 100 Covid-19 patients on November 17, 18 of whom were in intensive care. A clear increase was felt since the beginning of November, but far from the "wall" encountered during the spring, when a military hospital was built on the parking lot to reach up to 500 Covid beds. (Photo by PATRICK HERTZOG / AFP)
Frankreich: Ein Land von Impfskeptikern
Nur 54 Prozent der Franzosen wollen sich gegen Covid-19 impfen lassen. Grund ist das Misstrauen in die Politik.

Bausch verwies aber auch darauf, dass die Krankheit existiert, gefährlich, sogar tödlich ist und man sich damit auseinandersetzen muss. Zumal kein Heilmittel vorhanden ist und man sie nicht im Griff hat. Nun gibt es ein Mittel, mit dem Menschen geschützt werden können, aber halt nicht in ausreichender Form. Unsere Rolle ist, zu beantworten: „Wenn der Impfstoff kommt, wer kann ihn als Erstes angeboten bekommen?“

Kritik am französischen Weg

Frankreich gehe den Weg, die Personen, die am meisten gefährdet sind, zu schützen - die Alten und Vulnerablen. „Wir haben überlegt, dass wir in einer Sackgasse landen, wenn wir nicht genug Impfstoff für alle haben. Denn wie wollen wir innerhalb einer Gruppe derselben Leute dann differenzieren, ohne in Diskriminierungen zu verfallen?“, betonte Bausch. „Was passiert in Frankreich, wenn nicht genug Impfstoff für alle Cipa-Bewohner verfügbar sind? Das werden ganz hässliche Diskussionen.“

Deswegen sei man auf die Frage gekommen, wo das Virus am gefährlichsten ist, wer am meisten mit ihm in Kontakt kommt.  „Das ist in den Krankenhäusern auf den Covid- und Intensivstationen. Sie können nur funktionieren, wenn das für die Behandlung und Pflege notwendige Personal geschützt ist.“ Ob Arzt, Pfleger oder die Person, die dort reinigt. „Brechen die Spitalstrukturen weg, sind auch die Cipa-Bewohner verloren“, argumentierte Bausch.

Die Krankheit gibt uns den Weg vor: Die, die an der Front stehen, sollten als Erstes geimpft werden.

Julie-Suzanne Bausch

„Die Krankheit gibt uns den Weg vor: Die, die an der Front stehen, sollten als Erstes geimpft werden, schlagen wir vor. Weil sie die Alten und Vulnerablen schützen und weil sie keine Wahl haben. Sie müssen dorthin gehen, sie müssen ganz nahe an die Krankheit heran, weil es ihr Beruf ist. Es sind auch weniger Personen als die Alten und Vulnerablen, sodass keiner diskriminiert werden muss.“ 

Kriterium der Nähe zum Virus

Deswegen plädiert die Nationale Ethikkommission für die, die im ganzen Gesundheitssektor in Kontakt mit reell Covid-Kranken sind. Der Weg, den auch Deutschland geht. Die Zahl von 1.000 Personen, die direkt mit Covid-Patienten arbeiten, hatte Bausch im Kopf, 18.000 Personen sind im gesamten Sektor beschäftigt. 

Wenn die nächsten Impfdosen verfügbar sind, soll dieser Perimeter der Personen, die am nahesten an der Erkrankung dran sind, ausgeweitet werden. Das Kriterium für die als nächstes zu impfende Gruppe soll demnach die Nähe zum Virus bleiben. „Berufsgruppen wie Kassierer*innen definieren zu wollen, funktioniert nicht, denn wieweit jemand dem Virus ausgesetzt ist, ist jeweils ganz unterschiedlich“, sagte Bausch. 

Eine Momentaufnahme

„Es ist ein Gutachten des Augenblicks - eine Momentaufnahme. Wir werden bestimmt noch mit dem Thema befasst, wenn sich die Situation weiter ändert“, sagte Bausch. Sie verwies aber auch darauf, dass ein juristisches Gutachten vonnöten ist, das sich mit den arbeitsrechtlichen Fragen beschäftigt. Wie beispielsweise, was passiert, wenn eine Pflegeperson sich weigert, sich impfen zu lassen. „Aus meiner persönlichen Sicht muss diese Person versetzt werden, zum Impfen zwingen sollte man niemanden.“

Weitere Fragen, mit denen sich die Ethikkommission noch befassen wird, sind die Impfung von vulnerablen Menschen, die keine autonome Wahl treffen können, weil sie Alzheimer haben oder psychisch krank sind oder die Unterscheidung zwischen Informationen über die Impfung geben und Reklame dafür machen. 

Folgen Sie uns auf Facebook, Twitter und Instagram und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Sollten nicht genügend Intensiv-Betten mit Beatmungsgeräten zur Verfügung stehen, müssen die Ärzte entscheiden, wer intensiv behandelt wird. Die nationale Ethikkommission hat hierzu ein Positionspapier veröffentlicht.
Das Luxemburger Gesundheitssystem bereitet sich auf den Höhepunkt der Infektionswelle vor, in der Hoffnung, dass es nicht zu einer Überlastung der Kapazitäten kommt.