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Interview: Die Großregion muss alltagstauglich werden
Annegret Kramp-Karrenbauer, Ministerpräsidentin des Saarlandes.

Interview: Die Großregion muss alltagstauglich werden

Pierre Matge
Annegret Kramp-Karrenbauer, Ministerpräsidentin des Saarlandes.
Politik 6 Min. 09.03.2015

Interview: Die Großregion muss alltagstauglich werden

An diesem Montag ist die saarländische Ministerpräsidentin zu Gast bei den „Journées sociales du Luxembourg“. Dort wird Annegret Kramp-Karrenbauer ab 18.30 Uhr im Forum Geesseknäppchen über das „Versuchslabor Großregion“ sprechen.

(chl) - Die Großregion ist für  Annegret Kramp-Karrenbauer und für ihr Land ein wichtiges Anliegen. Das ist nicht wirklich überraschend, weil das Saarland mit zwei weiteren Staaten die Grenzen teilt. Doch anders als "nur" Nachbarland von  Frankreich und Luxemburg zu sein, hat diese geografische Lage das kleine deutsche Flächenland wie kaum ein anderes Bundesland geprägt. Gezeichnet von der gemeinsamen Industriegeschichte hat das Saarland das Leben an der Grenzen verinnerlicht. Für die saarländische Ministerpräsidentin steht fest, die Ausrichtung ist klar europäisch und die Großregion spielt dabei eine Hauptrolle. Doch bleiben die großen Fortschritte bisher aus. Daher plädiert Annegret Kramp-Karrenbauer im folgenden Interview für ein Experimentierrecht für Grenzregion.  

Das Saarland ist ein ganz besonderes Bundesland mit einer starken europäischen Ausrichtung, so die saarländische Ministerpräsidentin.
Das Saarland ist ein ganz besonderes Bundesland mit einer starken europäischen Ausrichtung, so die saarländische Ministerpräsidentin.
Pierre Matge

Das Saarland hat sich stets bemüht, an der Weiterentwicklung der Großregion an vorderster Stelle mitzuwirken. Das Saarland hat die Zukunftsvision Großregion mit auf dem Weg gebracht. Zehn Jahre danach,  sind Sie mit der derzeitigen Entwicklung zufrieden?

Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK): Die Zukunftsvision 2020, die der frühere Ministerpräsident Peter Müller mit auf den Weg gebracht hat, hat auch zehn Jahre nach ihrer Veröffentlichung nichts an ihrer Aktualität eingebüßt. Es hat sicherlich in der Großregion Fortschritte gegeben, aber sicherlich nicht in der Dynamik und nicht so durchgreifend, wie wir uns das vor zehn Jahren aber gewünscht hätten.

Seit 30 Jahren spricht man von „Saarlorlux“. Seit 1995 gibt es den Gipfel der Großregion. Es gibt viele Arbeitsgemeinschaften. Jedoch sind die Fortschritte eher bescheiden. Erwarten die Menschen zu viel von der Großregion?

AKK: Für die Menschen in diesem Grenzraum ist die Großregion gelebte Realität. Unsere Aufgabe ist es, eine grenzüberschreitende Region zu schaffen, die alltagstauglich ist. Damit steht und fällt die Akzeptanz durch die Bürger. Für einige Gruppen hat es durchaus Fortschritte gegeben. Die Taskforce „Grenzgänger“ ist ein gutes Beispiel, das zeigt, wie gezielt Probleme angepackt werden und nach gemeinsamen Lösungsansätzen gearbeitet wird. Ein weiteres positives Bespiel ist sicherlich das Schengen-Lyzeum. Das ist gelebte, europäische Bildungspolitik.

... Aber wo hakt es?

AKK: Natürlich gibt es auch Punkte, bei denen wir nicht so vorankommen, wie wir uns das wünschen. Wir haben die Universität der Großregion, aber wir haben Schwierigkeiten ein grenzüberschreitendes Semesterticket einzurichten. Wir haben ein gemeinsames Interesse, dass wir in der Großregion verkehrstechnisch gut angeschlossen sind, aber wir stellen jedoch fest, dass zum Teil die nationalen Systeme nicht aufeinander passen. Als gewählte Volksvertreter müssen wir dafür sorgen, die Themen aufzugreifen, die die Menschen in ihrem Alltag berühren. Sie wollen sich sicher fühlen. Sie wollen in einem Raum ohne spürbare Grenzen leben. Sie wollen dort arbeiten und gleichzeitig über ein gutes Gesundheitssystem verfügen. Genau an diesen Themen müssen wir verstärkt arbeiten.

Das Handeln in der Großregion beruht auf Freiwilligkeit. Anders als auf der europäischen Ebene ist man nicht durch Verträge gebunden. Ist eine Großregion in einem integrierten Europa noch von Nutzen bzw. wo ist da noch der Mehrwert?

AKK: Die Großregion ist ein komplexes Gebilde. Sie lebt jedoch von dieser Unterschiedlichkeit. Das ist auch immer wieder eine Herausforderung für uns alle. Denn nicht jeder Akteur kann selbstständig entscheiden. Da ist Luxemburg gefolgt von den zwei deutschen Bundesländern sicherlich auf der komfortableren Seite. Wer kann demnach frei entscheiden, dass es zu mehr Zusammenarbeit kommt?

Genau hier würde ich mir wünschen, dass insbesondere auf der europäischen Ebene die Grenzregionen, die sich immer stärker vernetzen, anders in der EU wahrgenommen und mit unterschiedlichen Möglichkeiten ausgestattet werden. So könnte ich mir vorstellen, dass wir in Grenzregionen eine Art Experimentierrecht erhalten, das es uns ermöglicht, unabhängig vom nationalen Recht, die Partnerschaft auszuloten. Getreu dem Motto: „Wir probieren etwas aus und wenn es sich bewährt, können wir es dann in nationales Recht umsetzen“. Denn zurzeit ist es genau andersherum. Erst werden die nationalen Gremien befragt, ob eine Partnerschaft an der Grenze überhaupt möglich ist. Mein Wunsch wäre, genau dieses Prozedere im Sinne der Grenzregionen umzukehren. Ich bin überzeugt, dass dieses Vorgehen auch Europa weiterbringen würde. 

So könnte ich mir vorstellen, dass wir in Grenzregionen eine Art Experimentierrecht erhalten, das es uns ermöglicht, unabhängig vom nationalen Recht, die Partnerschaft auszuloten."

Frankreich stellt seine Regionen auf den Kopf und verschmelzt die Regionen Champagne-Ardenne mit Lothringen und das Elsass („Alca“). Sie selbst haben angesichts der Schuldenlast Fusionsgedanken mit Rheinland-Pfalz geäußert. Das Saarland fährt jetzt eine klare Frankreich-Strategie. Welchen Platz hat da noch die Großregion?

Es wird sicherlich zu einer Veränderung der Lage in der Großregion kommen, wenn in Frankreich die Regionen so verschmelzen. Auf französischer Seite entsteht dann eine viel größere Einheit, als wir das bisher gewohnt waren. Das stellt uns natürlich vor neue Herausforderungen. Schon jetzt kennen wir einerseits eine Kernregion, die tagtäglich die Großregion lebt und andererseits Gebiete, die entfernter von der Grenze leben und weniger stark davon betroffen sind. Mit der neuen Region „Alca“ müssen wir uns überlegen, wie wir überhaupt die Architektur der Großregion weiter gestalten?

Wenn auf der französischen Seite, die Regionen sich verschmelzen, muss die Großregion überlegen, wie sie ihre Architektur weiter gestalten will, erklärt die Ministerpräsidentin.
Wenn auf der französischen Seite, die Regionen sich verschmelzen, muss die Großregion überlegen, wie sie ihre Architektur weiter gestalten will, erklärt die Ministerpräsidentin.
Pierre Matge

Könnte die neu geschaffene Region „Alca“ einfach so in die Großregion eingegliedert werden?

Schon heute sind viele Akteure in die Entscheidungsfindung eingebunden. Wenn wir die neue Region „Alca“ einfach aufnehmen, würde sich der Kreis der politischen Akteure nochmals vergrößern. Wie gehen wir damit um?

Doch mit den zwei neuen französischen Grenzregionen eröffnen sich für uns ganz neue Perspektiven. Die Großregion wäre an den Toren von Paris, von Brüssel und reicht bis nach Basel. Mit Straßburg gewinnen wir eine weitere europäische Hauptstadt. Wir wären somit eine europäische Kernregion, die auch die Mehrsprachigkeit viel intensiver erlebt.

Mit der neuen Region „Alca“ verlagert sich das französische Machtzentrum. Zukünftig sollen nicht mehr in Metz, sondern in Straßburg die Entscheidungen fallen. Verändert sich dadurch nicht auch der Blickwinkel der französischen Partnerregion?

Sicherlich wird Straßburg bzw. das Elsass seine Partnerschaft mit Basel oder der Oberrheinregion nicht aufgeben. Gleichzeitig werden auch wir unsere Partnerschaft mit Luxemburg und unseren anderen Nachbarn nicht vernachlässigen. In meinen Gesprächen mit dem Elsass habe ich festgestellt, dass das Interesse für die Zusammenarbeit mit uns bzw. der Großregion genauso groß ist wie die mit Baden-Württemberg. Je größer wir sind, desto mehr Einfluss können wir im Nationalstaat wie auch in Brüssel geltend machen.

Wohin geht der Weg in der Großregion? Ist die polyzentrische Metropolregion, wie es unter der Luxemburger Präsidentschaft ausformuliert wurde, tatsächlich der Weg in die Zukunft?

Mit Nancy, Metz, Luxemburg, Saarbrücken, ... bilden unsere Städte sicherlich das Herz der Großregion. Sie sind miteinander verflochten. Dort herrscht eine große Dynamik, die wir für uns alle nutzen müssen. Wir müssen schauen, dass wir insgesamt noch näher zusammenkommen insbesondere verkehrstechnisch besser verbunden sind.

Denkt man das Konzept der Metropolregionen weiter, würde dies mittelfristig bedeuten, dass jede Region zugunsten einer anderen auf etwas verzichtet müsste ... Benötigt die Großregion tatsächlich so viele Flughäfen? Wären Sie z. B. bereit, auf einen Flughafen zu verzichten?

Das ist generell das Problem der Raumplanung, das sich auch zwischen Rheinland-Pfalz und dem Saarland am Beispiel vom Flughafen Zweibrücken stellt. Umso komplizierter wird es, wenn man nationale Grenzen überwinden muss. Es ist sicherlich ein langfristiges Ziel, dass wir in der Großregion einen oder zwei internationale Flughäfen haben, die für alle gut zu erreichen sind.

Was ist Ihre Vision der Großregion bzw. wo sehen Sie den Kooperationsraum in zehn Jahren?

Die Währung der Zukunft liegt in einem Europa, das stärker zusammenwächst. Dazu gehört auch, dass wir als Großregion zusammenwachsen. Wir erleben das in Deutschland zwischen den Bundesländern. Eine Boomregion ist das Rhein-Main-Gebiet. Dort entsteht eine sehr beachtenswerte Eigendynamik, die viele Alltagsprobleme löst und das zum Wohle aller, die in diesem Raum leben. Wir müssen in der Großregion genauso das Ziel haben, in allen Belangen alltagstauglich für unsere Bürger zu werden.


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