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Juncker: Die Kunst der Kompromissfindung
Politik 2 Min. 18.10.2019

Juncker: Die Kunst der Kompromissfindung

Deal in letzter Minute: Boris Johnson (l.) und Jean-Claude Juncker.

Juncker: Die Kunst der Kompromissfindung

Deal in letzter Minute: Boris Johnson (l.) und Jean-Claude Juncker.
Foto: AFP
Politik 2 Min. 18.10.2019

Juncker: Die Kunst der Kompromissfindung

Beim Brexit-Deal lässt Jean-Claude Juncker sein Verhandlungsgeschick aufblitzen. Wohl ein letztes Mal zeigt das EU-Urgestein auf der Brüsseler Bühne, dass es die Kunst des Kompromisses beherrscht.

(dv/mas) - Zufall oder nicht? Ein paar Wochen ehe er am 9. Dezember das in Luxemburg gesetzlich verankerte Pensionsalter erreicht, verabschiedet sich Jean-Claude Juncker in den politischen Ruhestand. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bestreitet der scheidende Kommissionspräsident seinen letzten EU-Gipfel. 

Gewohntes Bild seit fast zweieinhalb Jahrzehnten: Jean-Claude Juncker auf dem roten Teppich bei einem EU-Gipfel.
Gewohntes Bild seit fast zweieinhalb Jahrzehnten: Jean-Claude Juncker auf dem roten Teppich bei einem EU-Gipfel.
Foto: AFP

Vom "Junior" zum "Held von Dublin"

EU-Gipfel ohne Juncker – da braucht es schon etwas Vorstellungskraft: Seit 1995 – mit einer kurzen Unterbrechung zwischen den verlorenen Chamberwahlen 2013 und den gewonnenen Europawahlen 2014 – gehört er dem Ensemble an Akteuren an, das in mehr oder minder dramatischen Inszenierungen über das Schicksal der Europäischen Union und ihrer mittlerweile über 500 Millionen Bürger bestimmt. Erst lange Jahre als luxemburgischer Regierungschef, wo er vom „Junior“ des deutschen Kanzlers Helmut Kohl zum dienstältesten Premier aufsteigt, dann als Leiter der EU-Kommission. 


Den EU-Gipfel von 1996 verließ Juncker als "Held von Dublin".
Als Juncker zum "Held von Dublin" wurde
Dass der EVP-Kongress, bei dem  Juncker zur Wahl steht, gerade in Dublin stattfindet, dürfte für den aussichtsreichen Kandidaten als gutes Omen gelten. Bei den entscheidenden Verhandlungen 1996 um den Euro-Stabilitätspakt verließ Juncker den Gipfel als „Held von Dublin“.

Dass zum Abschluss nochmals ein an Dramaturgie kaum zu überbietendes Kapitel geschrieben wird, passt ins Bild der EU, die scheinbar nur im Krisen(bewältigungs)modus funktioniert. Und es passt zum gewieften Europapolitiker Jean-Claude Juncker, der in den zurückliegenden Tagen all seine politische Erfahrung und all sein diplomatisches Geschick mit in die Waagschale geworfen hat, sodass auf den letzten Drücker doch noch ein Deal mit Großbritannien zustande kommt. 

Das Brexit-Abkommen als ultimatives Beispiel, dass es Jean-Claude Juncker im Laufe der Jahre wie kaum ein anderer Akteur verstanden hat – oftmals in Nachtsitzungen – auseinanderliegende Positionen zu vereinigen und dabei persönliche Befindlichkeiten mit politischen Gegebenheiten zu versöhnen. 

Begegnungen der besonderen Art mit den Briten: Einst verhinderte Tony Blair den EU-Finanz-Deal, nun verabschiedet sich Boris Johnson aus der Europäischen Union.
Begegnungen der besonderen Art mit den Briten: Einst verhinderte Tony Blair den EU-Finanz-Deal, nun verabschiedet sich Boris Johnson aus der Europäischen Union.
Foto: AFP

Diese Fähigkeit bringt ihm 1996 unter anderem den Titel „Held von Dublin“ ein, als er bei der Ausarbeitung des Euro-Stabilitätspaktes erfolgreich zwischen Deutschland und Frankreich vermittelt. 

Blair und Johnson

Nur einmal reicht das von der Kompromissfindung geleitete Verhandlungsgeschick nicht aus: Ausgerechnet unter luxemburgischem EU-Vorsitz im ersten Semester 2005, wo unter Juncker-Impuls die Lissabon-Strategie für mehr Beschäftigung in Europa relanciert wird, lässt Großbritannien den europäischen Haushaltsdeal platzen. Der damalige Premierminister Tony Blair will den Erfolg unter britischem Vorsitz für sich verbuchen. 


British Prime Minister Boris Johnson (L) looks towards President of the European Commission Jean-Claude Juncker as they prepare to address a press conference at a European Union Summit at European Union Headquarters in Brussels on October 17, 2019. (Photo by Kenzo TRIBOUILLARD / AFP)
Nachlese: Brexit muss laut Juncker "jetzt" geschehen
Bis zur letzten Minute wurde verhandelt: Kurz vor Beginn des EU-Gipfels haben sich London und Brüssel auf einen neuen Brexit-Vertrag geeinigt. Alle Informationen in der Ticker-Nachlese.

14 Jahre später schließt sich gewissermaßen der Kreis: Unter Regie von Juncker kommt der Brexit-Deal zustande. Ein letzter Verhandlungserfolg – auch wenn Jean-Claude Juncker, der sich als überzeugter Europäer stets als Nachlassverwalter des Vereinigungsprojekts sah, damit als der Kommissionschef in die Geschichte eingeht, in dessen Ära erstmals ein Mitgliedsland die Europäische Union verlässt. 


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