Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Hoffnung für Schadstoffpatienten
Politik 5 Min. 21.01.2020 Aus unserem online-Archiv

Hoffnung für Schadstoffpatienten

Viele Krankheiten entstehen nachweislich durch Schadstoff- und Strahlenbelastungen, wie durch Wi-Fi, Handy und Computer.

Hoffnung für Schadstoffpatienten

Viele Krankheiten entstehen nachweislich durch Schadstoff- und Strahlenbelastungen, wie durch Wi-Fi, Handy und Computer.
Illustration: Shutterstock
Politik 5 Min. 21.01.2020 Aus unserem online-Archiv

Hoffnung für Schadstoffpatienten

Annette WELSCH
Annette WELSCH
Die Umweltmedizin wird künftig eine immer größere Rolle spielen. Nach fast 20 Jahren soll sie in Luxemburg ein nationales Zentrum bekommen.

Luxemburg soll einen „Service National de Médecine de l'Environnement“ (SNME) bekommen. „Endlich, endlich“, sagt erleichtert Jean Huss, der Präsident der Asbl Akut – Aktionsgruppe für Umwelttoxikologie. „19 Jahre lang ist nichts passiert“, erklärt der ehemalige Grünen-Politiker, der seit 1990 im Kampf gegen Umweltgifte engagiert ist. 

Die ersten Diskussionen seien im Verwaltungsrat des Escher Spitals CHEM schon im Jahr 2001 angestoßen worden und 2012 wurde bei der Commission Permanente pour les Hôpitaux (CPH) erstmals ein Projekt eingereicht. Das verschwand allerdings sang- und klanglos in der Schublade der Gesundheitsdirektion.

Übergangslösung: Ein Container beim Niederkorner Spital

Nun soll die Abteilung doch in Räumlichkeiten „in Modulbauweise“ einziehen, die durch den Eingang des Niederkorner Spitals erreicht werden können, um die Patienten nicht durch einen isolierten Container zu stigmatisieren. Das hat das CHEM-Direktionskomitee nun festgehalten, nachdem zuletzt der erste Stock im Niederkorner Krankenhaus im Gespräch war, dort, wo einst die Maternité war. 


Frage des Tages
Luxemburg bekommt ein nationales Zentrum für Umweltmedizin. Was halten Sie davon?

„Das sind Module mit höchstmöglicher Sterilität, die auch für mobile Operationssäle und Kindertagesstätten verwendet werden. Wir warten nun darauf, dass uns der Spezialist für Baubiologie im Energieministerium, Ralph Baden und die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen ihr Go geben“, erklärt CHEM-Generaldirektor Dr. Hansjörg Reimer im Gespräch mit dem „Luxemburger Wort“.

Finanzierung als Pilotprojekt

200 qm Fläche mit zwei stationären Betten und sechs ambulanten Behandlungsplätzen sind vorgesehen. „Wir werden bei der CPH ein Pilotprojekt dafür beantragen, das vom Gesundheitsministerium finanziert wird und nicht über die Gesundheitskasse.“  

  Wir haben starken politischen Druck.

Dr. Hansjörg Reimer, CHEM-Generaldirektor

Auf Tarifverhandlungen für die Behandlungsakte und die speziellen Laboruntersuchungen zu warten, würde zu viel Zeit kosten – Reimer würde gerne Ende des Jahres, Anfang nächsten Jahres loslegen. „Wir haben starken politischen Druck“, sagt er.

Zwei Projekte zur Auswahl

Dass es nun doch so schnell geht, ist dem Hôpital Robert Schuman (HRS) zu verdanken: Es reichte kurzerhand im Januar vergangenen Jahres bei der CPH ein umfassendes Projekt für einen nationalen Service für Umweltmedizin ein, so wie das Regierungsprogramm ihn vorsieht. 

500 qm im obersten Stock eines neuen Gebäudes waren geplant – baubiologisch „clean“ gebaut, abgeschirmt von allen elektromagnetischen Strahlungen und mit eigenem Eingang, zwei stationären Betten sowie 12 ambulanten Behandlungsplätzen – fachgerecht, wie es ein soll. 

CHEM musste Übergangslösung bringen

Im Monat danach zog das Escher Krankenhaus (CHEM) nach und legte notgedrungen auch ein Projekt vor. „Wir hatten nicht damit gerechnet, denn eine Abteilung für Umweltmedizin ist im neuen Südspidol vorgesehen.“ Das ist aber frühestens 2026 fertig und so musste nun kurzfristig eine Übergangslösung her

Die CPH stellte lediglich fest, dass beide Projekte dem Krankenhausgesetz entsprechen, überließ die Entscheidung aber Gesundheitsminister Etienne Schneider (LSAP) - wohlweislich, dass es eine (partei-)politische Entscheidung war. Hinter vorgehaltener Hand hieß es, das HRS-Projekt sei überzeugender.

Schneider in Erklärungsnot 

Schneider erteilte dem Escher CHEM den Zuschlag und kam in die Bredouille, als er den beiden Grünen-Angeordneten Josée Lorsché und Marc Hansen auf eine parlamentarische Frage hin erklären sollte, nach welchen Kriterien er seine Entscheidung getroffen hatte.

Das Gesetz zum Projekt Südspidol und dessen Finanzierung sei vom Parlament verabschiedet worden und sehe eine Abteilung für Umweltmedizin vor. Es sei ihm zudem zugesichert worden, dass das CHEM eine Übergangslösung im Niederkorner Spital vorsehen kann, rechtfertigt Schneider seine Entscheidung.

Kompetenz von Akut nutzen

Ich setze mich persönlich dafür ein, ein gesundes Projekt hinzubekommen und eine Abteilung, die gut funktioniert. Ich will möglichst alle mit im Boot haben – Akut und die Vereinigung der Umweltmediziner ALMEN“, bekräftigt Reimer. 


Rauchende Puppe
Wenn der Alltag krank macht
Wie schädlich sind Handystrahlung, Mikroplastik und Verkehrslärm für das ungeborene Leben? Diese und weitere Fragen werden auf der 17. Jahrestagung für Klinische Umweltmedizin beantwortet.

Und Huss meint: „Wer es macht, ist für uns nicht wichtig. Wir sind froh, dass etwas passiert und wir unser Know-how einbringen können. Wir haben als Akut die Kontakte, kennen die Umweltkliniken im Ausland, kennen die Spezialisten an Universitäten, wie München, Straßburg oder Paris, die Ausbildungen anbieten und wissen wie sie klinisch mit Patienten umgehen.“

"Clean unit" für schwere Fälle von Hypersensibilität

Eingerichtet wird nun eine „clean unit“, in der die schwersten Fälle von Hypersensibilität behandelt werden – wo weder Chemikalienausgase noch Elektrosmog sind, wo das Personal weder Kosmetik, Deodorant, Parfum noch ein Handy bei sich tragen darf

„Die Patienten reagieren auf das Geringste schwer und können nicht gesund werden, wenn sie weiter in dem Milieu leben, durch das sie krank wurden“, erklärt Huss, der schätzt, dass europaweit zwischen zwei und drei Prozent betroffen sind. Erst kommt also der Expositionsstopp, dann wird untersucht, welche Schadstoffe ursächlich sind und dann wird therapiert und entgiftet.

Wir wollen Ärzte fördern, die wissen wollen, was die Ursache der Krankheit ist.

Jean Huss, Akut-Präsident

Umweltmedizin funktioniert ursachenorientiert

„Die Umweltmedizin funktioniert ursachenorientiert, während die klassische Medizin symptomorientiert arbeitet. Nur wenn man die Ursachen kennt, kann man die Erkrankung stoppen“, erklärt Huss. Gerade so wichtig, wie die „clean unit“ sei deswegen auch das Weiterbildungsprogramm, um ein Netzwerk an Umweltmedizinern aufzubauen. „Wir wollen Ärzte fördern, die wissen wollen, was die Ursache der Krankheit ist.“



Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Wenn der Alltag krank macht
Wie schädlich sind Handystrahlung, Mikroplastik und Verkehrslärm für das ungeborene Leben? Diese und weitere Fragen werden auf der 17. Jahrestagung für Klinische Umweltmedizin beantwortet.
Rauchende Puppe
Umweltgifte im Visier
Umweltgifte, und vor allem Schwermetalle sind wahrscheinlich für weitaus mehr chronische Krankheiten verantwortlich als bisher angenommen wurde. Diesen Verdacht äußerte der Präsident der Gesellschaft Akut, Jean Huss, während einer Pressekonferenz.
Individuelle Empfindlichkeit ist entscheidend
2002 wurde die „Association luxembourgeoise de médecine de l'environnement“ (Almen) ins Leben gerufen. Die Umweltmedizin betrachtet den Patienten in seiner Umwelt und trägt alltäglichen Einflüssen Rechnung. Die Krankheitsauslöser sind meistens multifaktoriell, so wie die Behandlung auch.
Im Schlafzimmer können Schimmel oder Weichmacher seiner Gesundheit schaden.