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Interview mit dem neuen russischen Botschafter: „Es gibt derzeit eine leichte Abkühlung“
Politik 5 Min. 03.04.2016

Interview mit dem neuen russischen Botschafter: „Es gibt derzeit eine leichte Abkühlung“

Victor Sorokin ist seit Februar russischer Botschafter in Luxemburg.

Interview mit dem neuen russischen Botschafter: „Es gibt derzeit eine leichte Abkühlung“

Victor Sorokin ist seit Februar russischer Botschafter in Luxemburg.
Foto: Guy Wolff
Politik 5 Min. 03.04.2016

Interview mit dem neuen russischen Botschafter: „Es gibt derzeit eine leichte Abkühlung“

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Seit Ende Februar ist Victor Sorokin russischer Botschafter in Luxemburg. Mit dem "Luxemburger Wort" spricht er über die aktuellen geopolitischen Spannungen, Luxemburg als drittwichtigsten Investor im einstigen Zarenreich und die 3000 Russen die im Großherzigtum leben.

Von Pierre Leyers

Die diplomatischen Beziehungen zwischen Luxemburg und Russland gehen auf das Jahr 1891 zurück. Victor Sorokin, der neue russische Botschafter, der Ende Februar seinen Posten in Luxemburg antrat, bedauert, dass die aktuellen geopolitischen Spannungen auch die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Luxemburg und Moskau überschatten. „Zu viele Projekte liegen auf Eis“, sagt der Diplomat. Sein Wunschtraum wäre eine direkte Flugverbindung zwischen beiden Hauptstädten. Immerhin ist Luxemburg der drittwichtigste Investor im einstigen Zarenreich, was die Direktinvestitionen betrifft, die über den Finanzplatz getätigt werden. Umgekehrt leben in Luxemburg etwa 3 000 russische Staatsangehörige. Genügend Aufgaben warten somit auf den neuen Hausherrn im Schloss von Beggen.

Herr Botschafter, es sieht so aus, als würde sich Russland vom restlichen Europa entfernen. Wird dieser Eindruck in Moskau geteilt?

Es gibt derzeit eine leichte Abkühlung. Die historischen Wurzeln unserer Beziehungen reichen so tief, dass sie nicht von diesen vorübergehenden Turbulenzen berührt werden. Ich bin überzeugt, dass wir wieder zu den ausgezeichneten wirtschaftlichen Kontakten zurückkehren werden, die wir noch vor nicht allzu langer Zeit hatten.

Welche Wirkung haben die Sanktionen der Europäischen Union auf Ihr Land?

Wir sind darüber nicht glücklich. Die Sanktionen treffen die russische Wirtschaft. Vor allem aber beeinträchtigen sie die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der EU und Russland. Zahlreiche ehrgeizige Projekte liegen derzeit auf Eis. Dem gemeinsamen Wirtschaftsraum, der von Lissabon nach Wladiwostok reicht, kommen wir so nicht näher. Wir setzen uns für eine Multi-Vektor-Politik ein und bemühen uns, die Beziehungen sowohl im Westen als auch im Osten zu entwickeln. Wir wollen gute wirtschaftliche Kontakte zur Europäischen Union und zu unseren asiatischen Nahbarn.

Auf der Sicherheitskonferenz in München sagte Russlands Premierminister Medwedew, man befinde sich in einem „neuen Kalten Krieg“. Teilen Sie diese Auffassung?

Mir scheint, dass mit dieser Bezeichnung die schwierigen Zeiten gemeint sind, die wir gerade durchqueren, wo unsere Zusammenarbeit auf dem Prüfstand steht. Ich bin sicher, dass diese Phase vorübergeht, so dass es weder einen „kalten“, noch einen „warmen“ Krieg auf unserem Kontinent geben wird.

Sie waren an der Ausarbeitung des Abkommens von Minsk beteiligt. Warum funktioniert dieser Friedensvertrag in der Praxis so schlecht? Die Waffen ruhen – sonst aber passiert nicht viel.

Minsk II wurde auf höchstem politischen Niveau ausgehandelt. Ich war einer der Experten im Hintergrund. Der Konflikt im Osten der Ukraine hat vier Aspekte: militärisch, politisch, wirtschaftlich und humanitär. In militärischer Hinsicht ist ein deutliches Abklingen der Kampfhandlungen zu beobachten. Die Waffenruhe hält – mehr oder weniger. Vertreter des russischen und des ukrainischen Verteidigungsministeriums überwachen die Einhaltung des militärischen Teils des Abkommens. Probleme gibt es bei den drei anderen Teilen. Die humanitäre Lage ist katastrophal, es gibt nicht genügend Medikamente, Pensionen werden nicht mehr gezahlt.

Es hapert an der Umsetzung aller Bereiche, außer des militärischen. Woran liegt das? An schlechtem Willen?

Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Donezbecken und der restlichen Ukraine sind abgerissen. In Donezk und Lugansk mussten viele Fabriken zumachen. Die Wirtschaft ist am Boden. Auch in politischer Hinsicht ist ein Tiefpunkt erreicht. Kiew und die Regionen in der östlichen Ukraine reden nicht miteinander. Ohne Kontakte, ohne Dialog funktioniert kein Friedensplan. Das Abkommen von Minsk sieht eine Verfassungsreform vor. Wichtigster Punkt dabei ist die Dezentralisierung. Das ist nicht nach jedermanns Geschmack in Kiew.

Das Abkommen von Minsk sieht den Austausch von Kriegsgefangenen vor. Warum befindet sich dann die ukrainische Pilotin Nadija Sawtschenko noch in einem russischen Gefängnis?

Da verwechseln Sie etwas. Der Fall Sawtschenko hat mit Minsk gar nichts zu tun. Der Austausch von Gefangenen soll zwischen den ukrainischen Streitkräften und der Volksmiliz von Donezk und Lugansk stattfinden.

Und die russischen Streitkräfte?

Es gibt keine russischen Streitkräfte in der Ukraine. Einige russische wie auch ukrainische Militärangehörige helfen bei der Überwachung der Waffenruhe. Das ist alles.

Die Europäische Union sieht in der Annexion der Halbinsel Krim durch Russland einen Verstoß des internationalen Rechts. Können Sie diese Position, die auch Luxemburg vertritt, nachvollziehen?

Ich kenne den Standpunkt unserer europäischen Freunde in dieser Frage sehr gut. Ich kann nicht akzeptieren, dass Sie die Bezeichnung „Annexion“ gebrauchen. Von einem Verstoß gegen internationales Recht kann keine Rede sein.

Wie würden Sie, Herr Botschafter, das bezeichnen, was mit der Krim geschah? Vielleicht als „Rückkehr“?

Es handelt sich um die Entsprechung des Wunsches der überwältigenden Mehrheit der Einwohner der Krim, die sich in einer Volksbefragung klar dafür ausgesprochen haben, dass ihre Halbinsel wieder zu Russland zurückkehrt. Das Ergebnis dieses Referendums müsste doch auch von der EU akzeptiert werden.

Nicht nur der Konflikt in der Ukraine, auch das militärische Engagement Ihres Landes in Syrien sorgt international für Spannungen.

Immerhin haben wir erreicht, dass in Syrien ein Waffenstillstand eingehalten wird. Russland ist Teil der Lösung des Konflikts. Die Berichterstattung westlicher Medien über die Rolle meines Landes ist nicht immer objektiv. Da wird über eine „Intervention“ geredet, deren Ziel es sei, das Regime von Präsident Assad am Leben zu erhalten.

Das ist doch genau das, was Russland in Syrien beabsichtigt.

Nein, das wichtigste Ziel Russlands ist der Friede. Es gibt keine „Intervention“.

Wenn es keine „Intervention“ ist, die Ihr Land in Syrien betreibt, was ist es dann?

Unsere einzige Aufgabe ist der Kampf gegen den Terrorismus im Allgemeinen, und gegen den Islamischen Staat im Besonderen. Alle Länder, die den Terrorismus bekämpfen, ziehen am gleichen Strang.


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Zur Person

Victor Sorokin (geb. 1956), der neue russische Botschafter der russischen Föderation in Luxemburg, ist Absolvent des Staatlichen Instituts für internationale Beziehungen in Moskau. Seit 1978 als Diplomat im russischen Außenministerium tätig. Nach einer Diplomatenlaufbahn im Kongo, Brazzaville, danach Paris und Genf, wurde er 1999 mit der Leitung der zweiten Abteilung „Gemeinschaft Unabhängiger Staaten“ (GUS) betraut, die für Belarus, die Ukraine und Moldawien zuständig ist. In dieser Funktion vertrat er sein Land bei der Ausarbeitung des Minsker Friedensabkommens. Am 20. Januar 2016 wurde Victor Sorokin per Dekret von Präsident Wladimir Putin zum Botschafter in Luxemburg ernannt.



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