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"Identität ist ein Balanceakt"
Politik 3 Min. 18.11.2017 Aus unserem online-Archiv
Journées sociales

"Identität ist ein Balanceakt"

Aufmerksames Jungpublikum beim Auftakt der Journées sociales zum Thema Identität am Freitagabend.
Journées sociales

"Identität ist ein Balanceakt"

Aufmerksames Jungpublikum beim Auftakt der Journées sociales zum Thema Identität am Freitagabend.
Foto: Laurent Blum
Politik 3 Min. 18.11.2017 Aus unserem online-Archiv
Journées sociales

"Identität ist ein Balanceakt"

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Bei den Journées sociales ging es am Wochenende um die Frage der Identität: Wer bin ich? Wer will ich sein? Und wer soll ich sein? Für junge Menschen sind diese Fragen zentral.

(mig) - Seit sieben Jahren werden die Journées sociales in Luxemburg organisiert. Sie bieten den Rahmen, in dem soziale und gesellschaftspolitische Fragen aus verschiedenen Blickwinkeln erörtert werden. Oft stand das Thema Europa im Mittelpunkt. In diesem Jahr hatte die Vereinigung um Präsident François Biltgen sich für das Thema Identität entschieden.

Die Identitätsdebatte ist brandaktuell, ganz besonders seit dem Beginn der Flüchtlingswelle und seit der islamistische Terror in Europa zugeschlagen hat. Obwohl Luxemburg seit jeher ein Einwanderungsland ist und die Hälfte der hier lebenden Menschen Ausländer sind, bahnen sich auch hier nationalistische Tendenzen und identitäre Bewegungen ihren Weg. Viele befürchten den Verlust der nationalen Identität.

Angst vor Identitätsverlust

Diese Angst wird in den sozialen Netzwerken geäußert oder kommt in öffentlichen Petitionen zum Ausdruck, wie die von Lucien Welter, der um das Aussterben der luxemburgischen Sprache und de facto um das Aussterben der Luxemburger Identität fürchtet. Und mit ihm wohl all jene, die die Petition unterzeichnet haben. 

"Dient Identität zur Abgrenzung, führt das nicht zu Dialog, zu Frieden oder gegenseitigem Verständnis", so François Biltgen eingangs der Veranstaltung. Es ist demnach der vielerorts aufkeimende identitäre Diskurs, der die Organisatoren der Journées sociales dazu verleitet hat, gerade dieses Thema in den Mittelpunkt zu stellen und Workshops dazu zu organisieren, an denen zahlreiche Schüler teilgenommen haben.

Identität im multikulturellen Umfeld

Die Identitätsfrage ist besonders in jungen Jahren, also in Zeiten der Identitätsbildung, zentral. In Luxemburg ist sie aufgrund des multikulturellen Umfeldes sogar noch etwas komplexer als in homogenen Gesellschaften, "wegen der vielen externen Einflüsse, aus denen man schöpfen kann, aus denen man aber auch das für sich Stimmige herausfiltern muss", so die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Luxemburg, Elke Murdock, die die Frage der Identität aus der sozialpsychologischen Warte beleuchtete.

Die Bildung und die Festigung der Identität sei eine lebenslange Aufgabe. Die große Herausforderung sei das Finden einer "Balance zwischen dem Festhalten an der eigenen Unverwechselbarkeit und Stimmigkeit einerseits und der Anpassung an Neues, an den Wandel andererseits".

Integrationsverständnis junger Zuwanderer

Diese Herausforderung gilt in besonderem Maße auch für die in Luxemburg lebenden Zuwanderer. Manche sind freiwillig hier, manche nicht. Das hat einen Einfluss auf die Bereitschaft der Migranten zur Integration.

Sara Steinmetz hat 58 junge Migranten zu deren Integrationsverständnis befragt. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Luxemburg unterscheidet vier Formen von Integrationsverständnis, angefangen bei der assimilierenden Integration, also dem "Werden wie ein Luxemburger" über die partielle Integration, die eher struktureller Natur ist -  über die Schule oder die Arbeit zum Beispiel - bis hin zur totalen Verweigerung, die sich dahingehend äußert, dass man sich ausschließlich der Herkunftsgruppe zugehörig fühlt und mit dem Aufnahmeland nichts zu tun haben will.

"Multiplicity" und "Remix"

Sonja Kmec stellte fest, dass Luxemburg einen offenen Diskurs führt, wenn es um die Identitätsfrage geht. Fest machte sie das zum Beispiel am "Nation Branding" der aktuellen Regierung, mit dem Luxemburg sich international einen Namen machen will. Das Konzept setze paradoxerweise auf Diversität (Multiplicity), so die Historikerin der Uni Luxemburg. Genau wie das Escher Kulturhauptstadtmotto "Remix" (der Kulturen).

Der offene Diskurs habe in Luxemburg eine längere Tradition, meinte Sonja Kmec. Bereits 1907 sei Luxemburg in einer Publikation der zweisprachigen Zeitschrift Floréal als Mischkultur bezeichnet worden. 

Schülerfragen

Bleibt die Identität eines Menschen im Kern stabil oder kann sie sich drastisch verändern? Beeinflussen die sozialen Medien in besonderer Weise die Identität der jungen Generation? Sollte man einen möglichst starken Charakter anstreben, um die Beeinflussung von außen abzumildern? Tun sich die jungen Menschen von heute aufgrund größerer Freiheit schwerer mit der Identitätsfindung als vorherige Generationen? Hat man auch dann eine Identität, wenn einen niemand kennt?

Die Fragen der Schüler des Lycée Aline Mayrisch und des Nordstadlycée hatten es in sich. Die drei Referentinnen taten sich mitunter schwer mit den Antworten. Die Frage-Antwort-Runde offenbarte vor allem eines: Die Identitätsfrage ist hochkomplex und hochsensibel und die Antworten darauf nicht immer selbstverständlich. Identitätsfindung ist ein langer und arbeitsreicher Prozess. Und: Identität ist ein ständiger Balanceakt.




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