Luxemburg plant Rückkehr zur medizinischen Normalität
Luxemburg plant Rückkehr zur medizinischen Normalität
Seit Anfang der Woche erlebt Luxemburg wieder einen Hauch von öffentlichem Leben. Weitere Schritte wie die Öffnung von Schulen und Betreuungseinrichtungen werden folgen. Die Lockerungen finden unter strengen sanitären Bedingungen statt. Dazu zählt die Schutzmaskenpflicht. Begleitet werden die Lockerungen aber auch von einer intensiven Testreihe, um präzise Daten über die Verbreitung des Virus zu haben und – falls nötig – gegensteuern zu können.
Das Land befindet sich in einer äußerst kritischen Phase, die die politisch Verantwortlichen unter Stress setzt, weil um jeden Preis vermieden werden muss, dass die Infektionszahlen wieder massiv steigen.
Mehr Lob als Tadel
Am Dienstag informierte Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP) die Mitglieder des parlamentarischen Gesundheitsausschusses über den aktuellen Stand der Dinge. Die Opposition, die sich bis dato mit Kritik zurückgehalten hat, attestierte der Regierung erneut ein gutes Krisenmanagement.
Die Regierung hätte der Bevölkerung von Anfang an reinen Wein einschenken und sagen sollen, dass noch nicht genügend Schutzmasken vorhanden und sie deshalb dem Gesundheitssektor vorbehalten sind, statt zu sagen, die Masken seien nicht wirklich sinnvoll.
Sven Clement, Piraten
Doch es gab auch Kritik, allen voran an der Kommunikationspolitik der Regierung. Der gesundheitspolitische Sprecher der CSV, Jean-Marie Halsdorf, zeigte Verständnis für die "Navigation à vue", kritisierte aber, dass in Bezug auf die Schutzmaskenpflicht die Professionellen vor Ort nicht kontaktiert worden seien. „Die Regierung hat eine Maskenpflicht verordnet, im Vorfeld aber nicht mit den Apothekern und Großhändlern über die Umsetzung der Schutzmaskenstrategie gesprochen“, so Halsdorf. Erst im Nachhinein seien die Apotheker kontaktiert worden.
Auch Sven Clement (Piraten) übte Kritik an der Kommunikationspolitik, zum Beispiel was die Kehrtwende in Sachen Schutzmasken betrifft. „Die Regierung hätte der Bevölkerung von Anfang reinen Wein einschenken und sagen sollen, dass noch nicht genügend Schutzmasken vorhanden und sie deshalb dem Gesundheitssektor vorbehalten sind, statt zu sagen, die Masken seien nicht wirklich sinnvoll“, so Clement.
Unklarheit besteht Clement zufolge auch in Bezug auf die Antikörpertests. „Sie werden als Teil der Exit-Strategie präsentiert, aber die Regierung sagt nicht, was genau die Strategie ist. Es bleiben viele offene Fragen: Wie viele Tests gibt es? Bis wann ist mit den Tests zu rechnen? Wer und wie wird getestet?“, so Clement.
Verunsicherung besteht offenbar auch im Zusammenhang mit erlaubten und nicht erlaubten medizinischen Aktivitäten. Das betrifft Josée Lorsché (Déi Gréng) zufolge vor allem Physiotherapeuten, Osteopathen oder noch die medizinische Fußpflege. „Die Menschen wissen nicht, welche Dienstleistungen erbracht werden und welche nicht.“
Gilles Baum (DP) meinte, es sei wichtig, recht bald wieder zu einer „medizinischen Normalität“ zurückzukehren und normale medizinische Aktivitäten zu gewährleisten. Das betrifft Operationen in den Krankenhäusern, aber auch Allgemeinmediziner, Zahnärzte und andere medizinische Berufsgruppen. Die Gesundheitsministerin habe versprochen, zum Wochenende mitzuteilen, welche medizinischen Aktivitäten ab wann wieder möglich sein werden, so Baum.
Wir fordern die Menschen auf, sich im Krankheitsfall mit ihrem Arzt des Vertrauens in Verbindung zu setzen oder eine andere operationelle Struktur aufzusuchen und nicht aus Angst vor dem Virus ihre Gesundheit in anderen Bereichen aufs Spiel zu setzen.
Mars Di Bartolomeo, LSAP
Rundschreiben sorgt für Unruhe
Unterdessen sorgte ein Rundschreiben der Santé an die Allgemeinärzte für Unmut. In der Circulaire werden den Ärzten Sanktionen angedroht, sollten sie sich nicht an die gesetzlichen Regeln halten. Dies offenbar, weil einige Ärzte trotz gegenteiliger Anordnung Patienten in ihrer Praxis behandeln. Ein Vorwurf, gegen den die Ärztevereinigung AMMD sich am Dienstag vehement gewehrt hat. Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses Mars Di Bartolomeo (LSAP) spricht von einer Handvoll schwarzer Schafe, die man persönlich hätte anschreiben sollen, statt ein Rundschreiben an alle Ärzte zu schicken.
„Nicht auf Tauchstation gehen“
Was der Politik, aber auch den Ärzten Sorgen bereitet, sind die Patienten, die eigentlich dringend ärztliche Hilfe benötigen, sich aber nicht trauen, ein Krankenhaus aufzusuchen. Sei es aus Angst sich anzustecken, sei es, weil sie befürchten, dass die Krankenhäuser überlastet sind und sie nicht angenommen werden. Das kann lebensgefährlich sein. „Wir fordern die Menschen auf, sich im Krankheitsfall mit ihrem Arzt des Vertrauens in Verbindung zu setzen oder eine andere operationelle Struktur aufzusuchen und nicht aus Angst vor dem Virus ihre Gesundheit in anderen Bereichen aufs Spiel zu setzen“, so Mars Di Bartolomeo.
Lorsché forderte für die Zeit nach der Krise ein Monitoring über die gesundheitlichen Kollateralschäden infolge der Pandemie-bedingten Einschränkungen. Das beinhaltet auch Daten über die psychische Gesundheit der Bürger.
Virusverbreitung durch Kinder
Die Regierung startet demnächst eine systematische Testreihe von Personal und Bewohnern in Alten- und Pflegeheimen, um sich ein besseres Bild der Virusverbreitung in diesen Strukturen zu machen. Josée Lorsché warf ein, dass es mit Blick auf die Öffnung der Schulen auch wichtig sei, sich ein Bild über die Verbreitung des Virus bei Kindern sowie deren Ansteckungspotenzial zu machen – ein Bereich, über den es bislang kaum wissenschaftliche Erkenntnisse gebe.
Jeff Engelen (ADR) interessierte sich für die Statistiken zum Patientenfluss in den Krankenhäusern (in and out) und zu den Reservebetten in den Krankenhäusern und Notversorgungszentren. Diesbezüglich seien die Statistiken nicht aufschlussreich genug.
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