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Nach der Trennung kam der Absturz
Politik 2 Min. 04.02.2020 Aus unserem online-Archiv

Nach der Trennung kam der Absturz

Georges* (Illustration) lebt seit einem Jahr auf der Straße und will unbedingt wieder zurück in ein normales Leben finden.

Nach der Trennung kam der Absturz

Georges* (Illustration) lebt seit einem Jahr auf der Straße und will unbedingt wieder zurück in ein normales Leben finden.
Illustration: Guy Jallay
Politik 2 Min. 04.02.2020 Aus unserem online-Archiv

Nach der Trennung kam der Absturz

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Georges* (43) lebt seit gut einem Jahr auf der Straße. Die Trennung von seiner Frau hat ihn in eine tiefe Krise gestürzt.

„Entschuldigen Sie, sprechen Sie luxemburgisch? Darf ich Sie etwas fragen?“ Der schlaksige Mann steht vor einem Einkaufszentrum. Er trägt hellblaue Jeans, einen Schal und eine Mütze. Es ist kalt. Unter der halb geschlossenen dünnen Jacke lugen seine Schulterknochen hervor.

Der Mann um die 40 hofft auf eine gute Seele, die sich seiner erbarmt. Viele gehen wortlos an ihm vorbei. Andere blicken kurz auf und wieder weg, um bloß nicht angesprochen zu werden. Ab und zu wird er von Passanten beschimpft. Obwohl er ihnen nichts tut. Er fragt nur. Bittet um Geld. Für ein Paar Schuhe. 

Meine Frau ist mit meinem besten Freund durchgebrannt. Ich bin in eine Depression gerutscht und habe Zuflucht im Alkohol gesucht. Das war ein Fehler.

Georges

Der Absatz an seinem linken Schuh ist kaputt. „Sehen Sie, ich habe die Schnürsenkel um die Schuhsohle gebunden, damit der Absatz hält“, sagt er und hebt zur Demonstration den Fuß hoch. 

Georges* sieht etwas ramponiert aus in den abgenutzten Kleidern, aber er ist ein hübscher junger Mann. Er hat stahlblaue Augen. Sein Blick ist glasklar. Seit einem Jahr ist er obdachlos. „Ich war verheiratet. Meine Frau ist mit meinem besten Freund durchgebrannt. Ich bin in eine Depression gerutscht und habe Zuflucht im Alkohol gesucht. Das war ein Fehler“, erzählt er. 


Nicht alle Menschen können von ihrem Arbeitseinkommen leben. In Luxemburg lag die Quote der „Working poors" 2016 bei 11,9 Prozent.
Jeder Fünfte von Armut bedroht
In Luxemburg steigen die sozialen Ungleichheiten an. 2016 war jeder fünfte Einwohner in Luxemburg von Armut bedroht. Das geht aus dem jährlichen Bericht des Statec über Beschäftigung und soziale Kohäsion hervor.

Es ist kurz vor 19 Uhr. Georges riecht nicht nach Alkohol und wirkt auch nicht be- oder angetrunken. Es sei ihm gelungen, trocken zu werden, sagt er. Er sei fest entschlossen, den Weg zurück in ein normales Leben zu schaffen. Was ihm fehlt, ist ein Wohnsitz. Ohne Wohnsitz keine Sozialversicherung, kein Revis und auch keine Arbeit. Ohne Arbeit kein Geld fürs Wohnen – ein Teufelskreis

Die Nächte verbringt er im Nachtfoyer der „Wanteraktioun“. Bei der Stëmm vun der Strooss wärmt er sich tagsüber auf und bekommt mittags eine warme Mahlzeit. 

Wenn man den jungen Mann so sieht, kann man sich nur schwer vorstellen, dass er einmal anders gelebt hat. Hat er aber. Er war verheiratet, hatte eine Arbeit und ein Zuhause. Sein Fall zeigt, wie schnell der Mensch aus der Bahn geraten und auf der Straße landen kann. Trennung, Tod eines Angehörigen, Krankheit, Arbeitsplatzverlust sind häufige Ursachen, die den Menschen in eine Krise stürzen.


Der Statec hat ermittelt, dass die staatlichen Beihilfen bei Alleinerziehenden nicht reichen, um ein menschenwürdiges Leben führen können.
Menschenwürdig leben mit 4.079 Euro
Wie hoch muss das Einkommen eines Haushaltes in Luxemburg sein, damit ein menschenwürdiges Leben möglich ist? Dieser Frage ist das Luxemburger Statistikamt nachgegangen. Am Mittwoch hat der Statec die Zahlen veröffentlicht.

Georges' Augen strahlen, als er nach den 20 Euro greift. Er bedankt sich überschwänglich. „Jetzt geh ich mich erst mal aufwärmen und einen Kaffee trinken“, sagt er und verschwindet im Einkaufszentrum. Ob er das Geld tatsächlich für Schuhe ausgegeben hat? 

Denkbar. Aber unwahrscheinlich.

* Name von der Redaktion geändert

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