Wählen Sie Ihre Nachrichten​

LISER-Studie: Mieter unter Druck
Politik 3 Min. 02.07.2020

LISER-Studie: Mieter unter Druck

Viele Haushalte stehen wegen der hohen Wohnkosten finanziell unter Druck.

LISER-Studie: Mieter unter Druck

Viele Haushalte stehen wegen der hohen Wohnkosten finanziell unter Druck.
Foto: Shutterstock
Politik 3 Min. 02.07.2020

LISER-Studie: Mieter unter Druck

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Wohnungsbauminister Henri Kox (Déi Gréng) möchte das Gesetz ändern, damit mehr Haushalte in den Genuss einer bezahlbaren Wohnung kommen.

In Luxemburg wohnen ist eine teure Angelegenheit – sowohl für Mieter als auch für Eigentümer. Wobei Eigentümer ihr Objekt zu einem späteren Zeitpunkt verkaufen und sich etwas Neues anschaffen können. Geld, das für Miete drauf geht, ist auf ewig dahin. 

Es ist allgemein bekannt, dass Familien in Luxemburg durch die steigenden Immobilienpreise finanziell immer mehr unter Druck geraten. Doch bei wie vielen Haushalten ist das der Fall? Das wurde bislang nicht statistisch erfasst. 


In Luxemburg sind erschwingliche Mietwohnungen ein seltenes Gut.
Kampagne für mehr erschwinglichen Mietwohnraum
Knapp 1.000 Wohnungen werden über die Gestion locative sociale an Familien mit geringem Einkommen vermietet. Das Wohnungsbauministerium möchte, dass es mehr werden und startet eine Kampagne.

Am Donnerstag präsentierte das LISER in Anwesenheit von Wohnungsbauminister Henri Kox (Déi Gréng) eine Studie, die ein genaueres Bild der Situation zeichnet. Und das lässt aufhorchen. Es sind vor allem die Geringverdiener, die unter den steigenden Wohnkosten leiden, weil ihre Gehälter im Vergleich kaum steigen. Die Schere geht immer weiter auseinander. Laut der Studie sind 45 Prozent der Haushalte der untersten Einkommensschicht (unterstes Quintil) Mieter. Viele dieser Haushalte geben mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens fürs Wohnen aus. Dieser Prozentsatz ist zwischen 2010 und 2018 von 41,7 Prozent auf 63,9 Prozent gestiegen und entspricht 14.000 Haushalten. 

Jeder dritte Haushalt betroffen

Zum Vergleich: Im zweiten Quintil, also der nächsthöheren Einkommensschicht, ist der Anteil der Mieterhaushalte, die mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens fürs Wohnen ausgeben, weitaus niedriger. Er stieg von 9,8 Prozent (2010) auf 26,8 Prozent (2018) und entspricht rund 4.000 Haushalten. 

Nimmt man alle privaten Mieterhaushalte aus sämtlichen Einkommensschichten zusammen, gingen 2018 bei jedem dritten Haushalt mehr als 40 Prozent des Einkommens für die Wohnkosten drauf. 2010 war es jeder fünfte Haushalt. 

63,9 Prozent der Geringverdiener geben mehr als 40 Prozent ihres Einkommens für die Miete aus.

Eigentümer, die ihr Eigenheim über einen Bankkredit finanzieren, geraten ebenfalls immer stärker finanziell unter Druck, wie Kristell Leduc vom LISER erklärte. Auch hier steigt der Anteil derer, die mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für die Tilgung eines Bankkredits aufbringen. 

Im unteren Quintil, also den untersten 20 Prozent, ist der Anteil von 42,1 (2010) auf 55,6 Prozent (2018) gestiegen. Das entspricht 6.400 Haushalten. Im zweiten Quintil sind 5.400 Haushalte in dem Fall. Macht zusammen 29.800 Haushalte, die 2018 mehr als 40 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen aufbringen mussten. 

Da die Immobilienpreise in den vergangenen zwei Jahren weiter stark gestiegen sind, ist davon auszugehen, dass die Zahl der Haushalte, die wegen der Wohnkosten finanziell unter Druck stehen, weiter gestiegen ist. 

Die Politik, in diesem Fall Wohnungsbauminister Henri Kox (Déi Gréng), möchte ganz besonders den unteren Einkommensschichten helfen und ihnen erschwinglichen Wohnraum anbieten. Doch erschwinglich bedeutet je nach Einkommenssituation und Haushaltszusammensetzung etwas anderes. 

In einer zweiten Studie hat das LISER deshalb eine Definition ausgearbeitet. Das Ergebnis: Erschwinglicher Wohnraum ist eine Zwischenkategorie zwischen Übergangsunterkünften für Menschen in Not einerseits und Wohnraum auf dem privaten Markt andererseits. Erschwingliche Wohnungen sind Studentenwohnungen und Sozialwohnungen im Miet-, aber auch im Verkaufssegment. 

Laut dem LISER fehlt in dieser Zwischenkategorie noch ein Segment, das sich gezielt an Haushalte des zweiten und dritten Quintils richtet, deren Einkommen zu hoch ist, um in den Genuss einer sozialen Mietwohnung zu kommen, und zu gering, um sich auf dem privaten Markt eine adäquate Mietwohnung leisten zu können. Die Mieten in diesem Segment liegen je nach Haushaltszusammensetzung und Einkommenssituation zwischen vier und 19 Euro pro Quadratmeter, so der Vorschlag des LISER. Gleichzeitig regt das LISER an, das Angebot an Wohnungen für die untersten Einkommensschichten zu erhöhen. 

Für Wohnungsbauminister Henri Kox ergeben sich aus der Studie drei Schlussfolgerungen. Das Mietgesetz muss überarbeitet und transparenter gestaltet werden, um sicherzustellen, dass die Mietobergrenze – fünf Prozent des investierten Kapitals – eingehalten wird und die Mieter dies überprüfen können. Die Reform des Mietgesetzes soll demnächst spruchreif sein. 

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Schaffung von erschwinglichen Wohnungen durch die öffentliche Hand. In diesem Punkt setzt Kox auf den Pacte logement 2.0, der vorsieht, dass der Staat die Gemeinden bei der Schaffung von Wohnraum finanziell unterstützt und ihnen Wohnungsbauberater zur Verfügung stellt. 

Der dritte Punkt ist die Schaffung von erschwinglichen Wohnungen für eine breitere Bevölkerungsschicht, also Wohnungen, deren Mietpreis nach der Haushaltszusammensetzung und der Einkommenssituation berechnet wird, wie vom LISER vorgeschlagen. Um das umzusetzen, muss aber erst noch das Gesetz aus dem 1979 angepasst werden.

Folgen Sie uns auf Facebook und Twitter und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Stillstand auf dem Wohnungsmarkt
Welche Auswirkungen hat die Krise auf den Immobilienmarkt? Wird der Druck und werden die Preise weiter steigen? Wohnungsbauminister Henri Kox (Déi Gréng) im großen LW-Interview.
Wie sich die Corona-Krise auf die Preisentwicklung auswirken wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist aber, dass weniger Wohnungen gebaut werden als geplant, der Bedarf aber weiter hoch bleiben wird.
Henri Kox stellt Pacte logement 2.0 vor
Der Staat will die Gemeinden beim Wohnungsbau besser unterstützen. Am Donnerstag stellte Wohnungsbauminister Henri Kox den Mitgliedern des zuständigen Parlamentsausschusses den Wohnungsbaupakt 2.0 vor.
Pacte logement 2.0: Der Staat will die Gemeinden beim Bau von Wohnungen stärker und gezielter unterstützen.
Mietzuschuss: Kein durchschlagender Erfolg
Seit dem 1. Januar 2016 können einkommensschwache Familien auf einen staatlichen Mietzuschuss zurückgreifen, doch die Bilanz ist recht mager. In einem Jahr sind nur 4.000 Anfragen eingegangen, die Hälfte der Anträge wurde abgelehnt.
Geringverdiener haben jede Mühe, auf dem Luxemburger Mietwohnungsmarkt eine dezente und bezahlbare Wohnung zu finden.
Observatoire de l'habitat: Mieter: Wer lebt wie?
Das Großherzogtum hat keine besonders ausgeprägte Mietkultur. Das ist bekannt. Ganze 67,4 Prozent der Bevölkerung sind entweder Eigentümer oder dabei Wohnungseigentum zu erwerben. 27, 2 Prozent sind Mieter auf dem privaten Markt.
Mieter sind nur eine Minderheit auf dem Luxemburger Immobilienmarkt.