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Juncker steht dem Altkanzler zur Seite: Helmut Kohls Buch enthält jede Menge Sprengstoff
Politik 4 Min. 04.11.2014

Juncker steht dem Altkanzler zur Seite: Helmut Kohls Buch enthält jede Menge Sprengstoff

Juncker und Kohl sind immer noch Freunde. In Deutschland hält kaum noch jemand dem Altkanzler die Stange.

Juncker steht dem Altkanzler zur Seite: Helmut Kohls Buch enthält jede Menge Sprengstoff

Juncker und Kohl sind immer noch Freunde. In Deutschland hält kaum noch jemand dem Altkanzler die Stange.
REUTERS
Politik 4 Min. 04.11.2014

Juncker steht dem Altkanzler zur Seite: Helmut Kohls Buch enthält jede Menge Sprengstoff

Mit dem frischgebackenen EU-Kommissionspräsidenten Juncker an seiner Seite hat Helmut Kohl sein neues Buch unter die Menschen gebracht. Der gesundheitlich angeschlagene deutsche Altkanzler erhebt darin Vorwürfe gegen seine rot-grüne Nachfolgerregierung.

Von Rainer Holbe und dpa

Es ist mehr als eine historische Geste, dass Jean-Claude Juncker – der gewählte Präsident der Europäischen Kommission – an seinem ersten Arbeitstag zu jenem Mann eilt, der den Einigungsprozess der achtundzwanzig Staaten nicht nur angeschoben, sondern über Jahrzehnte mit Rat und Tat begleitet hat: Alt-Kanzler Helmut Kohl.

Brüssel kann warten, mag Jean-Claude Juncker denken, als er an diesem Montagmorgen statt zu seinem Amtssitz in Brüssel über die Autobahn nach Frankfurt eilt, um im Festsaal der „Villa Kennedy“ einen Mann zu ehren, dem er nicht nur politisch, sondern vor allem menschlich seit Jahren freundschaftlich verbunden ist.

Eigentlich war es ja die Vorstellung des Helmut-Kohl-Buches „Aus Sorge um Europa – Ein Appell“ den Juncker als Termin auf seiner Agenda stehen hatte. Was folgt war ein leidenschaftliches Bekenntnis zur europäischen Idee, getragen von der Erkenntnis, dass die Länder der EU nicht nur ökonomisch miteinander verbunden sind, sondern sich vor allem als ein Friedensbündnis verstehen: Nie wieder Krieg! Der Vater – so Juncker – hat ihn als Zwangsrekrutierter in Russland erlebt. Helmut Kohl war ein Kind, das Bombenterror und Nazi-Gräuel in seiner pfälzischen Heimat überstehen mußte. „Frieden ist kein Geschenk des Himmels“, sinniert der Kommissionspräsident. „Der Himmel macht nur wenige Geschenke. Wir selbst sind gefragt.“

Zur Eurokrise hat Kohl wenig zu sagen

In seinem schmalen Band „Aus Sorge um Europa“, der am Mittwoch in die Läden kommt, ist Kohl ganz der Alte: Er teilt aus und findet deutliche Worte. Doch beim Live-Auftritt in der „Villa Kennedy“ kann der gesundheitlich schwer angeschlagene Kohl seine aufgewühlten Gefühle zum Thema Europa kaum vermitteln. Seit seinem Sturz vor sechseinhalb Jahren kann er nur noch schwer sprechen.

Es sind dann auch vor allem Beschwörungsrituale, die vom Altkanzler kommen. „Noch ist es nicht zu spät in Europa“, sagt Kohl. Die großen Ausführungen kann er mündlich nicht mehr liefern. Doch auch im Buch bleibt vieles allgemein und europazentriert. Zu den großen Veränderungen der vergangenen 16 Jahre seit seiner Ablösung als Kanzler - zum Beispiel zur globalen Finanzkrise - hat Kohl auch im Buch wenig zu sagen.

Am konkretesten wird Kohl, wenn es gegen seinen SPD-Nachfolger Gerhard Schröder geht. Dessen rot-grüne Regierung macht er für die Schuldenkrise in Europa verantwortlich, weil sie Griechenland zu früh in die Eurozone aufgenommen und mit Frankreich den Euro-Stabilitätspakt verletzt habe. Das dürfte auch seiner Partei gefallen. Weniger allerdings Kohls Vorwurf, dass der Westen Russland in der Ukraine-Krise zu stark isoliert habe.

Die „Causa Griechenland“ rückt später Kohls Laudator Jean-Claude Juncker ein wenig zurecht. Damals sei die EU „Opfer“ falscher griechischer Statistiken geworden, sagt Juncker auf die Frage eines Journalisten. Der langjährige Luxemburger Regierungschef, der an seinem ersten Arbeitstag in Brüssel als EU-Kommissionspräsident zu Kohl nach Frankfurt kommt, nennt seinen alten Weggefährten und engen Freund einen „großen Europäer“. Wie schon früher schreibe dieser auch in seinem neuen Buch gegen Ressentiments und Kleinstaaterei an.

Übereinstimmungen

Es gibt viele Übereinstimmungen im politischen Wirken der beiden Männer. Und eigentlich ist Juncker für eine objektive Besprechung des Kohl-Buches nicht der richtige Mann. „Die Gedanken von Helmut Kohl sind auch meine Gedanken“, sagt der Kommissionspräsident, der zu seinen politischen Vorbildern den Franzosen Delors ebenso zählen möchte wie den deutschen Alt-Kanzler.

Juncker zählt auf, wo es hakt. Am Klein-Klein der Mitgliedstaaten beispielsweise, vor dem der Friedensgedanke oft in den Hintergrund trete. Trotzdem solle man jungen Menschen die Existenz der Europäischen Union nicht nur historisch erklären, man müsse ihnen auch Perspektiven für die Zukunft eröffnen. So sei der Euro ein wesentlicher Bestandteil der Friedenspolitik. Ohne die Einführung des Euro hätte es einen Währungskrieg zwischen Deutschland und Frankreich gegeben. „Der Euro hat die Europäische Union irreversibel gemacht“, so Juncker. Kohl habe in seiner Zeit als Kanzler stets betont, dass er immer am Euro und damit am Einigungswillen der Europäer festhalten werde.

Am Ende bedankt sich Helmut Kohl bei „seinem Freund Jean-Claude Juncker“ dafür, dass er an seinem ersten Arbeitstag als Präsident der Europäischen Kommission zum ihm geeilt sei, um manch gute Idee mit ihm zu teilen. „Es geht um viel, es geht um unsere Zukunft, und unsere Zukunft heißt Europa“, sagt Kohl.

Helmut Kohl: „Aus Sorge um Europa. Ein Appell.“ Droemer, 119 S., ISBN 978-3-426-2766312, 12,00 Euro.


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