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Leitartikel: Déjà-Vu
Leitartikel Politik 2 Min. 14.02.2017

Leitartikel: Déjà-Vu

Gilles SIEBENALER
Gilles SIEBENALER
Kann es ein zweites „Zoufftgen“ geben? Diese Frage stellte das LW im Oktober 2016, als sich das Zugunglück zum zehnten Mal jährte. Nach den Ereignissen vom Dienstag muss die Antwort leider lauten: ja!

Kann es ein zweites „Zoufftgen“ geben? Diese Frage stellte das LW im Oktober 2016, als sich das Zugunglück zum zehnten Mal jährte. Nach den Ereignissen vom Dienstag muss die Antwort leider lauten: ja! 

Sicherlich sind die genauen Umstände, die zur Kollision eines Personen- und eines Güterzugs nahe Bettemburg geführt haben, noch nicht gänzlich geklärt und es muss für alle Seiten die Unschuldsvermutung gelten. Klar ist aber, dass der Personenzug ein Haltesignal überfahren hat. Warum dies geschehen ist und wie das möglich war, müssen die weiteren Untersuchungen ergeben.

Nicht nur aufgrund des überfahrenen Stoppsignals weist der Vorfall vom Dienstag aber erschreckende Parallelen auf zu jenem Zugunglück, bei dem am 11. Oktober 2006 sechs Menschen ums Leben gekommen und 16 Personen verletzt worden waren. Der „Zoufftgen-Akzident“ ging als das schwerste Luxemburger Zugunglück in die Geschichte ein. Nur dem Zufall ist es zu verdanken, dass nun der Vorfall bei Bettemburg ihm nicht diesen traurigen Rang abgelaufen hat. 

Dessen Bilanz fällt – bei allem Mitgefühl für die Opfer und ihre Angehörigen – vergleichsweise glimpflich aus. Man mag sich gar nicht ausmalen, welches Ausmaß die Kollision hätte haben können, hätte sie sich im frühabendlichen Berufsverkehr ereignet, wenn der Personenzug voll besetzt in Richtung Frankreich unterwegs gewesen wäre. Es wären wohl mehrere hundert Verletzte und Tote zu beklagen gewesen. 

Anno 2006 hatte eine Kette von unglücklichen Umständen und fehlerhaften menschlichen Entscheidungen dazu geführt, dass auf einem eingleisigen Streckenabschnitt ein französischer Güterzug und ein luxemburgischer Personzug kollidierten. Vier CFL-Mitarbeitern war in der Folge der Prozess gemacht worden. Vor Gericht waren aber nicht nur ihre Fehlentscheidungen ein Thema, sondern auch die Sicherheitskultur bei der „Bunn“ als solche und damit auch die Effizienz der zur Verfügung stehenden Systeme. 

Die CFL wollte Lehren aus „Zoufftgen“ ziehen und war denn auch Vorreiter im europäischen Vergleich, als bis Ende 2014 das gesamte Streckennetz mit dem „European Train Control System“ (ETCS) ausgestattet war. ETCS soll im Notfall Einfluss auf die Fahrwege und die Fahrzeuge nehmen und so auch Kollisionen verhindern. Auf der Unfallstrecke aber kommt ETCS nicht zum Einsatz, weil auf französischer Seite das System zwar mittlerweile installiert, aber noch nicht abgenommen ist. 

Parallel zu ETCS ist im Luxemburger Netz weiter das Vorgängersystem „MEMOR II+“ aktiv. Dieses hätte den Lokführer mindestens auf das Haltesignal aufmerksam machen müssen und eine Gegenreaktion aus der Führerkabine erfordert. 

Ob nun „MEMOR II+“ nicht ordnungsgemäß funktioniert hat, bleibt zu klären. Den gestrigen Informationen zufolge deutete nichts auf ein Systemversagen hin. Auch ob ein voll funktionsfähiges ETCS das Unglück hätte verhindern können, müssen die laufenden Ermittlungen zeigen. 

An einem Tag wie diesem Dienstag ist es aber nur schwer nachvollziehbar und an und für sich nicht akzeptabel, dass Luxemburg zwar über ein modernes und als effizient betrachtetes Sicherheitssystem verfügt, dieses aber auch zehn Jahre nach „Zoufftgen“ auf exakt der gleichen Strecke noch immer nicht aktiv ist, weil sich unsere französischen Nachbarn mit der Umsetzung von ETCS schwer tun.


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