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Mozart getötet
Politik 2 Min. 02.05.2017 Aus unserem online-Archiv
LEITARTIKEL

Mozart getötet

Politik 2 Min. 02.05.2017 Aus unserem online-Archiv
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Mozart getötet

Marc THILL
Marc THILL
Bildung soll aus Schülern mündige Mitglieder der Gesellschaft machen, und nicht nur gute Verbraucher und willige Arbeitskräfte.

Schulen sollten für die Schüler da sein, und nicht für die Wirtschaft. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Auch in Luxemburg. Wer Premierminister Xavier Bettel bei seiner Rede zur Lage der Nation vorige Woche gut zugehört hat, dem ist vielleicht dieser Satz zu Ohr gekommen: „Die große Herausforderung in der Zukunft für die Wirtschaft, für die Gesellschaft und für das Land liegt im Schul- und Bildungssystem.“

Wirtschaft, Gesellschaft und Land. Das sind also laut Premierminister, in dieser Reihenfolge, die Kriterien, wonach sich die Bildungspolitik richten muss. Wirtschaft diktiert, was Bildung sein sollte.

Hand aufs Herz: Hätte man sich etwas anderes von einer wirtschaftsliberalen Regierung erwarten können? Nein, denn ihr Credo lautet: Die Wirtschaft verlangt bestimmte Bildungsprofile, und die Schule soll sich gefälligst danach richten. Wenn Bildung nur Rohstoff für die Ökonomie sein darf, dann kann man vieles aus dem Schulprogramm wegstreichen: Allem voran Latein und Altgriechisch, aber auch Geschichte und Kunst. Im Sprachunterricht ist derweil nur soviel gewünscht, wie für den Umgang in unserer polyglotten Gesellschaft notwenig ist. Also bitte keine Literatur, und überhaupt, was soll man heutzutage noch mit Philosophie?

Das klingt überspitzt, ist aber nur die logische Folge, wenn Bildung nicht mehr der Wissensbereicherung des Menschen, sondern ganz pragmatisch der Wirtschaft dient. Wenn der Mensch nicht mehr Mensch sein darf, wenn Fähigkeiten und Talente, so unterschiedlich sie auch sein mögen, bei Heranwachsenden nicht mehr gefördert werden dürfen, nur weil es, ökonomisch betrachtet, vielleicht keinen Sinn macht, dies oder das zu erlernen, dann ist es so, als werde in all diesen jungen Menschen, so wie es Saint-Exupéry einmal umschrieben hat, ein möglicher Mozart getötet. „C'est Mozart, qu'on assassine.“

Wenn Bildung aus Schülern gute Verbraucher und willige Arbeitskräfte macht.

Das Tablet, das die Regierung zur kommenden Rentrée jedem Sekundarschüler vorlegen will, soll ein neues Bildungskonzept sein, ist aber an und für sich auch nur der Moderne geschuldet. Dennoch sollten wir's versuchen! Vielleicht finden ja einige Schüler mit Drag-and-Drop wieder zurück zu jenem kreativen Denken, das ihnen ihre Lehrerschaft mit herkömmlichen Lehrbüchern nicht mehr vermitteln konnten.

Bei aller Technikverliebtheit sollte man aber warnen. Computer sind auch Lernverhinderungsmaschinen, und ein unkontrollierter und unreflektierter Umgang mit digitalen Instrumenten kann bei Kindern Schäden des kognitiven Apparates und des Sozialverhaltens hervorrufen. Hirn und Sprache verkümmern. Das sagt jedenfalls der deutsche Hirnforscher Prof. Dr. Manfred Spitzer in seinem Buch „Digitale Demenz“.

Ob er Recht hat, wird sich vielleicht erst in zehn Jahren zeigen. Heute weiß man aber, ohne viel zu forschen, dass das Tablet alleine, welcher Marke auch immer, kein Wissen von selbst vermitteln wird, dafür aber ein guter Lehrer, ein guter Professor! Und die brauchen wir gerade in einer Zeit, in der die digitale Welt geradezu ein Sumpf für Fake News, Hate-Speech und Sexting ist.

Bildung soll aus Schülern mündige Mitglieder der Gesellschaft machen, und nicht nur gute Arbeitskräfte. Bildung soll Kreativität fördern, einen freien und kritischen Geist im jungen Menschen erwecken und nicht aus ihnen brauchbare Angestellte und gute Verbraucher machen. Und Bildung soll ab und zu in unseren Kindern auch einen schlummernden Mozart wieder aufleben lassen.

marc.thill@wort.lu


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