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"I am not a refugee" : "Diese Geschichten müssen erzählt werden"
Frédérique mit Mahmoud aus der syrischen Stadt Aleppo

"I am not a refugee" : "Diese Geschichten müssen erzählt werden"

Foto: Sven Becker
Frédérique mit Mahmoud aus der syrischen Stadt Aleppo
Politik 6 Min. 11.05.2016

"I am not a refugee" : "Diese Geschichten müssen erzählt werden"

Da ist Yazan aus Syrien, da ist Mussafa aus dem Irak oder Wafaa aus dem Gazastreifen: Frédérique Buck hat sie alle getroffen und auf der Internetseite "iamnotarefugee.lu" porträtiert - in der Hoffnung, dass die Flüchtlinge so Anschluss in Luxemburg finden.

(mz) Frédérique Buck hat die Internetseite "I am not a refugee" gestartet. Sie und Fotograf Sven Becker wollen Flüchtlingen in Luxemburg ein Gesicht geben - und die Menschen hierzulande dazu motivieren, auf sie zuzugehen.

Wie ist die Idee für "iamnotarefugee.lu" entstanden?

Das Ganze hat eine Vorgeschichte: Vor ein paar Jahren lebte neben mir eine Familie vom Balkan, die ich damals unterstützt habe. Eines Tages war die Familie plötzlich weg. Als ich mit meinen Nachbarn darüber sprechen wollte, wusste niemand von wem ich überhaupt redete. Die Leute im Dorf hatten keine Ahnung, dass direkt neben ihnen eine Flüchtlingsfamilie lebte - und dass sie auf einmal nicht mehr da war. Das hat mich lange beschäftigt.

Vertrauen lässt sich aufbauen. Und ich veröffentliche nichts, dem die Menschen nicht zustimmen.

Nach etlichen Jahren als Kommunikationsberaterin und Conceptor für Privatunternehmen wollte ich etwas machen, was mir wichtig ist und mir Spaß macht. Flüchtlingen eine neue Plattform geben und die Problematik von einer neuen Seite beleuchten - indem ich die Menschen porträtiere.

Wie schwierig ist es dann, Leute zu finden, die sich online porträtieren lassen?

Viele haben tatsächlich Bedenken davor, wiedererkannt zu werden, oder denken, dass die Veröffentlichung ihres Porträts negative Auswirkungen haben könnte, auch auf internationaler Ebene. Vertrauen lässt sich aber aufbauen. Ich veröffentliche nichts, dem sie nicht zustimmen. 

Wie haben Sie den Kontakt zu den Menschen hergestellt?

Vor allem übers Internet. Auf Facebook gibt es zum Beispiel Gruppen wie "Refugees welcome" oder "WELLcome". Vieles läuft aber auch über Mundpropaganda. Auch die Vereinigung Hariko hat mir viel weitergeholfen.

Sagen manche auch ab, wenn sie erfahren, dass ein Foto von ihnen veröffentlicht wird?

Nein, dass sie fotografiert werden, ist immer von Anfang an klar. Die entspannte Art und Weise unseres Fotografen Sven Becker ermöglicht auch immer eine gute Stimmung während der Fotosessions. Lustig ist aber, dass ich immer die Fotos am besten finde, die den Flüchtlingen am wenigsten gefallen. Da sieht man die kulturellen Unterschiede.

Warum denken Sie, ist es wichtig, dass wir von diesen Einzelschicksalen erfahren?

Es ist sehr wichtig, dass diese Geschichten gelesen werden. Mein Wunsch ist es, dass Flüchtlinge und Luxemburger zusammenfinden, sich begegnen und miteinander- anstatt aneinander vorbeileben. Dafür muss der Wunsch nach Kontakt aber aus beiden Richtungen kommen - nur so kann es funktionieren.

Das Motto der Seite: "I'm not a refugee".
Das Motto der Seite: "I'm not a refugee".
Foto: Sven Becker

Viele Menschen denken, Integration wäre mit Anpassung gleichzusetzen. Wir müssen aber auch offen sein. Wir müssen uns zumindest ein bisschen mit der Kultur der Flüchtlinge auseinandersetzen. Das ist ein Aspekt, den viele vergessen.Wir können sehr viel teilen und voneinander lernen.

Fällt es den Menschen schwer, mit Ihnen über ihr Schicksal zu sprechen?

Das Problem ist eigentlich immer das Gleiche: Ich bin für diese Menschen eine Fremde. Deshalb nehmen die Interviews auch immer eine gewisse Zeit in Anspruch. 2 1/2 Stunden muss ich schon einplanen. Manchen fällt das Erzählen leichter als anderen.

Mittlerweile stehen mehrere Geschichten online. Was war Ihnen bei den Porträts wichtig?

Sehr wichtig war, den spontanen Fluss der Erzählung zu erhalten. Ich habe die Texte bewusst roh belassen - sie lesen sich, als ob die Person sie einem gerade selbst erzählt. Das Englisch ist nicht perfekt, muss es aber auch nicht sein. Die Vielschichtigkeit der Personen stand und steht im Vordergrund.

Gibt es eine Geschichte, die Sie besonders berührt?

Jede Geschichte berührt mich auf ihre Art und Weise. Wenn mir eine Mutter erzählt, dass sie ihre Kinder abends in verschiedenen Zimmern des Hauses zu Bett bringt, in der Hoffnung, dass nicht alle gleichzeitig bei einem Bombenanschlag umkommen - dann geht mir das als Mutter natürlich sehr nahe.

Viele Leute haben in den letzten Monaten Kleidung und Geld für Hilfsbedürftige gespendet. Wie kann man jetzt helfen?

Auch Yazan erzählt seine Gesichte auf "imnotarefugee.lu".
Auch Yazan erzählt seine Gesichte auf "imnotarefugee.lu".
Foto: Sven Becker

Es ist schön zu sehen, dass viele bereit sind zu helfen. Jetzt wird die Hilfe an anderer Stelle gesucht. Die Menschen können sich über unserer Seite mit den Flüchtlingen direkt in Verbindung setzen. Sich einfach nur mit ihnen auf einen Kaffee treffen oder sie bei alltäglichen Dingen unterstützen. Diese Art des Engagements ist extrem wichtig, vielleicht sogar wichtiger als eine Geldspende.

Bei allem, was heutzutage in der Welt los ist, fühlt man sich oft machtlos. Die Flüchtlinge stellen uns aber vor eine neue Situation. Wir können etwas machen, indem wir den Kontakt zu den Menschen suchen. Jeder kann sich daran beteiligen. Das könnte der Beginn einer neuen Art und Weise sein, wie wir in der Gesellschaft miteinander umgehen.

Wie haben die Leute auf Ihre Internetseite reagiert?

Das Feedback zur Onlineseite ist groß. Wir haben bereits nach einem Tag fast Tausend Follower auf Facebook und viele Leute schreiben mir, weil sie sich freuen, dass wir diese Initiative gestartet haben. Die Leute interessieren sich für die Geschichten der Flüchtlinge.

Wie groß ist der Kulturschock, wenn die Flüchtlinge in Luxemburg ankommen?

Es ist sehr schwer. Aus vielen Gründen. Sie sind gezeichnet von ihren traumatischen Erlebnissen. Fühlen sich fremd und einsam in unserer Kultur. Sie müssen unsere Sprachen und Kultur verstehen lernen. Wohnen auf engstem Raum ist eine Herausforderung. Das Warten auf den Flüchtlingsstatus mit Stress verbunden. Nach dem Statut kommen zusätzliche, neue Herausforderungen auf sie zu: Eine Arbeit finden, eine Wohnung.

Die Menschen haben Angst vor dem Fremden - das ist ja auch menschlich.

In Luxemburg sind die Auffangstrukturen natürlich sehr gut. Und trotzdem: Die Sorgen der Flüchtlinge um ihre Familien, die in den Kriegsgebieten sind, bleiben. Alle sind dankbar in Luxemburg aufgenommen worden zu sein. Trotzdem fühlen sich hier nicht alle willkommen. Hierzulande ist Fremdenhass natürlich immer wieder ein Thema, wenn auch (noch) latent. Dagegen kämpft iamnotarefugee.lu an.

Mit welchen Vorurteilen haben Flüchtlinge hier zu kämpfen?

Das kann ich nur vermuten, weil ich mich von Leuten mit Vorurteilen fernhalte. Aber ich glaube, dass die Menschen einfach Angst vor dem Fremden haben. Alleine die Sprache, die sich ganz anders anhört, das andere Aussehen. Viele wissen einfach nicht, wie sie damit umgehen sollen - und das ist ja auch menschlich.

Luxemburg muss also offener werden?

Wir müssen nicht nur offener, sondern auch menschlicher werden - das geht über die Flüchtlinge heraus. Behinderte, alte Menschen oder diejenigen mit Migrationshintergrund sollten wir aktiv einschließen, nicht nur dulden. Wir müssen zu der kulturellen Vielfalt in Luxemburg stehen. Wir sollten die Integration der Nicht-Luxemburger anpacken, statt aneinander vorbei zu leben.

Wie kann Integration in Zukunft aussehen?

Reelle Integration ist natürlich schwierig und komplex. Aber die Zukunft unseres Landes steht auf dem Spiel. Die Kinder von heute sind die Bürger von morgen. Es fängt beim Schulwesen an.

Meine Kinder gehen aufs Gymnasium, die Kinder meines portugiesischen Nachbarn besuchen die Hauptschule - so einfach ist die Aufteilung heute. Wer ans Gymnasium darf, entscheidet sich sehr früh. Mit etwa acht Jahren steht heute für sehr viele Kinder ausländischer Bürger schon fest, in welche Richtung ihre professionelle Laufbahn gehen wird. Es ist aber niemand da, der dieses System hinterfragt. Der sich energisch dieser Kinder annimmt. Das darf nicht sein.

Wie kann man am besten gegen diese Teilung der Gesellschaft vorgehen?

Wir müssen vieles überdenken. Nicht einfach hinnehmen. Innovation ist angesagt. Es ist unsere Verantwortung alle Kinder aufzunehmen  - im weiten Sinne des Wortes.

Weitere Infos finden Sie auch auf den Facebook-Seiten "Refugees Welcome", "WELLcome" und "I am not a refugee - Luxembourg" und auf der Seite I am not a refugee

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