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Lehrermangel im Fondamental: "Das ist ein Skandal"
Politik 3 Min. 21.09.2017 Aus unserem online-Archiv

Lehrermangel im Fondamental: "Das ist ein Skandal"

In diesem Jahr mussten viele Lehrerposten mit Chargés besetzt werden.

Lehrermangel im Fondamental: "Das ist ein Skandal"

In diesem Jahr mussten viele Lehrerposten mit Chargés besetzt werden.
Foto: Pierre Matgé
Politik 3 Min. 21.09.2017 Aus unserem online-Archiv

Lehrermangel im Fondamental: "Das ist ein Skandal"

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Das Bildungsministerium rekrutiert für Lehrervertretungen pensionierte Lehrer, Personal aus den Maisons relais und möchte, dass Lehrer Überstunden schieben. "Das ist ein Skandal", sagt SNE-Präsident Patrick Remakel.

(mig) - Dass für das laufende Schuljahr in den Grundschulen Lehrermangel herrschen würde, wusste das Bildungsministerium bereits vor Beginn der Sommerferien (das LW berichtete am 24. Juli). Viele Lehrerposten mussten mit Lehrbeauftragten besetzt werden. Folglich schrumpfte die Zahl der Lehrbeauftragten, die bei kurzfristigen Lehrerausfällen einspringen.

Schon damals hatte Bildungsminister Claude Meisch angekündigt, für Lehrervertretungen auf pensionierte Lehrer zurückgreifen und Lehrkräfte dazu motivieren zu wollen, Überstunden zu leisten. Auch Personal aus den Maisons relais sollen stundenweise Lehrervertretungen übernehmen.

Ressourcenfressende Reformen

Kurzfristig mag diese Maßnahme sicherlich Erleichterung bringen, meint der Präsident der Lehrergewerkschaft SNE, Patrick Remakel, im Gespräch mit dem LW. Mittelfristig aber sei der Lehrermangel so nicht zu beheben. Ein zentraler Grund für den Lehrermangel sind die „ressourcenfressenden“ Reformen im Fondamental.

Da wären z.B. die spezialisierten Lehrer, die aus dem Lehrerkontingent abgezogen werden und durch neue ersetzt werden müssen, 70 Posten allein für dieses Schuljahr. Hinzu kommen neue Laufbahnen wie der „Instituteur spécialisé en développement scolaire“ oder noch die neuen regionalen Direktionen, für die Lehrer rekrutiert wurden, die jetzt nicht mehr für den Unterricht zur Verfügung stehen.

Ein anderer Grund für den Lehrermangel ist die rückläufige Zahl an Kandidaten für die Lehrerausbildung. In diesem Jahr wurden erstmals weniger Kandidaten (160) rekrutiert als laut Rekrutierungsplan (291) gebraucht wurden. Ganze 131 Posten blieben unbesetzt.

Der SNE-Vorsitzende kritisiert die Vorgehensweise des Ministers, immer mehr Lehrer für nicht-schulische Aufgaben, für „theoretische Posten“ aus dem direkten Unterricht abzuziehen. „Er muss sich die Frage stellen, ob er es sich erlauben kann, alle seine Projekte wie geplant durchzuziehen, wenn im direkten Unterricht so viele Lehrkräfte fehlen“, so Remakel. „Wir denken, dass es besser wäre, bei den Projekten etwas kürzer zu treten.“

Lehrermangel im Norden

Besonders akut ist der Lehrermangel im Norden des Landes, wo Gemeindevertreter sich öffentlich über fehlendes Schulpersonal beschwert hatten. Der Minister hingegen sprach von einem lokalen Phänomen und war bei der Rentrée-Pressekonferenz um Beschwichtigung bemüht. Eine Recherche des SNE in Sachen Personalmangel ergab allerdings ein anderes Bild.

Laut dieser Recherche waren im Norden des Landes (Region 15) zu Schulbeginn 15 Lehrerposten unbesetzt. „Der eigentliche Skandal aber ist, dass das Ministerium dies bereits am 15. Juli wusste und nichts unternommen hat“, so Remakel.

Erst im September hätten die Schulpräsidenten von der Regionaldirektion erfahren, dass keine Ressourcen verfügbar seien, „obwohl sie den Schulen laut Lehrerkontingent zustehen. In ihrer Not und um nach außen den Schein zu wahren, dass alles in Ordnung sei, haben die Schulen Klassen zusammengelegt und den Appui gestrichen. Zudem wurde den Lehrern nahe gelegt, Überstunden zu machen. Das ist ein Skandal“, so der SNE-Vorsitzende.

Ihm ist schleierhaft, warum die Posten nicht besetzt wurden bzw. warum bis kurz vor Schulbeginn gewartet wurde, um die Schulen darüber in Kenntnis zu setzen. „Hätten sie es gewusst, hätten sie sich darauf einstellen können.“

Lehrerberuf verliert an Attraktivität

Remakel sieht nicht, dass sich die Lage in den kommenden Jahren entspannen könnte, zumal die Zahl der Kandidaten für die Lehrerausbildung rückläufig ist. Dass sich weniger junge Menschen für den Lehrerberuf interessieren, liege u.a. auch am dreijährigen Referendariat, das bei den Studenten keinen besonders guten Ruf hat. „Der Lehrermangel wird nicht geringer, sondern wird weiter steigen“, ist Remakel überzeugt.

Der Lehrermangel ist auch der Grund, warum der SNE sich dafür ausgesprochen hat, den Schulentwicklungsplan (PDS) vorerst auf Eis zu legen: um die Schulen nicht noch zusätzlich unter Druck zu setzen, „vor allem die, die ohnehin unter Personalmangel leiden“.

Schulen erstellen Notfallplan

Um auf größere Lehrerausfälle vorbereitet zu sein, haben viele Schulen einen Notfallplan erstellt, um fehlende Lehrkräfte durch eigene Ressourcen zu ersetzen. Denn im Lehrbeauftragtenpool herrscht gähnende Leere: „Sonst konnte ich aus einer Liste mit 50 Lehrbeauftragten eine Lehrervertretung auswählen. Jetzt sind es nur noch sechs oder sieben“, beschreibt Remakel die Lage. „Und das ohne Grippewelle.“


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