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Manuelles-Tracing trumpft Digital-Tracing
Politik 4 Min. 08.07.2020

Manuelles-Tracing trumpft Digital-Tracing

Eine Corona-Warn-App, wie sie bereits in Deutschland existiert, könnte das manuelle Tracing unterstützen.

Manuelles-Tracing trumpft Digital-Tracing

Eine Corona-Warn-App, wie sie bereits in Deutschland existiert, könnte das manuelle Tracing unterstützen.
Foto: dpa
Politik 4 Min. 08.07.2020

Manuelles-Tracing trumpft Digital-Tracing

Morgan KUNTZMANN
Morgan KUNTZMANN
Die Regierung steht einer Corona-Warn-App noch immer skeptisch gegenüber, arbeitet aber bereits mit dem deutschen Robert-Koch-Institut zusammen.

Bereits in seiner Regierungserklärung ging Premierminister Xavier Bettel (DP) am Mittwoch auf die von Teilen der Opposition geforderten Tracing-App ein. Die erhöhten Covid-19-Infektionszahlen der letzten Tage haben Kritiker auf den Plan gerufen, die der Regierung vorwerfen, durch das Vernachlässigen einer Warn-App nicht alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel zu benutzen, um die Verbreitung des Virus aufzuhalten. 

Der Kritik entgegnete Bettel: „Der Schutz des Menschenlebens ist unsere oberste Priorität.“ Doch Xavier Bettel steht einer Corona-Applikation noch immer skeptisch gegenüber. Dem Premierminister nach ist es nicht richtig „sich auf etwas zu stützen, dass nicht effektiv ist.“ Für Bettel ist eine Corona-App nicht sinnvoll, besonders im Hinblick auf die Erfahrung in anderen Ländern. 


Handy-Apps sollen die Verbreitung des Virus bremsen.
Pro und Kontra: Eine Corona-App - Segen oder Fluch?
In der EU - und auch in Luxemburg - tobt ein Richtungsstreit über die Nutzung von sogenannten Corona-Tracing-Apps. Kritiker warnen vor einem starken Eingriff in die Privatsphäre und Datenschutz - doch überwiegt vielleicht der Nutzen? Ein Pro und Kontra.

Dort habe sich gezeigt, dass nicht genügend Menschen diese Apps herunterladen. Obwohl Deutschland mit über 20 Prozent Vorreiter in Europa ist, reicht das nicht, damit die Warn-App effektiv funktioniert. „Um eine effektive Wirkung zeigen zu können, müssten mindestens 60 Prozent der Bevölkerung diese App benutzen, ich betone benutzen, nicht nur herunterladen“, erklärte Staatsminister Bettel. Auch aus Datenschutzgründen habe die Regierung Bedenken. Deshalb setze man noch immer auf manuelles Tracing, so Bettel. 

Zusammenarbeit mit Robert-Koch-Institut 

Trotzdem halte sich die Regierung alle Optionen frei, betonte der Premierminister: „Wir müssen für alle Situationen gewappnet sein. Momentan kann man nichts im Voraus sehen.“ Dementsprechend liefen derzeit Gespräche mit dem Robert-Koch-Institut, damit die deutsche App im Notfall auch in Luxemburg funktioniere. Verglichen mit den anderen europäischen Apps, wurde diese pro Kopf gesehen am meisten installiert. Von der Schweizer Bevölkerung haben zwölf Prozent die App installiert, in Frankreich gerade mal sechs Prozent der Bevölkerung. 


ARCHIV - 16.06.2020, Nordrhein-Westfalen, Köln: ILLUSTRATION - Die offizielle Corona-Warn-App ist auf einem Smartphone zu sehen, darüber steht der Hashtag «#BleibGesund». Die Corona-Warn-App des Bundes wird inzwischen von rund 15 Prozent der Menschen in Deutschland verwendet. Foto: Oliver Berg/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Deutsche Corona-App nun auch in Luxemburg freigeschaltet
Wie das deutsche Robert-Koch-Institut am Donnerstag mitteilt, ist die Corona-Warn-App nun ebenfalls für Menschen aus anderen europäischen Ländern erhältlich. Die luxemburgische Regierung will indes weiter an der analogen Methode festhalten.

Auch die Abgeordnete Viviane Reding (CSV) ging während der Aktualitätsstunde auf die Vorteile der RKI-App ein. Diese biete viele Vorteile, die die Chamber bei ihrem Gesetzesantrag im Mai als unersetzliche Eigenschaften einer Tracing-App angesehen habe. Einerseits seien die Daten dezentral auf jedem einzelnen Handy gespeichert und nicht zentral auf einem Server, dazu beruhe die App auf Freiwilligkeit. Darüber hinaus ist die Corona-App ein Open-Source-Projekt, jeder könne also den Quellcode einsehen. 

Eine solche Smartphone-Applikation müsse aber auch wegen der vielen Grenzgänger mit der belgischen Warn-App, die für September angedacht ist, und mit der französischen App kompatibel sein. Erst dann mache Digital-Tracing einen Sinn. Auch solle die Regierung darauf achten, dass, falls eine solche App in Zukunft kommen würde, Menschen, die diese App nicht installieren wollen oder können, nicht, wie es Viviane Reding formulierte, „beim Restaurant- oder Kinobesuch diskriminiert werden und Ihnen der Einlass verwehrt wird.“ 

Mehr Kontakte bedeutet auch mehr Infizierte 

Mehrere Abgeordnete wollten von der Gesundheitsministerin Paulette Lehnert (LSAP) wissen, wie viele Leute im Gesundheitsministerium angestellt sind, um das analoge Tracing durchzuführen, und wie viele Infektionsfälle pro Tag von diesen Mitarbeitern bearbeitet werden können. 

„Momentan arbeiten 60 Mitarbeiter in diesem Service“, antwortete Paulette Lehnert. Diese könnten bis zu 300 Neuinfektionen pro Tag effektiv nachverfolgen. Doch es käme nicht auf die Anzahl der Neuinfektionen pro Tag an, sondern, mit wie vielen Personen die Neuinfizierten an den Tagen vor ihrem positiven Test in Kontakt waren. Je größer die Anzahl der Kontakte ist, umso mehr Arbeit hätten die Santés-Mitarbeiter, aber es würden sich auch umso mehr Menschen mit dem Virus infizieren. Deshalb wiederholte Paulette Lehnert ihren Appell an die Bevölkerung, keine Partys mit Hunderten von Gästen während der Corona-Pandemie zu veranstalten. 

Manuelle Nachverfolgung trumpft Digital Tracing 

Auch der Grünen-Deputierte Marc Hansen sieht in einer digitalen Tracing-App ein Hilfswerkzeug warnte aber trotzdem vor der gefühlten Sicherheit: „Wir sind an der Grenze der Anzahl der Infektionsfälle, die manuell nachverfolgt werden können. Doch mit einer App stellen sich andere Fragen. Könnte durch eine solche Warn-App nicht eine falsche Sicherheit entstehen?“ 


Laut Marc Hansen, delegierter Minister für die Digitalisierung, können zurzeit etwa 10.000 Staatsdiener  von zuhause aus arbeiten. Hinzu kommen noch die 12.000 Lehrer, die seit einem Monat Fernunterricht erteilen.
Digitalisierung: Noch ausbaufähig
Der für den öffentlichen Dienst zuständige und für die Digitalisierung delegierte Minister Marc Hansen könnte eine Schlüsselrolle bei der Überwindung der Krise spielen.

Für die Abgeordnete Lydia Mutsch bietet analoges Tracing noch weitere Vorteile: „Wenn die Mitarbeiter der Santé direkt in Kontakt mit den Neuinfizierten stehen, können sie diese sensibilisieren und ihnen psychologische Hilfe geben.“ Des Weiteren warnte sie davor, dass wahrscheinlich Menschen, die die App installieren und benutzen würden, sich sowieso der Gefahr bewusst seien und ihr Verhalten der Pandemie entsprechend bereits angepasst haben. 

Sven Clement von den Piraten verstand nicht, warum das App-Thema zum wiederholten Mal im Parlament durchgesprochen werden musste. Dazu sei zu erwähnen, dass die Chamber sich bereits am 7. Mai in einem Gesetzesantrag für eine digitale Tracing-App ausgesprochen hatte, falls die internationale Gesundheitslage dies benötige. „Warum Atemluft verschwenden, wenn eine App nur in Ländern funktioniert, wo diese obligatorisch ist“, monierte Clement und erwähnte die beiden Länder, in denen Corona-Warn-Apps obligatorisch sind, aber auch funktionieren, China und Südkorea.

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