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Luxemburgs Schulen kurz vor dem Kollaps
Politik 6 Min. 26.10.2020

Luxemburgs Schulen kurz vor dem Kollaps

Das Bildungsministerium rekrutiert Ersatzpersonal, um die Ausfälle in den Schulen aufzufangen.

Luxemburgs Schulen kurz vor dem Kollaps

Das Bildungsministerium rekrutiert Ersatzpersonal, um die Ausfälle in den Schulen aufzufangen.
Archivfoto: Guy Jallay
Politik 6 Min. 26.10.2020

Luxemburgs Schulen kurz vor dem Kollaps

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
In den Schulen spitzt sich das Infektionsgeschehen zu. Immer mehr Lehrer fallen corona-bedingt aus und der Ruf nach zusätzlichen Maßnahmen wird immer lauter.

Das Infektionsgeschehen in Luxemburg ist besorgniserregend. Das zeigt sich auch an den Infektionszahlen in den Schulen. Zwischen dem 17. und dem 23. Oktober ist die Zahl der Infektionen im Vergleich zur Vorwoche weiter gestiegen. 

Laut den offiziellen Zahlen des Bildungsministeriums gab es vergangene Woche 290 positive Fälle im Szenario 1 (ein Fall pro Klasse) und 81 Fälle im Szenario 2 (zwei Fälle pro Klasse). Zwischen dem 10. und 16. Oktober waren es 112 Fälle im Szenario 1 und 43 Fälle im Szenario 2. Alle Szenarien zusammengenommen wurden seit dem 15. September 808 positive Fälle gezählt, 371 allein zwischen dem 17. und dem 23. Oktober. Das entspricht 46 Prozent aller Fälle seit Schulbeginn. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein. 


Lehrergewerkschaft fordert Maskenpflicht in Schulen
Dass keine weiteren Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie im Unterrichtswesen getroffen werden, stößt der Féduse sauer auf.

Mit den steigenden Zahlen wird auch der Ruf nach zusätzlichen Maßnahmen in den Schulen lauter. Die Lehrergewerkschaft Féduse und die Association des chargés de l'enseignement national (Acen) beispielsweise fordern eine allgemeine Maskenpflicht in den Schulen. „Wir sehen, dass immer mehr Lehrer und Schüler sich in einer tatsächlichen oder einer präventiven Quarantäne befinden und es immer schwieriger wird, das Schulsystem aufrechtzuerhalten“, sagte Féduse-Präsident Raoul Scholtes am Montag auf Nachfrage. 

Genau dieser Fall traf nun bei einer Schule ein: Wegen Personalmangels griff das ECG am Montag in Absprache mit dem Bildungsministerium auf das Homeschooling zurück, vorläufig bis Ende der Woche. 

Ein Puzzlestück vom Ganzen 

Scholtes räumte ein, dass eine allgemeine Maskenpflicht nicht alle Probleme aus dem Weg schaffe, „aber es ist ein Puzzlestück, um sich nicht komplett auf verlorenem Posten zu fühlen“, so Scholtes. „Wir wollen alle so viel Normalität wie möglich. Aber wir sehen, dass die Verzweiflung bei den Lehrern immer größer wird, weil immer mehr Lehrer ausfallen. Irgendwann bricht das System zusammen.“ 

Um Schulschließungen vorzubeugen, fordert die Gewerkschaft, auf alternative Unterrichtsmodelle zurückzugreifen, wie das Homeschooling auf den oberen Klassen oder noch die Wiedereinführung von A-B-Gruppen. 

Raoul Scholtes kritisiert auch die Kommunikationspolitik des Bildungsministeriums. Das betrifft in erster Linie die Informationen zum Infektionsgeschehen in den Schulen. Statt einmal pro Woche die nationalen Zahlen zu kommunizieren, fordert die Féduse zeitnahe Informationen pro Schulgebäude, „damit wir wissen, woran wir sind. Je weniger Informationen die Menschen bekommen, desto unruhiger werden sie“, so Scholtes. Die Schulen würden ihre Verantwortung übernehmen. „Das können sie aber nur, wenn sie die dafür notwendigen Informationen haben.“ Er wirft dem Ministerium vor, sich hinter dem „Secret médical“ zu verstecken. 

Ein weiterer Kritikpunkt: Die Schulpartner würden nach wie vor nicht in Entscheidungen eingebunden. Das moniert auch die Vertretung der Lehrbeauftragten. Mehr noch: Die Acen weist in einem Presseschreiben auch auf Widersprüche im Umgang mit der Krise hin. Der Slogan „Bleiwt doheem“ sei konträr zur Realität im Schulalltag. „Einerseits wird vermittelt, dass Schüler in der Schule isoliert werden. Andererseits sitzen sie in den Bussen eng zusammen“, so die Acen. Sie fordert, auf außerschulische Aktivitäten zu verzichten oder sie zumindest einzuschränken. 

Besorgnis bei Eltern wächst 

Die Äußerungen der Gewerkschaften, aber auch zahlreiche Wortmeldungen unter anderem von Eltern in den sozialen Medien, zeigen deutlich, wie besorgt und verunsichert die Menschen sind. „Vielen Schülern ist die Situation nicht mehr geheuer. Sie haben Angst, vulnerable Familienmitglieder, mit denen sie unter einem Dach leben, mit dem Virus anzustecken“, schreibt die Acen, und bricht überdies eine Lanze für die Schüler und deren Vertreter in den Schulen, „die in dieser Krise nicht zu Wort kommen und nicht gehört werden“. Das müsse sich dringend ändern. „Nur mit einem starken Zusammenhalt zwischen Ministerium, Schulpersonal und Schülern kann diese Krise überstanden werden. Deshalb müssen alle Akteure am Dialog teilnehmen können.“ 

Infektionen im schulischen Kontext 


In den Klassensälen müssen die Schüler die Masken tragen, wenn der Mindestabstand nicht garantiert werden kann.
Ministerium: "Keine weiteren Infektionsketten in Schulen"
Zwischen dem 17. und 23. Oktober stieg zwar die absolute Zahl der positiv getesteten Schüler, die Infektionen sollen aber außerhalb des Unterrichts passiert sein.

In all seinen Mitteilungen betont das Bildungsministerium, dass keine Infektionen in den Schulen nachgewiesen worden seien. Mit jedem Tag, der vergeht, wachsen die Zweifel an dieser Aussage. Die Acen schreibt, diese ständige Betonung habe einen faden Beigeschmack, „wenn man hört, wie das Tracing in der Realität abläuft und wenn man bedenkt, bei wie viel Infektionen der Infektionsweg gar nicht klar festgestellt werden kann“. 

Tatsächlich können Infektionen in den Schulen angesichts des Infektionsgeschehens nicht mehr nur nicht ausgeschlossen werden, sondern sind sogar eher wahrscheinlich. 

Auch der Fall einer Mutter, die anonym bleiben möchte, lässt durchblicken, wie chaotisch die Situation mancherorts sein muss. Sie beklagt im Gespräch mit dem „Luxemburger Wort“, dass Eltern keine Informationen über das Geschehen in den Schulen erhalten beziehungsweise, dass die Informationen widersprüchlich seien. „Wenn man nachfragt, verweigert die eine Seite Informationen mit Verweis auf das Secret médical. Eine andere Seite sagt, sie habe keine Informationen. Noch andere sagen, das gehe uns als Eltern nichts an oder es wird auf die Schulpflicht verwiesen und uns gesagt, dass wir die Kinder in die Schule schicken müssen. Punkt.“ 

Die Folge: Eltern fühlen sich hilflos und haben das Gefühl, dass ihnen Informationen gezielt vorenthalten werden. Das wiederum trägt nicht dazu bei, dass das Vertrauen in die Maßnahmen und die Politik steigt. 

Eltern wollen informiert werden 

Wenn Eltern keine verlässlichen Informationen von offizieller Seite erhalten, verlassen sie sich auf Informationen aus ihrem Bekanntenkreis – so wie diese Mutter, die von Schulpersonal beziehungsweise von anderen Eltern erfahren hat, „dass Kinder trotz Infektion zur Schule gehen, Klassen nicht isoliert werden, obwohl sie isoliert werden müssten, dass isolierte Gruppen dennoch gemischt werden und Kinder zur Schule gehen, obwohl ihre Eltern infiziert sind und sie eigentlich zu Hause in Quarantäne bleiben müssten“. 

Auf diese Weise würden Infektionsketten geradezu herbeigeführt, schlussfolgert die besorgte Mutter. Infektionsketten, die man ihrer Ansicht nach vermeiden könnte, wenn man die Eltern rechtzeitig und korrekt informieren würde. „Wir befinden uns in einer Pandemie, da kann das Secret médical nicht gelten“, sagt sie. Und: „Wir werden von der Regierung aufgerufen, uns verantwortungsvoll zu verhalten. Ich sage: Es ist verantwortungslos, uns als Eltern Informationen vorzuenthalten.“ 

Im Einzelnen nachprüfbar sind diese Dinge nicht, aber die zahlreichen rezenten Wortmeldungen von Eltern, Lehrern, Schülern und von Gewerkschaften legen den Schluss nahe, dass es in den Schulen immer chaotischer zugeht. Der Druck auf das Bildungsministerium zu handeln, wächst.

Auf Nachfrage erklärt Lex Folscheid, Erster Regierungsrat im Bildungsministerium, die aktuelle Situation sei ein Stresstest für viele Systeme, auch für die Schule. Abgesehen von einigen punktuellen Infektionen sei nach wie vor klar, dass es in den Schulen zu keinerlei Infektionsherden gekommen sei. Ein Beweis, dass das Sicherheitskonzept greife. 


Peak von 1.400 Neuinfektionen prognostiziert
Die Experten von Research Luxembourg warnen eindringlich vor der momentanen Entwicklung der Covid-19-Pandemie.

Von einer allgemeinen Maskenpflicht sieht das Ministerium ab, „weil es Schulen gibt, wo das nicht nötig ist“. Wichtig sei, dass man eine Werkzeugkiste habe mit verschiedenen Maßnahmen wie die Maskenpflicht oder das Homeschooling, auf die man jederzeit bei Bedarf zurückgreifen könne, so Folscheid. Bedenklich hingegen sei, dass die Zahl der infizierten Lehrer steige. „Wir haben keine Probleme mit der sanitären Situation in den Schulen, aber mit der Organisation der Schulen“, so Folscheid, der vorrechnete, dass in den kommenden Monaten allein 200 Posten besetzt werden müssten aufgrund von Schwangerschaften, „weil Schwangere zu der vulnerablen Gruppe zählen“. 

Eine Schulschließung sei zwar nicht gänzlich auszuschließen, mache aber nur Sinn, wenn parallel dazu auch andere gesellschaftliche Bereiche heruntergefahren werden. Die Gefahr, dass die Schüler sich unorganisiert treffen und gegenseitig anstecken, steige im Falle einer Schulschließung.  

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