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Keine Energiewende ohne Fachkräfte
Politik 4 Min. 27.10.2022
Handwerkermangel

Keine Energiewende ohne Fachkräfte

Der Krieg in der Ukraine forciert die Energiewende in Europa. Doch ohne Fachkräfte, die das Installieren, Warten und Reparieren von Solaranlagen, Wärmepumpen und Ladesäulen beherrschen, ist die Wende nicht zu schaffen.
Handwerkermangel

Keine Energiewende ohne Fachkräfte

Der Krieg in der Ukraine forciert die Energiewende in Europa. Doch ohne Fachkräfte, die das Installieren, Warten und Reparieren von Solaranlagen, Wärmepumpen und Ladesäulen beherrschen, ist die Wende nicht zu schaffen.
Foto: DPA
Politik 4 Min. 27.10.2022
Handwerkermangel

Keine Energiewende ohne Fachkräfte

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
OGBL/SEW und Amelux sorgen sich um den Fachkräftemangel im Handwerk. Sie fordern dringend eine Aufwertung der Berufsausbildungen.

Geht es nach dem Klima-Bürgerrat soll Strom bis 2030 zu 80 Prozent und bis 2040 zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien gewonnen werden. Eine andere Forderung: reparieren statt kaufen. Perfekt. Aber um das umzusetzen, braucht man Menschen, die etwas davon verstehen, sprich gut ausgebildete Handwerker. Genau da hat Luxemburg ein Problem. 


Mit langen Wartezeiten ist zu rechnen
Materialmangel, viele Aufträge und wenig Fachpersonal verzögern so manches Projekt.

Es gibt nicht genug gut ausgebildete Fachkräfte und das Land bildet auch nicht genügend Handwerker aus. Nach Ansicht des OGBL/SEW und der im Februar 2022 gegründeten Vereinigung Amelux (Association des maîtres d'enseignement Luxembourg) braucht die Berufsausbildung dringend ein besseres Image und das erreicht man nur über eine Aufwertung des Handwerks, sind OGBL-Präsidentin Nora Back und Amelux-Präsident Christian Turk überzeugt.

Beide finden, dass nicht genug über die Gründe für den Fachkräftemangel diskutiert wird. Und dass den Menschen nicht wirklich bewusst ist, was der Fachkräftemangel in Zeiten einer sich rasant ändernden Berufswelt bedeutet und wie die Energiewende zu schaffen sein soll, wenn nicht genügend Handwerker verfügbar sind, um Solaranlagen auf Dächer zu bauen, Wärmepumpen einzubauen, zu warten und zu reparieren oder Ladesäulen zu installieren.

Die Schüler haben sowieso schon Probleme und dann müssen sie auch noch eine Ausbildung machen, zu der sie keine Lust haben.

Christian Turk, Amelux-Präsident

Vor allem finden sie, dass seitens der Politik nichts getan wird, um die Situation zu verbessern. Gemeinsam machen sich der OGBL/SEW und Amelux für eine Aufwertung der Berufsausbildung stark. 

Machen sich für eine Aufwertung der Berufsausbildung stark: Serge Peiffer (Vizepräsident Amelux), Christian Turk (Präsident Amelux), Nora Back, OGBL-Präsidentin), Jules Barthel (OGBL/SEW), Frédéric Krier und Michel Reuter (OGBL/SEW) (v.r.n.l.)
Machen sich für eine Aufwertung der Berufsausbildung stark: Serge Peiffer (Vizepräsident Amelux), Christian Turk (Präsident Amelux), Nora Back, OGBL-Präsidentin), Jules Barthel (OGBL/SEW), Frédéric Krier und Michel Reuter (OGBL/SEW) (v.r.n.l.)
Foto: Marc Wilwert

Die Orientierung in die Berufsausbildung passiert nach wie vor überwiegend über den schulischen Misserfolg. Wer keine guten Noten hat, landet nach der 5e unweigerlich in der Berufsausbildung. „Sie haben keine Wahl“, sagte Christian Turk am Donnerstag bei einer Pressekonferenz mit dem OGBL/SEW. „Sie haben sowieso schon Probleme und dann müssen sie auch noch eine Ausbildung machen, zu der sie keine Lust haben.“ Das könne nicht der richtige Weg sein.


Mit gut 8.000 Betrieben ist das Handwerk in Luxemburg ein wichtiger Wirtschaftszweig.
„Meisterbrief muss wieder etwas wert sein“
Christian Turk und Serge Peiffer finden, dass sich in den vergangenen neun Jahren in der Berufsausbildung so gut wie nichts verbessert hat.

Turk ist der Ansicht, dass die Schüler bereits in der Grundschule mit Handwerksberufen in Kontakt kommen sollten, zum Beispiel über die freiwillige Teilnahme - an freien Nachmittagen - an Workshops, die von Lehrmeistern organisiert werden. „Auf diese Weise könnte man auch die Eltern erreichen“, ist Turk überzeugt. Wichtig sei, Schüler zu erreichen, die sich aus freiem Willen für eine Handwerkerausbildung entscheiden, das wirklich wollen, talentiert sind und von den Eltern in ihrer Entscheidung unterstützt werden.

Meisterbrief auf Bachelorniveau heben

Die Entscheidung lohne sich aber nur, wenn die Diplome im Handwerk aufgewertet werden. Amelux und OGBL/SEW schlagen deshalb vor, den Meisterbrief (Stufe 5 im europäischen Qualifikationsrahmen) - wie in vielen anderen Ländern auch – mit einem Bachelor (Stufe 6) gleichzustellen, „zumal die Anforderungen an einen Meister mit denen einer Bachelorausbildung vergleichbar sind“, so Turk.

Die DAP-Ausbildung soll um ein auf vier Jahre verlängert und mit einem Sekundarschulabschluss gleichgestellt werden, wobei die Schüler sich im ersten Jahr nicht sofort für einen bestimmten Beruf entscheiden müssen, sondern Praktika in unterschiedlichen Betrieben absolvieren und in der Schule verschiedene Berufsklassen besuchen sollen, „damit sie sich ein Bild machen können“, schlug Christian Turk vor. Auf diese Weise ließe sich auch die Schulabbrecherquote verringern.

Ein CCP-Abschluss ist keine Schande. Betriebe brauchen auch diese Fachkräfte.

Christian Turk

Für Schüler, die keinen Ausbildungsbetrieb finden, schlug Turk vor, Auffangklassen zu schaffen, in denen sie weiter unterrichtet werden, bis sie einen Betrieb gefunden haben. Heute würden sie ins Centre national de formation professionnelle continue (CNFPC) gelotst. „Dort werden aber nicht immer die Module angeboten, die sie brauchen. Die Schüler werden also im Regen stehen gelassen“, erklärte Amelux-Vizepräsident Serge Peiffer.


Früher wurden handwerkliche Produkte von Hand gefertigt. Heute übernehmen Maschinen einen Teil der Produktion, aber auch diese Maschinen müssen von Hand bedient werden.
„Handwerk ist Hightech“
Das Parlament befasste sich am Donnerstag mit der Frage, warum so wenig junge Menschen sich für eine handwerkliche Laufbahn entscheiden.

Bei alledem dürfe man aber die schwächeren Schüler nicht vergessen, meinte Turk. „Auch sie haben ihren Platz in der Berufsausbildung.“ Die CCP-Ausbildungen sollten dahingehend reformiert werden, „dass wenigstens ein Teil dieser Schüler Zugang zu einem DAP bekommt“, so Turk. „Ein CCP-Abschluss ist keine Schande“, fügte er hinzu. „Betriebe brauchen auch diese Fachkräfte.“

Schüler kaum mehr stressresistent

Neben der Verlängerung des DAP auf vier Jahre forderte Jules Barthel vom SEW, dass der „Projet intégré intermédiaire“ (PII) wieder obligatorisch werden sollte. In der Praxis ist er das eigentlich. Aber viele Schüler würden es ablehnen, den PII zu machen, weil sie, auch ohne ihn zu schaffen, bis zur Abschlussklasse weiterkommen. „Wir wollen, dass ein Weiterkommen nur mit einem geschafften Zwischenexamen möglich ist“, sagte Barthel. „Nicht, um den Schülern den Weg zu versperren, sondern damit sie wissen, wo sie stehen.“ Diese Zwischenetappe sei sehr wichtig, sagte Barthel, der in der Praxis beobachtet, dass Schüler dem Stress des Abschlussexamens (Projet intégré final, PIF) kaum mehr standhalten können, „weil sie in ihrer Laufbahn kaum Erfahrungen mit Stresssituationen machen“.  

Die Technikerausbildung ist sehr theoretisch und passt besser ins Général.

Jules Barthel, OGBL/SEW

Techniker: Raus aus der Berufsausbildung

Barthel wiederholte eine langjährige SEW-Forderung, wonach die Technikerausbildung aus der Berufsausbildung herausgenommen und, wie vor der Reform 2008, wieder Teil des Enseignement secondaire général (ESG) werden sollte, „weil die Technikerausbildung sehr theoretisch ist und besser ins ESG passt“, so Barthel, wobei es dafür keiner Reform bedürfe. Es sei durchaus vorstellbar, das Abschlussexamen (PIF) in seiner bestehenden Form beizubehalten.

Ferner forderte Barthel eine Harmonisierung der Vergütung der Lehrlinge in den CCP- und den DAP-Ausbildungen. Je nach Ausbildung verdienten die Lehrlinge bis zu 30 Prozent mehr als andere.

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