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Immer mehr Kinder in Luxemburg haben Verhaltensprobleme
Politik 6 Min. 05.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Immer mehr Kinder in Luxemburg haben Verhaltensprobleme

Die Kinderärzte warnen vor einer zu frühen Nutzung von Smartphones und Tablets. Das habe katastrophale Folgen für die kindliche Entwicklung.

Immer mehr Kinder in Luxemburg haben Verhaltensprobleme

Die Kinderärzte warnen vor einer zu frühen Nutzung von Smartphones und Tablets. Das habe katastrophale Folgen für die kindliche Entwicklung.
Foto: Shutterstock
Politik 6 Min. 05.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Immer mehr Kinder in Luxemburg haben Verhaltensprobleme

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Die Kinderärzte sind besorgt über die kindliche Entwicklung. Ihre Beobachtungen und Sorgen wollen sie im Rahmen einer Tagung am 14. März im CHL mit anderen Professionellen diskutieren. Dr. Patrick Theisen und Dr. Fernand Pauly berichten, was sie in ihrem beruflichen Alltag erleben.

Dr. Patrick Theisen, Dr. Fernand Pauly, der Verband der Kinderärzte organisiert am 14. März eine Tagung über die Entwicklung der Kinder in der heutigen Zeit. Worum geht es genau? 

Dr. Theisen: Wir haben festgestellt, dass der Lebensstil der Familien sich stark gewandelt hat. Diese Veränderungen haben einen großen Einfluss auf das Leben der Kinder und ihre Entwicklung. Darüber wollen wir diskutieren. Die Tagung richtet sich an Lehrer, Psychologen, Psychotherapeuten, Erzieher, Schulleitungen und natürlich auch an die Eltern und die Politik. 

Weil sie ein schlechtes Gewissen und Angst haben, dass ihre Kinder sie nicht lieben, versuchen sie, sich die Liebe am Wochenende zurückzukaufen.

Dr. Fernand Pauly

Was möchten Sie mit der Tagung erreichen? 

Dr. Theisen: Wir sind beunruhigt über die steigende Zahl an Kindern mit Entwicklungsstörungen. Sinn und Zweck der Veranstaltung ist, dass die Gesellschaft sich Gedanken macht und eine öffentliche Diskussion über die Problematik entsteht. In einer zweiten Phase erhoffen wir uns, dass sich Konsequenzen ergeben, um der Entwicklung entgegenzuwirken. 

Dr. Pauly: Die Probleme sind sehr generell und wir wollen sie nicht nur aus unserer Warte, sondern mit anderen Professionellen betrachten und Lösungen erörtern. 

Dr. Fernand Pauly (l.) und Dr. Patrick Theisen machen sich Sorgen um die Entwicklung der Kinder.
Dr. Fernand Pauly (l.) und Dr. Patrick Theisen machen sich Sorgen um die Entwicklung der Kinder.
Foto: Steve Eastwood

Inwiefern hat sich der Alltag der Familien in den vergangenen 20 Jahren verändert? 

Dr. Theisen: Es gibt kaum noch Kinder, die in den ersten Lebensjahren zu Hause in der Familie aufwachsen. Oft gehen beide Elternteile arbeiten und die Kinder verbringen den ganzen Tag in außerfamiliären Strukturen. Die Erziehung liegt immer mehr in den Händen Außenstehender und findet nicht mehr in der Familie statt. Vielleicht fühlen die Eltern sich dadurch weniger verantwortlich und sind unsicherer. Wir sehen das zum Beispiel, wenn ein Kind krank ist. Entweder sind die Eltern sofort sehr beunruhigt oder aber sie schicken das Kind mit Fieber in die Betreuung oder die Schule. 


Die heutige Lebensweise tut vielen Kindern nicht gut. Sie reagieren mit Verhaltensauffälligkeiten, Lern- und Konzentrationsstörungen, Depressionen und Gewalt.
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Dr. Pauly: Die Eltern von heute haben hohe Erwartungen. Ich meine das nicht bewertend. Sie wollen beide arbeiten, ein großes Haus, mindestens einmal im Jahr in Urlaub fliegen, mit Freunden aktiv sein und Sport machen. Das ist viel. Weil sie ein schlechtes Gewissen und Angst haben, dass ihre Kinder sie nicht lieben, versuchen sie, sich die Liebe am Wochenende zurückzukaufen.

Dr. Theisen: Ja, aber nehmen sich die Eltern die Zeit, mit den Kindern gemeinsame Aktivitäten zu machen? Oft landen die Kinder vor dem Computer oder dem Smartphone. 

Wie wirkt sich der Wandel auf die Entwicklung der Kinder aus? 

Dr. Theisen: Was wir ganz sicher festgestellt haben, ist, dass immer mehr Kinder mit Verhaltensproblemen zu uns kommen. Viele haben Lernprobleme, können sich nicht konzentrieren. Es ist erschreckend, wie viele Kinder eine zusätzliche Betreuung brauchen, in der Schule, aber auch außerhalb. Sie gehen zum Logopäden, zum Psychologen, in die Psychomotorik oder in die Ergotherapie. Es wäre interessant, diese Entwicklung einmal in einer Studie zu erfassen. Oft hat man das Gefühl, dass die Probleme auf externe Fachleute abgewälzt werden, in der Hoffnung, dass sie sich auf diese Weise lösen. 

Dr. Pauly: Es gibt zwei Extreme: Eltern mit hohen Leistungsanforderungen an ihre Kinder, die in der Folge psychosomatische Erkrankungen entwickeln: Depressionen, Schlafstörungen und Essstörungen. Das andere Extrem sind Eltern, die nicht an die Schule glauben und die Hoffnung auf eine positive Zukunft aufgegeben haben. 

Die Kinder haben viele soziale Begegnungen, aber sie haben keine festen Beziehungen, keine soziale Stabilität.

Dr. Fernand Pauly

Was sind Ihrer Erfahrung nach die zentralen Ursachen für diese Fehlentwicklungen? 

Dr. Theisen: Ein Problem ist die übermäßige visuelle und auditive Stimulation, der die Kinder permanent ausgesetzt sind, durch den Geräuschpegel in den Strukturen, aber auch durch die neuen Technologien. Die Nutzung von Smartphones durch Kinder ist ein massives Problem. Auch in der Praxis erleben wir jeden Tag Eltern, die ihre Kinder vor das Smartphone setzen mit einem Filmchen, damit sie still sitzen. Selbst während der Untersuchung halten die Kinder oft ein Smartphone in der Hand. 

Dr. Pauly: Beeindruckend ist aber auch, wie sehr sich die Eltern von den Geräten angezogen fühlen. Während der Sprechstunden sind sie permanent mit dem Smartphone beschäftigt. Sie gehen auch während der Untersuchung ans Telefon. Ich frage sie dann, ob ich sie nicht störe, aber sie verstehen die Botschaft nicht. 

Dr. Theisen: In einem Artikel in einer rezent erschienenen medizinischen Fachzeitschrift warnen Kinderärzte und Psychologen vor lebenslangen Schäden durch Smartphones. Neun von zehn deutschen Kinderärzten führen Übergewicht, soziale Auffälligkeiten auf die Nutzung von Smartphones, Computern und Spielkonsolen zurück. Doch auch Sprachentwicklungsstörungen, motorische Defizite und Lernstörungen haben darin ihren Ursprung. Die Ärzte gehen davon aus, dass bis zu 60 Prozent der Störungen auf den Handygebrauch zurückzuführen sind. Hinzu kommt soziale Isolation, weil die Kinder kaum noch Kontakte haben. 

Dr. Pauly: Die Kinder haben viele soziale Begegnungen, aber sie haben keine festen Beziehungen, keine soziale Stabilität. 

Fachleute sprechen davon, dass Eltern ihren Kindern keine Grenzen setzen und sie gegen alles und jeden in Schutz nehmen. Was sind Ihre Beobachtungen? 

Dr. Theisen: Wir erleben Eltern, die es nicht schaffen, ihren Kindern das Smartphone wegzunehmen. Auch in unserer Praxis geht es manchmal sehr laut zu oder die Kinder machen Dinge kaputt. Die Eltern stehen daneben und sagen nichts. Wenn wir Ärzte sie dann darauf ansprechen, entschuldigen sie das Verhalten ihrer Kinder. 

Dr. Pauly: Viele Eltern weisen ihre Kinder laufend zurecht und werden laut. Sie meinen dann, sie seien streng. In Wirklichkeit aber sind sie nicht in der Lage, ihren Kindern einen strukturierten Rahmen zu setzen. 

Wir müssen uns fragen, ob wir weiterhin unsere Kinder ausschließlich außerhalb der Familie großziehen wollen.

Dr. Patrick Theisen

Was raten Sie Eltern? 

Dr. Pauly: Getrennte Eltern sollten sich auf keinen Fall ein Wettrennen um die Gunst der Kinder liefern. 

Dr. Theisen: Ein wichtiger Punkt ist der Umgang mit den neuen Medien. Und wir müssen uns als Gesellschaft fragen, ob wir weiterhin unsere Kinder ausschließlich außerhalb der Familie großziehen wollen. Wenn wir das wollen, müssen wir uns der negativen Konsequenzen dieser Entscheidung bewusst sein. 

Wenn die Gesellschaft das nicht will, was ist die Alternative? 

Dr. Theisen: Dass man Eltern ermöglicht, zu Hause zu bleiben und sich um ihre Kinder zu kümmern. Dafür gibt es die Elternzeit, allerdings sollten die Eltern diese Zeit auch tatsächlich ihren Kindern widmen. Wichtig ist, dass Gemeinschaftsleben, dass gemeinsame Rituale stattfinden: Gemeinsame Mahlzeiten zum Beispiel sind wichtig als Anker für Familienleben.


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