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Landwirtschaft: Der schwere Abschied vom Glyphosat
Die Chemie mag kein Wundermittel sein - doch was gibt es für Alternativen?, fragt die Landwirtschaftskammer.

Landwirtschaft: Der schwere Abschied vom Glyphosat

Foto: Getty Images
Die Chemie mag kein Wundermittel sein - doch was gibt es für Alternativen?, fragt die Landwirtschaftskammer.
Politik 3 Min. 26.10.2017

Landwirtschaft: Der schwere Abschied vom Glyphosat

Bérengère BEFFORT
Bérengère BEFFORT
Europa ringt noch mit sich selbst: Die Entscheidung über eine Neuzulassung von Glyphosat ist vertagt. Minister Fernand Etgen will zwar einen „Teilerfolg“ erkennen. Für die Bauer ist das politische Hin und Her bedrückend.

Von Bérengère Beffort

Generalsekretär Pol Gantenbein überlegt kurz. Nein, sagt er dann bestimmt, was die Bauer zurzeit verärgere und verunsichere seien nicht die kontroversen Gutachten zum Pflanzenschutzmittel Glyphosat. „Unsere Mitglieder fragen sich viel mehr, was passieren wird, wenn es zum Verbot kommt und welche Alternativen es künftig geben wird“, so der Vertreter der Landwirtschaftskammer.

Zurzeit spricht ganz Europa über Glyphosat. Der Wirkstoff errege Krebs, es belaste die Umwelt, mahnen unabhängige Forscher sowie Umweltschützer. Auch Luxemburgs Regierung hat sich als Gegner bekannt und verweist aufs „Vorsorgeprinzip“. Landwirtschaftsminister Fernand Etgen verkündete so denn am Montag das Ende des viel versprühten Pestizids.

Ganz anders sehen es die Chemiekonzerne und 17 EU-Staaten: Für sie ist der Unkrautvernichter bei sachmäßiger Verwendung nicht bedenklich. Wer Recht bekommen soll, steht noch aus: Am Mittwoch konnte sich ein Expertengremium der verschiedenen EU-Länder nicht verständigen, ob die aktuelle Zulassung verlängert wird oder nicht. Die Abstimmung wurde vertagt.

Halb voll, halb leer

Nun drängt allerdings die Zeit. Im Dezember wird die aktuelle Genehmigung auslaufen. Sind sich die Staaten uneinig, wird die EU-Kommission ein Machtwort sprechen müssen. Das wäre nicht unbedingt von Vorteil für die Glyphosat-Skeptiker. Denn der Ausgangspunkt der Diskussion bleibt die von Brüssel gestellte Frage nach einer längeren Zulassung. Von der engen Agenda, lässt sich Fernand Etgen nicht beirren. Luxemburg bleibe bei seinem „Nein“ zum Glyphosat. In der ausgebliebenen Abstimmung sieht er einen „Teilerfolg“.

Der Landwirtschaftsminister analysiert: Die EU-Kommission sei von ihrem anfänglichen Vorschlag von zehn weiteren Jahren zurückgerudert, so dass jetzt von einer Zeitspanne von „fünf oder sogar drei Jahren“ die Rede sei. Die Kommission habe halt keine qualifizierte Majorität für eine langjährige Genehmigung bekommen. „Das öffnet die Diskussion für weitere Gedanken“, zeigt sich Etgen zufrieden. Denn statt über eine Zulassung zu reden, könne der Fokus jetzt verstärkt auf eine zeitlich bedingte Verlängerung gerückt werden. Luxemburg wolle den Druck denn auch aufrechterhalten, versichert der Minister.

"Uns fehlt es an Perspektiven"

Fürs politische Taktieren hat die Landwirtschaftskammer wenig übrig. „Uns fehlt es an Perspektiven und Sachlichkeit“, sagt Generalsekretär Pol Gantenbein. Bislang sei nicht mit den Bauern über mögliche Übergänge und Folgen, wenn die Erzeugnisse ohne Glyphosat auskommen müssen, geredet worden. Eine fehlende Konsequenz macht er an einem Beispiel aus. Die Landwirte seien von der Politik ermutigt, eine bodenschonende Bewirtschaftung zu betreiben – sprich auf einen intensiven Ackerbau mit dem Pflug zu verzichten, weil dieser verstärkt Erosionen herbeiführe. Chemische Mittel galten als willkommene Alternative.

„Nun schlägt die Politik eine andere Richtung ein. Aber sie bedenkt gar nicht die Folgen, wenn die Felder wiederum mehr befahren werden, es zu mehr CO2-Ausstößen kommt und der Boden wieder stärker belastet wird, und insgesamt neue Kosten zu stemmen sind“, gibt Gantenbein zu bedenken.

Zeit und Geld für den Entzug

Die Landwirtschaftskammer spricht sich für einen verantwortungsbewussten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln aus, und berät auch entsprechend die Landwirte. Ein völliger Verzicht aufs umstrittene Herbizid sei von heute auf morgen illusorisch. „Wir können uns sicherlich mit langfristigen Lösungen arrangieren, aber dafür müssen die politischen Vertreter die Folgen ganz klar erkennen und Mittel freistellen, damit alternative Produktionsmethoden erprobt werden“, betont Pol Gantenbein. Die notwendige Übergangszeit, um sich umzustellen und die Erträge zu sichern schätzt er „auf ein paar Jahre“.

Luxemburg zählt zurzeit rund 2 000 Betriebe, wovon die allermeisten einen konventionellen Anbau betreiben. Glyphosat gehöre zur Bewirtschaftung, sagt der Generalsekretär der Berufskammer unverblümt, und so „wie Dieselmotoren ein Teil der Autoindustrie sind und Übergangsphasen gewährt bekommen“, so gelte es auch „progressiv und realistisch in der Landwirtschaft vorzugehen“.

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