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Jugendgarantie: Der schwierige Weg ins Arbeitsleben
Politik 5 Min. 07.10.2014 Aus unserem online-Archiv

Jugendgarantie: Der schwierige Weg ins Arbeitsleben

Seit Inkrafttreten der Jugendgarantie am 26. Juni wurden der Adem zufolge bis Mitte September 1.000 Eingliederungsvereinbarungen mit Jugendlichen abgeschlossen.

Jugendgarantie: Der schwierige Weg ins Arbeitsleben

Seit Inkrafttreten der Jugendgarantie am 26. Juni wurden der Adem zufolge bis Mitte September 1.000 Eingliederungsvereinbarungen mit Jugendlichen abgeschlossen.
Marc Wilwert
Politik 5 Min. 07.10.2014 Aus unserem online-Archiv

Jugendgarantie: Der schwierige Weg ins Arbeitsleben

Seit mehr als drei Monaten gibt es die Jugendgarantie: Dabei verspricht der Staat Jugendlichen innerhalb von vier Monaten ein Ausbildungs- oder ein Jobangebot. Doch viele junge Menschen brauchen mehr als das.

(mig) - Die Jugendgarantie ist eine europaweite Maßnahme zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit. In Luxemburg ist sie seit dem 26. Juni in Kraft. Kern der Garantie ist es, Jugendlichen zwischen 16 und 25 Jahren, die keiner Beschäftigung nachgehen oder die Schule abgebrochen haben, innerhalb von vier Monaten eine Zukunftsperspektive zu bieten. Dass dies leichter gesagt ist als getan, zeigt das Beispiel von Tony*, 21 Jahre alt.

Er hat auf der Straße gelebt und hat, wie er es nennt, „Dummheiten gemacht“ und einen Teil seiner Jugendzeit in Dreiborn verbracht. Mit den Eltern lief es nicht gut. Es grenzt fast an ein Wunder, dass er nicht im Alkohol- oder Drogenkonsum untergegangen ist oder den kriminellen Weg gewählt hat.

Tony: "Alles, was ich will, ist arbeiten"

Tony stammt aus Algerien*. Vor zehn Jahren zog er zu seiner Mutter nach Luxemburg. Er kehrte mehrmals nach Algerien zurück. Seine Schullaufbahn wurde mehrfach unterbrochen. Er beendete seine schulische Laufbahn mit einer 9e Pratique. 2009 floh er aus Dreiborn nach Innsbruck in Österreich. Er wurde von der Polizei aufgelesen und ins Kriseninterventionszentrum (Kiz) gesteckt, wo es ihm, wie er sagt, „besser ergangen ist als hier“.

Mit seinen 21 Jahren hat Tony bereits Schulden. Er kann seine Miete nicht bezahlen. Seit Mai hat er kein Einkommen mehr. Er holt sich Lebensmittelgutscheine beim Sozialamt. Der 21-Jährige hat ein einjähriges CAE (Contrat d'appui-emploi) in einem Club Senior absolviert, bevor er die Aufnahmeprüfung zur Armee machte. Er hat Glück und darf auch weiterhin in dem Seniorenheim wohnen. Seine Karriere bei der Armee endete mit einer Handgelenkverletzung, die zwar gut, aber nicht hundertprozentig verheilt ist.

Seit zwei Jahren ist er bei der Adem eingeschrieben, doch ohne Qualifikation ist es schwierig, einen Job zu finden. Tony schwebt eine Anstellung bei einer Sicherheitsfirma oder als Fahrer vor. Dazu braucht er einen Führerschein. Das Sozialamt streckte ihm nun das Geld vor. So langsam sieht Tony Licht am Ende des Tunnels. Hilfe fand er bei Romain Juncker, der das Jugendhaus in Hesperingen leitet. Seine Termine bei der Adem hält er ein. „Alles, was ich will, ist arbeiten“, sagt Tony.

Romain Juncker vom Jugendtreff Hesper fordert weitere Verbesserungen: „Wir brauchen ein vorgeschaltetes System, das Jugendliche in Not gezielt auffängt."
Romain Juncker vom Jugendtreff Hesper fordert weitere Verbesserungen: „Wir brauchen ein vorgeschaltetes System, das Jugendliche in Not gezielt auffängt."
Serge Waldbillig

Ohne die Hilfe des Jugendhauses hätte es schlecht um Tony gestanden. Die Jugendhäuser sind ein wichtiger Bestandteil der Jugendgarantie, weil sie oftmals die erste Anlaufstelle für Jugendliche in Not sind. Die Jugendhäuser sind in der Lage, die Verbindung zu weiteren Beratungs- und Anlaufstellen im Zusammenhang mit der Jugendgarantie herzustellen. Doch glaubt man Romain Juncker vom Jugendtreff Hesper will der Austausch mit den lokalen Stellen noch nicht richtig in die Gänge kommen.

Adem-Koordinatorin: „Wir sind noch im Aufbau“

„Die Jugendgarantie ist ein tolles Projekt und mit sehr viel Arbeit verbunden. Bis alles zur Zufriedenheit läuft, bis Koordination und Kommunikation den Wünschen entsprechen, dauert es noch eine Weile. Wir befinden uns noch im Aufbau“, erklärt Vera Weisgerber. Sie leitet seit April als Koordinatorin die Umsetzung der Jugendgarantie bei der Adem. Sie unterstreicht, „dass erstmals in der Geschichte der Jugendhilfe auf eine umfassende und koordinierte Zusammenarbeit aller implizierten Anlaufstellen und Organisationen hingearbeitet wird“. Der Austausch findet einmal im Monat statt, wenn sich die Vertreter aller Partner der Jugendgarantie zu einer Lagebesprechung treffen. Am 9. Oktober findet eine erste große Informationsversammlung für die Jugendhäuser statt.

Dass Handlungsbedarf besteht, lässt sich anhand der Zahlen beweisen. Die 16- bis 25-Jährigen machen elf Prozent aller Arbeitslosen aus. Die allgemeine Arbeitslosenquote lag Ende August bei 7,2 Prozent. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 14,3 Prozent. Das entspricht in etwa 2.000 Personen. Auf den ersten Blick ist die Zahl der jungen Arbeitsuchenden über die Jahre konstant geblieben.

Man muss aber wissen, dass die Arbeitslosenstatistik nur die Menschen erfasst, die bei der Adem eingeschrieben sind. Die Statistik berücksichtigt nicht jene Jugendliche, die sich in einer Beschäftigungsmaßnahme, in einem ehrenamtlichen Job oder in einem SVO (Service volontaire d'orientation) befinden. Auch diejenigen, deren Akte bei der Adem geschlossen wurde, weil sie Termine nicht eingehalten haben oder nicht mehr aufgetaucht sind, kommen in der Statistik nicht mehr vor.

Erste Ergebnisse der Jugendgarantie

In Zahlen: Ende August waren in Luxemburg 2.042 Jugendliche bis 25 Jahre bei der Adem arbeitslos gemeldet. Hinzu kommen 942 Jugendliche, die in einer Beschäftigungsmaßnahme untergekommen sind. Macht zusammen 3.000 junge Menschen, die nicht in einem geregelten Arbeitsverhältnis stehen.

Seit Inkrafttreten der Jugendgarantie am 26. Juni wurden der Adem zufolge bis Mitte September 1.000 Eingliederungsvereinbarungen mit Jugendlichen abgeschlossen. Eröffnet wurden 1.500 Dossiers. Rund 500 wurden wieder geschlossen, weil die Antragsteller nicht zum zweiten Termin erschienen sind. Immerhin ein Drittel. Die Gründe für das Schließen der Dossiers sind vielfältig. Ein Großteil wird geschlossen, weil die Arbeitsuchenden zwischenzeitlich eine Arbeit gefunden haben. Manche Arbeitsuchenden haben das Land verlassen oder nehmen familiäre Aufgaben wahr, so dass sie dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen.

Mangel an betreuten Wohneinrichtungen

Romain Juncker weiß: Menschen wie Tony werden erst vom System erfasst, wenn sie dort angekommen sind. Doch viele schaffen es gar nicht bis dorthin. Und genau hier sieht Romain Juncker großen Handlungsbedarf. „Wir brauchen ein vorgeschaltetes System, das Jugendliche in Not gezielt auffängt und ihnen dabei hilft, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Dazu brauchen wir unter anderem ein flächendeckendes Angebot an betreuten Wohneinrichtungen. Nur so kann die Jugendgarantie auch für diese Jugendlichen zum Erfolg werden.

*Name und Herkunftsland von der Redaktion geändert

Wer zwischen 16 und 24 Jahre alt und auf der Suche nach einem Job, einer Ausbildung oder noch gänzlich unentschlossen ist, findet Hilfe bei folgenden Ansprechpartnern:

Arbeitsamt (Adem): Tel. 2478-8888 und jugendgarantie@adem.etat.lu;

Bildungsministerium (Service de la formation professionnelle): Tel. 2477-5959 und jugendgarantie@men.lu;

Service national de la jeunesse (SNJ): Tel. 2478-6488 und secretariat.transitions@snj.etat.lu

Maison de l'orientation: Tel. 8002-8181 und maison.orientation@men.lu.

Infos auf www.jugendgarantie.lu


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