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Leitartikel: Das letzte Wort
Leitartikel Politik 2 Min. 30.09.2017

Leitartikel: Das letzte Wort

Jean-Lou SIWECK
Eine Zeitung zu leiten, ist in diesen schwierigen Zeiten für Bezahlmedien keine Frage von Macht, sondern von Verantwortung - unternehmerischer und gesellschaftlicher.

Die letzte gedruckte Zeitung wird im Jahr 2043 erscheinen, so eine Voraussage aus dem Jahr 2004. Der Siegeszug des Internet scheint unaufhaltsam. Doch alleine dem Netz die Schuld am Leserrückgang zu geben, gehört zu den liebsten Lebenslügen von Zeitungsmachern. Die höchsten Auflagen finden sich nämlich bei fast allen Blättern in einer Zeit, in der es weder Breitbandanschlüsse, noch Smartphones, noch iPads gab. Beim „Luxemburger Wort“ lag der Höhepunkt so im Jahr 1995. Es gilt demnach vor allem, sich inhaltlich in Frage zu stellen.

Die zerstörerische Wirkung des Digitalen ist an anderer Stelle hingegen eindeutig: Es hat durch unendliche Werbemöglichkeiten das Geschäftsmodell der Zeitungen zerschlagen. Gleichzeitig haben Webseiten wie Spiegel Online offengelegt, wie hemmungslos Zeitungen die Jedermanninhalte der Presseagenturen als hochwertige Exklusivität verkauft haben.

Für das Produkt Zeitung ist das Internet demnach ein einziger Fluch. Für die Dienstleistung Journalismus ist es hingegen ein Segen – zumindest ein möglicher Segen.

Nie war es einfacher, nie war es aber auch billiger, um Tausenden Zugang zu Informationen zu geben. Das Dilemma ist jedoch, dass diese Einfachheit zu einem Überfluss an Nachrichten geführt hat, in dem der Wert von professionellem Journalismus kaum noch zu erkennen ist.

Das Reuters Institute in Oxford beschreibt die Herausforderung wie folgt: „Anbieter von Bezahlzeitungen müssen fähig sein, deutlich zu machen, inwieweit ihr Produkt sich von anderen unterscheidet und, im Endeffekt, weshalb es sich lohnt, dafür zu zahlen.“

Das Geheimnis des Erfolgs in einer digitalen Welt liegt demnach in journalistischer Qualität und Relevanz, die auch Onlineleser zum Zahlen bewegt. Scheitern die Zeitungen an dieser Herausforderung sind sie über kurz oder lang zur Bedeutungslosigkeit verurteilt.

Das alles sind natürlich zuerst einmal die Probleme der Verlage. Doch der Journalist gehört einem sonderlichen Berufsstand an. In der Verfassung ist ihm ein eigener Artikel gewidmet, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte schreibt ihm die Aufgabe eines „Wachhunds“ zu und das Pressegesetz sieht eine „Gewissensklausel“ für ihn vor.

Das Ziel dabei ist nicht, dem Ego der Journalisten zu schmeicheln. Aber ohne freie Presse, die von ihren Mitteln und ihrem Anspruch her so aufgestellt ist, dass sie den Mächtigen auf die Finger schauen und notfalls auch klopfen kann, bleibt wahre Demokratie unerreichbar.

In diesen spannenden Zeiten eine Zeitung zu leiten, ist demnach keine Frage von falsch verstandener Macht, sondern eine von höchster Verantwortung. Bereits heute gibt es in Luxemburg nur mehr zwei Tageszeitungen, bei denen die Abonnementerlöse höher sind als die Zuschüsse der staatlichen Presseförderung.

Natürlich erscheinen auch die anderen Zeitungen weiter täglich. Doch wenn das Überleben einer Zeitung letztlich stärker vom Eigentümer, Werbekunden oder Staat abhängt als vom Abonnenten, wo sollen Journalisten dann die Motivation finden, die Interessen ihrer Leser ins Zentrum ihrer Arbeit zu stellen?

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