Jean Asselborn : "Keine Vorurteile gegenüber Boris Johnson "
(ml) - Boris is back! Die neue britische Premierministerin Theresa May sorgte am Mittwoch für eine handfeste Überraschung, als sie einer der führenden Brexit-Verfechter zum Außenminister ernannte. Der ehemalige Londoner Bürgermeister Boris Johnson galt zunächst als Favorit im Rennen um die Nachfolge von David Cameron. Nachdem die Briten tatsächlich für einen EU-Austritt gestimmt hatten, wollte er plötzlich nicht mehr als Premier in die 10 Downing Street einziehen.
"Man muss nicht ein geschliffener Diplomat sein, um ein guter Außenminister zu sein", sagte Außenminister Jean Asselborn dem "Luxemburger Wort" gegenüber. Sein Motto heißt: "Wait and see!" Asselborn wird seinen neuen Amtskollegen am kommenden Montag in Brüssel treffen. Vorurteile seien nicht angebracht, meint der dienstälteste Außenminister der Europäischen Union. Seiner Einschätzung zufolge ist Johnson inzwischen zur Erkenntnis gelangt, dass es einfacher sei, während der Referendumskampagne für einen EU Austritt einzutreten, als den Brexit in Wirklichkeit umzusetzen.
Asselborn ist zuversichtlich, dass Premierministerin Theresa May zielstrebig darauf hinarbeiten wird, damit Großbritannien und die EU gute Beziehungen pflegen können. May, die Asselborn in ihrer Eigenschaft als Immigrationsministerin kennengelernt hat, sei eine "pragmatische Europäerin mit britischem Touch ohne jegliche Aggressivität". Asselborn geht davon aus, dass die Nachfolgerin von David Cameron ihr Versprechen einhält und kein neues Referendum in Erwägung ziehen wird.
"Den Bock zum Gärtner gemacht"
Die Ernennung Johnsons sei "ein Zeichen für die politische Krise" in Großbritannien, befand der französische Außenminister Jean-Marc Ayrault. Dennoch sei er "überhaupt nicht in Sorge, was Johnson angehe.
Bei den deutschen Politikern ruft die Personalie Boris Johnson kritische Reaktionen hervor. Die Ernennung sei "ein sehr schlechtes Signal für den Austrittsprozess und lässt Zweifel an den Fähigkeiten der neuen Premierministerin aufkommen", sagte Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter. Die grüne Parteichefin Simone Peter war in ihrer Aussage noch etwas kühner: Theresa May habe mit Johnsons Ernennung den "Bock zum Gärtner" gemacht. Das US-Außenministerium zeigt sich hingegen gelassen. Die Beziehungen zu Großbritannien gehe über Persönlichkeiten hinaus, heißt es aus Washington.
So lacht die Welt über Boris Johnson
Boris Johnson, der bisher noch kein Regierungsamt inne hatte, trat bislang als Haudrauf-Politiker in Erscheinung. Diplomatisches Feingefühl gehört nicht unbedingt zu seinen Eigenschaften. Die Zeitung "Daily Mirror" hat sich bereits bei der Welt entschuldigt: "Dear World....Sorry".
Die Zeitung "The Guardian" listet sämtliche Fauxpas auf, die sich Boris Johnson seit September 2006 auf der internationalen Bühne geleistet hat. Einer der beschämenden Höhepunkte ereignete sich im Mai, als Johnson bei einem Treffen mit der Schweizer "Weltwoche" ein Schmähgedicht auf Erdogan reimte. Er nannte Erdogan "Wankera" (Wichser) und machte eine Anspielung auf Geschlechtsverkehr mit Ziegen.
Die britische Zeitung "The Telegraph" verteidigt hingegen die Entscheidung der britischen Premierministerin May. Sie habe Johnson in einem "begeisternden Schachzug zum Außenminister" gemacht: "Boris zu ernennen war eine exzellente Idee: Er glaubt an den Brexit, aber er ist proeuropäisch."
Die langjährige Abgeordnete Angela Eagle, die Jeremy Corbyn den Vorsitz der Labour-Partei abnehmen möchte, geriet aus der Fassung, als sie während einer Rede erfuhr, dass Boris Johnson zum Chef der britischen Diplomatie ernannt wurde.
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