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Mehr Lehrer braucht das Land
Politik 5 Min. 13.06.2018

Mehr Lehrer braucht das Land

Die Gesetzesänderungen haben zum Ziel, mehr Grundschullehrer zu rekrutieren.

Mehr Lehrer braucht das Land

Die Gesetzesänderungen haben zum Ziel, mehr Grundschullehrer zu rekrutieren.
Foto: Pierre Matgé
Politik 5 Min. 13.06.2018

Mehr Lehrer braucht das Land

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Im vergangenen Herbst wurde die Schulrentrée von einem akuten Lehrermangel überschattet. Die Regierung sah sich gezwungen, zu handeln, um den Notstand langfristig in den Griff zu bekommen.

Bildungsminister Claude Meisch blieb nichts anderes übrig als den Zulassungskriterien zum Lehrerberuf zu lockern. Dazu hat er drei Maßnahmen ins Auge gefasst:

Erstens : Im Herbst werden erstmals Kandidaten mit einem Bachelorabschluss in einem schulverwandten Fach als Chargé rekrutiert. Sie erhalten eine 216-stündige Fortbildung am Aus- und Fortbildungsinstitut IFEN, im Gegenzug werden sie während fünf Wochenstunden freigestellt. Nach einem Jahr erhalten sie Zugang zum Concours, müssen aber wie alle anderen Kandidaten auch vorab die Sprachtests bestehen. Diese Rekrutierungsmaßnahme wird auf fünf Jahre beschränkt.

Zweitens : Die Dauer des Referendariats wird von drei auf zwei Jahre gekürzt, um die Attraktivität des Lehrerberufs zu erhöhen. Bedingung für die Stage-Kürzung sind ein vierjähriges Lehrerstudium sowie 20 Wochen Praktikum während der Grundausbildung. Aus Gründen der Gleichbehandlung und auf Anraten des Staatsrats wurde eine Übergangsregelung beschlossen, wonach die Stage-Kürzung kommendes Jahr allen Referendaren im zweiten Stage-Jahr zugestanden wird, unabhängig von der Dauer des Studiums und des Praktikums. Generell soll der Weg zum Lehrerdasein maximal sechs Jahre dauern: entweder vier Jahre Studium und zwei Jahre Stage oder drei Jahre Studium und drei Jahre Stage.

Drittens : 2017 erhielten Kandidaten nur Zugang zum Concours, wenn ihre Grundausbildung alle vier Zyklen (C1-C4) umfasste. Das wird nun wieder rückgängig gemacht und die Möglichkeit wieder eingeführt, entweder nur im Zyklus 1, nur in den Zyklen 2 bis 4 oder in allen Zyklen 1 bis 4 anzutreten. Die fehlenden Zyklen können in einer 100-stündigen Fortbildung am IFEN nachgeholt werden (Passerelle).


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Kritik von der Opposition

CSV-Sprecherin Martine Hansen bedauerte, dass die Änderungen im Schnellverfahren beschlossen worden seien und es nicht zu einer breiten Diskussion über die Zukunft des Lehrerberufs, die Rekrutierungsbedingungen und die Anforderungen an die künftigen Pädagogen gekommen sei. So oder so stehe jetzt die Frage des Spezialisten im Grundschulwesen im Raum.

Die hohe Misserfolgsquote beim Zulassungsexamen an der Uni zeige, dass es den Generalisten vielleicht noch vereinzelt, aber nicht mehr als kritische Masse gebe. Die CSV lehnt den Spezialisten nach dem Muster des Secondaire-Spezialisten ab. Hansen zufolge kommt man aber im Grundschulwesen an der Einführung eines Teilspezialisten, der einzelne Fächer unterrichtet und im Team mit anderen Teilspezialisten eine Klasse betreut, nicht vorbei. Das mache die Schulorganisation komplexer. Ergo komme man auch an einer Professionalisierung des Schulpräsidenten nicht vorbei.

Hansen meinte auch, dass die jetzt beschlossenen Maßnahmen im kommenden Jahr wahrscheinlich Wirkung zeigen werden. Fraglich sei aber, wie es in den Jahren danach weitergeht, zumal Belgien dabei sei, seine Lehrerausbildung zu reformieren. Man riskiere, dort keine Lehrer mehr rekrutieren zu können. Man müsse diese Entwicklung unbedingt im Auge behalten.

Zustimmung und Kritik von LSAP und Déi Gréng

Die Fraktionen von DP, LSAP und Déi Gréng stimmten erwartungsgemäß für den Gesetzentwurf. Dennoch konnte die Zustimmung seitens der Grünen und der Sozialisten nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Zusammenhalt zwischen den Regierungsparteien am Bröckeln ist. Die Koalitionsräson hielt die Grünen und die Sozialisten nicht davon ab, sich kritisch zu Claude Meischs Politik und den Maßnahmen zu äußern. 

LSAP-Sprecher Georges Engel stellte wie Martine Hansen die Frage nach den Gründen des Lehrermangels und nannte als möglichen Grund auch die Reformen des liberalen Ministers, die von vielen Seiten als ressourcenfressend kritisiert wurden. Auch wenn man als LSAP die Reformen mitgetragen habe, müsse die Frage erlaubt sein, so Engel.

Josée Lorsché von Déi Gréng bemängelte, dass aus dem Gesetz nicht klar hervorgehe, ob auch Sozialpädagogen und Sozialarbeiter zu den Quereinsteigern zählen, denen Zugang zum Lehrerberuf gewährt wird. Sollten auch sie in Frage kommen und ausgewählt werden, drohe eine Verlagerung des Personals aus dem Betreuungs- in den Bildungssektor, zumal die Gehälter und die Arbeitsbedingungen im Bildungssektor weitaus attraktiver seien als im Betreuungssektor.

Eignung der Quereinsteiger

Josée Lorsché stellte zudem die Eignung der Quereinsteiger in Frage, vor allem, wenn diese "noch nie ein Kind von nah gesehen haben". Auch bestehe das Risiko, dass es zu frühzeitigen Abgängen komme, wenn die Betroffenen erkennen, dass sie nicht für den Beruf geeignet sind. Ob solche Abgänge durch neue Bachelor-Absolventen ersetzt würden oder durch Lehrbeauftragte aus der Réserve des suppléants, wollte sie wissen.

Lorsché betonte ausdrücklich, dass Déi Gréng die Maßnahmen mittrügen, weil es sich um eine zeitlich begrenzte Notlösung handle. Fraglich sei allerdings, ob es längerfristig noch gelingen wird, Lehrer mit einer vierjährigen Grundausbildung zu rekrutieren, wenn auch drei Jahre reichen.

Wie Martine Hansen befasste auch Lorsché sich mit der Frage, ob man langfristig nicht den Spezialisten ausbilden müsse, zumal auch andere Länder wie Belgien diesen Weg einschlagen, so die grüne Abgeordnete.

Meisch: Anhänger des Generalisten

Er sei ein Anhänger des Generalisten, sagte Bildungsminister Claude Meisch im Anschluss an die Debatte im Parlament, zumal die Schüler bereits heute von mehreren Lehrern unterrichtet würden. Die Einführung des Spezialisten würde diese Lage noch verschärfen und die gesamte Schulorganisation über Bord werfen.

Claude Meisch wunderte sich, dass seine Gesetzesänderungen nicht auf mehr Zustimmung stießen. Er sieht darin keinen Qualitätsverlust, sondern einen Qualitätsgewinn. Man ersetze fehlende Lehrer nicht durch Chargés mit einem vierwöchigen Praktikum, sondern durch Bachelor-Absolventen, die eine 216-stündige Fortbildung machen, so Meisch.

Im Übrigen sei die Situation bereits dabei, sich zu normalisieren. Für 380 ausgeschriebene Posten seien 243 Kandidaturen für den Concours eingegangen, davon 204 neue Lehrer. Nur 39 seien als Lehrbeauftragte bereits Teil des Lehrerkontingents. 

Die Befürchtung, dass sich die Bildungsreformen in Belgien negativ auf die Lehrerrekrutierung in Luxemburg auswirken könnten, teilte der Bildungsminister nicht.

Uni will mehr Lehrer ausbilden

Meisch ging auch kurz auf die Lehrerausbildung an der Universität Luxemburg ein. Ziel der Uni sei es, das Output von jährlich 60 auf 180 Lehrer zu erhöhen. Dafür seien aber Investitionen seitens der Uni notwendig.

Ferner stünden intensive Diskussionen über die Dauer und Ausrichtung des Referendariats an. Die Anforderungen im Grundschulwesen seien andere als in anderen Bereichen des öffentlichen Dienstes, so der Bildungsminister.


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