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Luxemburg: Bildungschancen für Migrantenkinder verbessern
Politik 3 Min. 18.12.2019 Aus unserem online-Archiv

Luxemburg: Bildungschancen für Migrantenkinder verbessern

Um die Bildungschancen von Kindern, die keinen luxemburgisch- oder deutschsprachigen Hintergrund haben, zu verbessern, sollten sie gezielt auf Deutsch gefördert werden, sagt Forscher Thomas Lenz von der Uni Luxemburg.

Luxemburg: Bildungschancen für Migrantenkinder verbessern

Um die Bildungschancen von Kindern, die keinen luxemburgisch- oder deutschsprachigen Hintergrund haben, zu verbessern, sollten sie gezielt auf Deutsch gefördert werden, sagt Forscher Thomas Lenz von der Uni Luxemburg.
Foto: Getty Images
Politik 3 Min. 18.12.2019 Aus unserem online-Archiv

Luxemburg: Bildungschancen für Migrantenkinder verbessern

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Die einen scheitern an der deutschen, andere an der französischen Sprache. Um den frühen schulischen Misserfolg zu vermeiden, fordert der Bildungsforscher Thomas Lenz eine Professionalisierung der frühkindlichen Sprachförderung.

Nach sieben PISA-Erhebungen soll jetzt erst einmal Schluss sein. Luxemburg macht eine PISA-Pause und klinkt sich erst 2024 wieder ein. Das Argument: Die PISA-Ergebnisse haben nach all den Jahren keinen erkennbaren Mehrwert. 

Das sieht auch der Forscher Thomas Lenz von der Universität Luxemburg so. „PISA war als Schock wichtig, um eine Debatte anzustoßen“, sagt er. Luxemburg habe mit den Epreuves standardisées (Epstan) inzwischen ein eigenes nationales Monitoringprogramm aufgebaut, „das alles kann, was PISA auch kann“. 

Das internationale PISA-Ranking hält Lenz für ziemlich aussagelos. Aufwand und Ertrag stünden nicht mehr in einem vernünftigen Verhältnis. „Die Befragung aller 15-jährigen Schüler ist extrem aufwendig“, sagt der Bildungswissenschaftler. 

Thomas Lenz von der Uni Luxemburg war Koordinator des nationalen Bildungsberichtes 2018.
Thomas Lenz von der Uni Luxemburg war Koordinator des nationalen Bildungsberichtes 2018.
Foto: Lex Kleren

Der Kompromiss, alle sechs Jahre an PISA teilzunehmen, sei eine gute Lösung. So bleibe der internationale Vergleich erhalten. Im Übrigen hätten internationale Bildungsforscher kürzlich aufgerufen, die PISA-Studie nur mehr alle fünf statt alle drei Jahre stattfinden zu lassen, „weil selbst andere Länder, die nur Stichproben machen, unter dem Aufwand ächzen“, so Lenz. 

PISA und Bildungsbericht 

Luxemburg erstellt seit 2015 einen nationalen Bildungsbericht. Thomas Lenz hat den zweiten Bildungsbericht, der im Dezember 2018 veröffentlicht wurde, koordiniert. Der Bericht hat Erkenntnisse zutage gefördert, die sich mit Ergebnissen aus der PISA-Studie decken: Das Luxemburger Bildungssystem ist sozioökonomisch sehr selektiv. Das bedeutet: je besser der sozioökonomische Status, desto größer die Bildungschancen. Der sozioökonomische Status hat einen stärkeren Impakt als der sprachliche Hintergrund, „wobei es aber zwischen den Faktoren sozioökonomischer und Migrationshintergrund einen Zusammenhang gibt“, wie Lenz betont. 

Luxemburgisch funktioniert für Kinder mit Migrationshintergrund kaum als Sprungbrett für das Lesen und Schreiben auf Deutsch.

Thomas Lenz, Uni Luxemburg

Was der nationale Bildungsbericht allerdings nicht aufdeckt, sind die Leistungsunterschiede von Schülern mit Migrationshintergrund in den Regelschulen einerseits und in den internationalen Schulen andererseits. Thomas Lenz spricht in diesem Fall von einem „blinden Fleck“. Allerdings werde man bei der Erhebung zum nächsten Bildungsbericht die öffentlichen internationalen Schulen mit einbeziehen. 

Schwierige Frage 

Doch was kann man tun, um das Bildungssystem gerechter zu machen und sozioökonomisch benachteiligten Kindern die gleichen Bildungschancen zu bieten? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. „Da hängt vieles zusammen“, sagt der Wissenschaftler. 

Eine Empfehlung, die die Wissenschaftler der Politik in ihrem Bildungsbericht mit auf den Weg gegeben hatten und die auch umgesetzt wurde, ist die frühkindliche Sprachförderung. Im Betreuungssektor werden die Kinder ab einem Jahr mit der luxemburgischen und der französischen Sprache gezielt in Kontakt gebracht. 


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Lenz sieht aber noch weiteren Förderungsbedarf, weil nämlich der Übertrag vom Luxemburgischen ins Deutsche nicht funktioniert. „Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass Luxemburgisch als Kommunikationssprache im Vorschul- und Grundschulbereich gut funktioniert. Luxemburgisch funktioniert für Kinder mit Migrationshintergrund aber kaum als Sprungbrett für das Lesen und Schreiben auf Deutsch“, erklärt Thomas Lenz. 

Er hält es deshalb für sinnvoll, zielgruppenspezifische Sprachtests durchzuführen, bei denen die Luxemburgisch- und Deutschkenntnisse geprüft werden, und bei Bedarf die Kinder mit Blick auf die Alphabetisierung in der deutschen Sprache zu fördern. Man dürfe die Kinder aber auf keinen Fall sprachlich überlasten, was bedeutet, dass bei Kindern, die auf Deutsch gefördert werden, nicht auch noch auf Französisch gefördert werden dürfe. Was Thomas Lenz fordert, ist nichts anderes als eine „Professionalisierung der Sprachförderung“, wie er selbst sagt. 

Die Ungleichheit aufgrund des sozioökonomischen Status' war auch das große Thema bei der Expertengesprächsrunde am vergangenen Freitag, organisiert von der EU-Kommission. Mögliche Lösungen kamen Thomas Lenz zufolge aber nicht auf den Tisch. Die Frage, wie man die sozioökonomische Chancengerechtigkeit erhöhen könnte, bleibt also weitgehend unbeantwortet. 

„Es gibt kein Patentrezept“, sagt Lenz. Vielmehr bräuchte es eine Vielzahl an Einzelmaßnahmen, sagt er, und zählt einige auf: die frühkindliche Sprachförderung in den Betreuungseinrichtungen, den Ausbau der internationalen Schulen mit der Möglichkeit, eigene Sprachprogramme zusammenzustellen, den Abbau von Sprachhürden oder noch eine stärkere Einbindung der Eltern in Schulangelegenheiten. 


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