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Im Corona-Modus könnte die Gesellschaft zu einer neuen Normalität finden
Kommentar Politik 5 Min. 21.03.2020

Im Corona-Modus könnte die Gesellschaft zu einer neuen Normalität finden

Gelebte Solidarität in Krisenzeiten: Fahrradkurier Sébastien Cayotte aus Esch erledigt Einkäufe für Senioren und Bedürftige.

Im Corona-Modus könnte die Gesellschaft zu einer neuen Normalität finden

Gelebte Solidarität in Krisenzeiten: Fahrradkurier Sébastien Cayotte aus Esch erledigt Einkäufe für Senioren und Bedürftige.
Foto: Guy Wolff
Kommentar Politik 5 Min. 21.03.2020

Im Corona-Modus könnte die Gesellschaft zu einer neuen Normalität finden

Revolution auf dem Sofa: Die erzwungene Entschleunigung unserer Gesellschaft bietet auch eine Chance: Nämlich herauszukriegen, was wirklich fehlt. Und was vielleicht verzichtbar ist.

Eine Analyse von LW-Korrespondentin Cornelie Barthelme (Berlin)

Doch. Es gibt die Momente, in denen ein Gefühl zugreift, das keinen Namen hat. Es schleicht ins heimische Wohnzimmer, es setzt sich mit aufs Sofa. Und dann packt es zu. Weil die Nichte per Messengerdienst ein Foto schickt von einer Kirche im italienischen Bergamo, in der Särge stehen, dicht an dicht, und dazu schreibt, dass sie bei diesem Anblick nicht nur weinen musste, sondern „richtig Angst und Panik“ hatte. Die Nichte ist kein Kind. Ehefrau, Mutter, Berufstätige. Sie ist die Praktikerin in der Familie, die Rationale. Die Unerschrockene. Und jetzt fürchtet sie sich.

Aber es ist ja alles anders, seit Corona die Welt im Griff hat. Freundin R. – auch mit ihr hält der Kontakt via Messenger – schreibt schon am Sonntag: „In der Krise rücken wir nicht zusammen, sondern gehen uns aus dem Weg? Eine ganz neue Erfahrung!“ R. ist über achtzig; sie erinnert sich noch an den Krieg, an die Luftbrücke für West-Berlin, an den Mauerbau. Sie weiß, was schlechte Zeiten sind und wie man zusammenhält.

Für andere einzukaufen, in Zeiten der Corona-Krise wird diese unscheinbare Gefälligkeit zu einem großen Akt der Solidarität.
Für andere einzukaufen, in Zeiten der Corona-Krise wird diese unscheinbare Gefälligkeit zu einem großen Akt der Solidarität.
Foto: Shutterstock

Eigentlich.

Aber diesmal ist alles anders. Ist ja nicht so, dass man bis zum Weltkrieg zurückmüsste. Das jüngere Deutschland – und die EU – sind durchaus krisenerprobt. Banken, Euro, Griechenland. Flüchtlinge. Jetzt eben Corona.

Haaalt!

Ja. Genau das ist der Unterschied. Corona ist kein Beschleuniger. Corona stoppt den Betrieb.

Können wir das? Nicht nur rein technisch. Oder rein wirtschaftlich. Und, noch wichtiger: Halten wir das aus? Als Individuen? Und als Gesellschaft?

Akut sieht – was Deutschland angeht – die Sache schlecht aus. Falls Angela Merkel das kann, dann hat sie am Mittwoch mit den sprichwörtlichen Engelszungen geredet. Nie hätte man geglaubt, dass irgendetwas von ihr im persönlichen Schatzkästlein für bewahrenswerte Sätze landen könnte. „Wir sind eine Demokratie. Wir leben nicht von Zwang, sondern von geteiltem Wissen und Mitwirkung.“ Wie – spröde? Nein: Es ist ein grandioser Vertrauensvorschuss. Statt der auch möglichen Faust auf dem Tisch der Nation. Er ist ein „Bitte“. Statt dem auch möglichen „Basta!“.

Wie viel Vertrauen vertragen die Menschen?

Kann es sein, dass die Menschen in diesem Land – und die in den Ländern nebenan auch – so viel Zutrauen und Eigenverantwortung nicht vertragen? Also zu viele von ihnen nicht? Oder ist es das schlechte Vorbild namens Europa? Das im Moment der allergrößten Herausforderung versagt. Nicht zum ersten Mal. Aber jämmerlicher denn je. Ausgerechnet Deutschland verweigert ausgerechnet Italien – wo das Virus haust, dass es an den achten Höllenkreis aus Dantes Inferno erinnert und an die Pest – die Solidarität.

Freiwillige von Hilfsorganisationen geben einem Obdachlosen im römischen Stadtteil Trastevere eine Tüte mit Lebensmitteln ab.
Freiwillige von Hilfsorganisationen geben einem Obdachlosen im römischen Stadtteil Trastevere eine Tüte mit Lebensmitteln ab.
Foto: AFP

Ausgerechnet in Österreich – wo in Ischgl eine Virenschleuder von europäischem Ausmaß ungehindert von irgendwelchen gewählten Verantwortungsträgern rotieren durfte – geriert sich der Bundeskanzler als präpotenter Überpolitiker. 

Und Schengen macht, peu à peu, die Schotten dicht – als wäre Corona nicht schon überall. Und als wäre im Alleingang noch irgend etwas zu retten. Und als wären die offenen Grenzen irgendein Pillepalle – und nicht, was das von all den Krisen zuvor und vom Brexit längst schwer angekränkelte Europa überhaupt am Leben hält.

Stooooopp!

Es tut weder dem Hirn noch dem Herzen noch der Zuversicht gut, das versagende Europa zu intensiv zu betrachten. Es verstört und es macht mutlos, wo es doch gerade auf Klarheit und auf Unverzagtheit so sehr ankommt. Um Europa werden die Europäer – die wirklichen, die überzeugten – sich kümmern müssen, wenn die akute Not vorbei sein wird. Falls es dann zu den Überlebenden zählt.

Es wird eine Zeit vor Corona geben - und eine danach

Vor dem Blick in die Zukunft, die Zeit nach Corona, nach der großen Entschleunigung, nach dem Brachialstabgebremstwerden – kommt der auf das Jetzt. Auf das, was ist.

Und nein, es ist nicht alles schrecklich. Es ist alles anders.

Noch einmal zurück zu Angela Merkel. Sie hat den Pflegekräften gedankt. Und den Frauen und Männern in den Supermärkten. Sie, hat die Kanzlerin von Deutschland gesagt, hielten „buchstäblich den Laden am Laufen“. Wie wahr. Nicht gesagt hat Merkel, wie, pardon, beschissen bezahlt wird in beiden Branchen. Und welchen Anteil auch die Politik daran hat. Auch ihre.

Jetzt, wo Deutschland – wie Luxemburg und wie Frankreich und wie … – sehr viel mehr Zeit auf der Couch verbringen muss oder auch nur müsste: Jetzt kann und sollte es sich darüber Gedanken machen. Viele. Statt bloß die Rückkehr der Normalität herbeizusehnen. Und damit zu meinen, dass nach Corona, bitte schön, alles wieder so sein soll wie vorher.

Wird es nicht. Das ist sicher.

Es wird – wann auch immer, und auch diese Unbestimmtheit schürt Angst – eine Zeit vor Corona geben und eine danach. So wie es eine Zeit vor Tschernobyl gab – und eine danach gibt. Eine vor Nine-Eleven – und eine seitdem. Eine vor den Flüchtlingen – und nun die mit ihnen. Und ganz sicher wird die Welt, ja: die Welt!, nach Corona eine andere sein. Im Großen, also global. Und im ganz Kleinen auch. Jedermanns und jederfraus eigene. Und dazwischen sowieso.

Man könnte jetzt – statt auf kreuzgefährlichen Corona-Partys abzuhängen oder sich nach drei Tagen sozialer Distanz waidwund dem Lagerkoller hinzugeben – mit dem Nachdenken beginnen über die nächste, die kommende Normalität. Wie sie denn sein müsste. Und wie man sie hinbekommt.

Das ist keine Utopie. Es ist eine Chance. Eine aufgezwungene – zugegeben. Na und? 

Geht wunderbar auf dem Canapé. Im Familienkreis. Und mit Freunden. Per Messenger, Mail oder Skype kann man jetzt träumen und streiten, ent- und wieder verwerfen, das, was war, an dem messen, was jetzt ist. Herauskriegen, was wirklich fehlt. Und was, vielleicht auch erst am siebzehnten Tag, verzichtbar ist.

Und nein: Das ist keine Utopie. Es ist eine Chance. Eine aufgezwungene – zugegeben. Na und?.


11.03.2020, Vatikan, Vatikanstadt: Die Spitze der Kuppel des Petersdoms spiegelt sich in einer Pfütze. Der Vatikan hat zum Schutz vor der Coronavirus-Welle am 10.03.2020 den Petersplatz für die Öffentlichkeit gesperrt. Foto: Evandro Inetti/ZUMA Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Die Krise als Anlass zu sehen, „die kleinen Gesten“ wiederzuentdecken - das rät Papst Franziskus den Gläubigen. Und den Seelsorgern sagt er: Haltet Quarantänemaßnahmen ein - aber übertreibt nicht.

Der Politik darf sie nicht überlassen werden! Zumindest nicht allein. Man ahnt doch, wie sie es machen wird, vielleicht muss: Wachstum! wird sie rufen. Märkte! Zurück zum Mehr! Und damit Geld meinen. Produktion. Konsum.

Ist es möglich, dass die Gesellschaft in, sagen wir, zwei Wochen daheim auf der Couch, begreift, was sie da gerade tut, nach anfänglichem Widerstand? Solidarität üben. Verzicht. Alte und Kranke wichtiger nehmen als sich selbst. Kann es sein, dass sie das für gut hält, sogar für normal?

Dass sie davon nicht mehr lassen will? Und auch nicht mehr von dem Wissen, dass ein gutes Leben ohne zehn Wochenendtrips pro Jahr möglich ist – aber nicht ohne anständig bezahlte Krankenpfleger und Supermarktkassiererinnen? Wird sie Druck machen? Der Politik? Und sich selbst?

Klingt nach Revolution auf dem Sofa. Oder?

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