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Luxemburg und die Großregion: Mehr als eine Zweckgemeinschaft
Politik 6 Min. 04.12.2014

Luxemburg und die Großregion: Mehr als eine Zweckgemeinschaft

Politik 6 Min. 04.12.2014

Luxemburg und die Großregion: Mehr als eine Zweckgemeinschaft

Am 4. Dezember tagt bereits zum 14. Mal der Gipfel der Großregion. Wie ist es tatsächlich um die Großregion und deren einzelne Akteure bestellt.

Der Bericht zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Großregion ist ein wichtiger Indikatorenkatalog, der transparent das komplexe Zahlenwerk veranschaulicht und vergleicht, wie sich die Regionen entwickeln. Im folgenden hat die Redaktion eine kleine Auswahl an wichtigen Kennzahlen getroffen, die das Zusammenspiel der Akteure innerhalb dieses grenzüberschreitenden Arbeitsmarkts darstellt und zeigt, welche Rolle Luxemburg dabei einnimmt.

Photo: Serge Waldbillig

Nicht erst seitdem Luxemburg und die Großregion 2007 europäische Kulturhauptstadt waren, ist dieses grenzüberschreitende Gebilde aktiv. Es existiert de facto schon seit dem ersten Gipfel der Großregion 1995, der auf Initiative des früheren Premiers Jean-Claude Juncker und des ehemaligen saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine ins Leben gerufen wurde.

Damals wurde die bestehende Kooperationsgemeinschaft „SaarLorLux“ durch die Großregion abgelöst, weil die Region Wallonie und das Land Rheinland-Pfalz ebenso Bestandteil dieser Gemeinschaft wurden. Heute versteht sie sich als Modellregion in Europa. Zurecht?

Grenzgängerströme in der Großregion 2012

Klicken Sie mit der Maus auf eine der Regionen, um die Pendlerströme zu sehen.

Nimmt man allein die Anzahl der existierenden Arbeitsgemeinschaften und das Zahlenmaterial, das der Großregion zur Verfügung steht, als Gradmesser für ein gutes Zusammenspiel innerhalb dieses Grenzraums, besteht kein Zweifel, dass die Großregion durchaus Modellcharakter hat.

Natürlich sind die ein Dutzend Arbeitsgruppen kein Indikator für die Qualität der Zusammenarbeit, aber sie sagen zumindest aus, dass über ausgewählte Themen seit Jahren miteinander geredet und nach gemeinsamen Lösungsansätzen gesucht wird.

Allein dafür beneiden uns schon viele andere Grenzregionen, die dieses systematische und analytische Zusammenwirken nicht in einer solchen Tiefe kennen.

Gerade das Netzwerk der Fachinstitute der interregionalen Arbeitsmarktbeobachtungsstelle (IBA) stellt im Auftrag des Wirtschafts- und Sozialausschusses der Großregion (WSAGR) einen umfangreichen Bericht vor, der die Lage der Großregion aus wirtschaftlicher wie sozialer Sicht beleuchtet und immer wieder aktualisiert. Bereits zum fünften Mal wird dieser Indikatorenkatalog veröffentlicht, der anschaulich wichtige Kennzahlen über Luxemburg und die Partnerregionen liefert.

Bei der Angabe der Eckdaten ist es nämlich wichtig, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, wie unterschiedlich die einzelnen Gebietskörperschaften in Fläche, Bevölkerungsstand, BIP usw. sind. Es verdeutlicht, dass es innerhalb der Großregion, die Regionen aufgrund ihrer Größe und Organisationsform nicht gleichgestellt sind.

Im Hinblick auf die Erfüllung der Europa-2020-Ziele, die der Europäische Rat 2010 verabschiedete, zeigt sich, dass die Regionen ihre Politiken noch nicht so anpassen konnten, dass alle EU-Vorgaben gleiche Werte erzielen.

Das ist auch nicht wirklich verwunderlich. Denn die Probleme der einzelnen Regionen sind gerade in Bezug auf die Bevölkerungsentwicklung ganz anders gelagert. Ein markantes Beispiel sind die verschiedenen Ausprägungen des demografischen Wandels. Seit 1970 ist die Bevölkerung der Großregion um rund 800 000 Einwohner auf über 11,7 Millionen Menschen gewachsen.

Das ist im europäischen Vergleich kein Spitzenwert. Im Gegenteil, denn seit 2000 vergrößert sich die negative Bilanz und die Anzahl der Sterbefälle übersteigt insgesamt die der Geburten (-54 pro 10 000 Einwohner laut IBA). Was bedeutet das, wenn in Teilen der Großregion der Negativtrend sich weiter fortsetzt während andere Gebiete positive Werte aufweisen?

Nur durch Zuwanderung innerhalb der Großregion kann demnach dieser Trend aufgefangen werden. Vor allem Luxemburg hat mit 23 Prozent mit Abstand die höchste Zuwanderung, während das Saarland schon heute mit -7,2 Prozent unter den Folgen des demografischen Wandels leidet. Ein Wandel, der im Großherzogtum de facto nicht existiert, der jedoch verdeutlicht, wie unterschiedlich die Probleme gelagert sind. Während z. B. das Saarland mit einer schrumpfenden Bevölkerung mittelfristig mit weniger Einnahmen rechnen muss, bemüht sich Luxemburg, Probleme wie z. B. Wohnungsmangel und überteuerte Grundstückspreise in den Griff zu bekommen.

Diese Diskrepanz zwischen den Partnerregionen wird noch deutlicher durch die Arbeits- und Kapitaleinkommen. Glücklicherweise liegt die Großregion insgesamt über dem EU-Durchschnitt von 34 197 Euro. Doch die Schere zwischen Einkommensstarken und -schwachen in der Grenzregion ist groß. So verfügt Luxemburg mit fast 60 000 Euro Jahreseinkommen fast doppelt viel wie Rheinland-Pfalz mit gerade mal 36 000 Euro. Noch klarer wird es im Verhältnis Saarland zu Luxemburg. Während im Zeitraum 2000 bis 2013 in der Großregion im Schnitt die Arbeitseinkommen um 20 Prozent stiegen, verzeichnet Luxemburg mit 44,2 Prozent fast dreimal mehr als das Saarland mit 16,8 Prozent Lohnsteigerung.

Da ist es nur logisch, dass wiederum das Großherzogtum mit Abstand über das höchste Pro-Kopf-Einkommen mit fast 30 000 Euro in der Großregion verfügt, während sich in der Wallonie ein Einwohner mit etwas mehr als der Hälfte begnügen muss.

Bei solchen Differenzen ist es nachvollziehbar, dass die größten Pendlerströme sich in Richtung Luxemburg bewegen. Luxemburg verdoppelt am Tag seine arbeitende Bevölkerung. Mit mehr als 157 000 Einpendlern, die täglich einer bezahlten Arbeit im Großherzogtum nachgehen, hat das Land mit Abstand den dynamischsten Arbeitsmarkt.

Als Jobmotor der Großregion verzeichnete Luxemburg bis vor den Krisenjahren 2008/09 Pendlerzuwachsraten von 5 bis 7 Prozent. In den Folgejahren fiel der Wachstumsschub in der ganzen Großregion auf 0,6 bis 2,3 Prozent. Im letzten Jahr waren es gerade mal bescheidene 1 300 Personen mehr (0,6 Prozent), die als neue Pendler hinzugezählt wurden. Insgesamt wurden 2013 in der gesamten Region über 213 000 grenzüberschreitend, mobile Arbeitnehmer registriert, wobei die Hälfte davon aus Lothringen kommt und fast drei Viertel davon in Luxemburg arbeiten. In dieser Größenordnung verfügt die Großregion innerhalb der EU über den stärksten grenzüberschreitenden Arbeitsmarkt, der nur noch durch die Schweiz getoppt wird.

Doch auch hier sind die Unterschiede erkennbar. Denn während das Großherzogtum kontinuierlich steigende Überschüsse an Einpendlern verbuchen kann, gehen diese im flächenmäßig, gleichgroßen Saarland zurück, wie aus dem WSAGR-Bericht hervorgeht. Lothringen hat mit rund 100 000 Auspendlern das höchste negative Saldo.

Die Gründe für diese Unterschiede in Größe und Richtung der Pendlerströme sind allgemein bekannt. Sie beruhen hauptsächlich auf der Dynamik des Luxemburger Teilarbeitsmarkts und den attraktiven Verdienstmöglichkeiten.

Auch in Bezug auf die Arbeitslosenzahlen sind Diskrepanzen festzustellen. Lothringen und Wallonie verbuchten 2013 jeweils mit 12,2 Prozent und 11,3 Prozent die höchsten Arbeitslosenquoten und lagen somit als einzige Partnerregionen über dem EU-Durchschnittswert von 10,8 Prozent. Der Durschnitt der Arbeitslosenquote der ganzen Großregion liegt allerdings mit 8 Prozent fast drei Prozentpunkte unterhalb des EU-Werts. Dabei hat Rheinland-Pfalz mit 4,1 Prozent die niedrigste Rate. Warum es dennoch zu Unterschieden kommt, führt die IBA auf die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre zurück. Seit Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 ist die Arbeitslosenquote in der EU um 3,8 Prozentpunkte gestiegen und in der Großregion nur um 0,4 Prozent. So hat die Gesamtregion eher gering die Auswirkungen der Krise zu spüren bekommen. Es sind vor allem die Regionen betroffen, in der der Nationalstaat selbst stärker von der Krise gebeutelt wurden.

Anhand der Grafik „Wirtschaftsleistung und Wirtschaftsstruktur“, die den BIP als Maßstab für die gesamtwirtschaftliche Leistung heranzieht, zeigt sich, dass die Entwicklung der Wirtschaftsleistung innerhalb der Partnerregionen ähnlich verläuft. 2009 haben alle Regionen die direkten Auswirkungen der Krise in unterschiedlicher Ausprägung gespürt. Doch während die Wallonie und Lothringen noch einigermaßen glimpflich davongekommen sind, hat das Saarland mit Abstand am stärksten unter den Folgen gelitten. Der Grund dafür liegt in der stark exportorientierten Wirtschaft des Landes.

Selbst wenn die aufgeführten Indikatoren nur eine kleine Auswahl aus den insgesamt 50 sind, zeigen sie wie unterschiedlich die Partnerregionen in ihrer Struktur sind. Trotzdem helfen sie dabei, besser zu verstehen, wie die einzelnen Akteure in ihrer Lebens- und Arbeitswirklichkeit existieren. Auf Basis dieser Erkenntnis können Entscheidungen im grenzüberschreitenden Kontext viel besser getroffen werden.

Christophe Langenbrink


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