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"Historikerstreit": Barthel antwortet Scuto: Eine etwas andere Lesart ...
Politik 28 Min. 14.12.2015

"Historikerstreit": Barthel antwortet Scuto: Eine etwas andere Lesart ...

"Historikerstreit": Barthel antwortet Scuto: Eine etwas andere Lesart ...

Foto: LW-Archiv
Politik 28 Min. 14.12.2015

"Historikerstreit": Barthel antwortet Scuto: Eine etwas andere Lesart ...

Ist die Sachlage um die Rolle der Verwaltungskommission im Zweiten Weltkrieg wirklich so klar, wie es Historiker wie Vincent Artuso oder Denis Scuto nahelegen? Charles Barthel bleibt bei seiner Kritik des "Artuso-Berichts" und legt jetzt eigene Forschungsergebnisse vor.

Von Charles Barthel (Historiker)

Eigentlich war ich fest entschlossen, keinen weiteren Kommentar abzugeben, bevor das von der Association luxembourgeoise des enseignants d’histoire (ALEH) am kommenden Montag geplante Rundtischgespräch "Historikersträit zu Lëtzebuerg" stattgefunden hat. Da der Kollege Denis Scuto mich aber eindringlich in seinem Tageblatt-Artikel vom 19. November zu einer Stellungnahme auffordert, nachdem er die als verschollen geglaubte und nun wieder aufgetauchte ("retrouvée") Namensliste mit polnischen Juden vorgestellt hat, möchte ich keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass ich die Vorgehensweise jener, die der im ersten Kriegsjahr 1940 tätigen Luxemburger Verwaltungskommission unbedingt eine schuldhafte Mittäterschaft am Holocaust anlasten wollen, mehr denn je für äußerst fragwürdig halte.

Allein der Umstand, dass der erwähnte Zeitungsbeitrag nun schon innerhalb kürzester Zeit die dritte Nachbesserung (1) zu dem im Auftrag der Regierung erstellten "Artuso-Bericht" (2) liefert, unterstreicht, wie fundiert mein Aufschrei über die völlig unzureichende Aufarbeitung der Verantwortlichkeit von Kommissionspräsident Albert Wehrer und seinen Mitstreitern war (s. Charles Barthel: Die „Judenfrage“ in Luxemburg – Meilenstein oder Stolperfalle?). Hätten all diese Ergänzungen und Zusatzerklärungen, die nun scheibchenweise in der Tagespresse nachgereicht werden, nicht besser im eigentlichen Bericht gestanden? Und ein Ende der Fahnenstange ist nicht in Sicht, denn es liegt nach wie vor mitnichten alles auf dem Tisch. Scuto selbst gesteht ein, der erhaltene Bestand der Behörde des deutschen Chefs der Zivilverwaltung (CdZ), die Gauleiter Gustav Simon unterstand, sei "un des fonds les plus volumineux", der zum Teil überhaupt noch nicht gesichtet wurde. Letzteres trifft insbesondere auf die Reihe „Pass und Meldewesen“ zu, eben jenen Fundus aus über 300 Akten, in dem, neben zahlreichen Verzeichnissen von Reichsdeutschen, Italienern, Ungarn, Amerikanern, … auch die Liste polnischer Juden "wiedergefunden" wurde.

Victor Buck war der jüdische Dank für die „unorthodoxe“ Besorgung 
von Visen gewiss – Wehrer hatte die Finger auch im Spiel.
Victor Buck war der jüdische Dank für die „unorthodoxe“ Besorgung 
von Visen gewiss – Wehrer hatte die Finger auch im Spiel.
Illustration: Archives nationales

Genau genommen war dieses Namensverzeichnis nie verschwunden. Es war stets da! Seit seiner Erstellung liegt es dort, wo die Nazis es im Krieg abgelegt haben. Dass es erst kürzlich gefunden wurde, liegt einzig und allein an denjenigen, die nach ihm gesucht, aber nicht richtig hingeschaut haben. Immerhin trägt die heute unter der Signatur ANLux, CdZ-A-3020 – "Ausländer – Erfassung sowie Anwendung der Ausländerpolizei" registrierte Akte bereits im alten, der Öffentlichkeit seit einem Vierteljahrhundert zugänglichen Karteikarteninventar (CdZ-A-1-25.502) den Titel "Ausländer". Hätte da nicht jeder am tragischen Schicksal der zugewanderten deutschen und osteuropäischen jüdischen Flüchtlinge interessierte Geschichtsschreiber bei einer gewissenhaften Durchforstung des hierzulande zur Verfügung stehenden Quellenmaterials hellhörig werden müssen? Ich frage mich deshalb gleichwohl, wie viele Dokumente in der Folgezeit noch sporadisch zu Tage gefördert werden, bloß weil bisher alles andere als systematisch und erschöpfend geforscht wurde.

An der Dürftigkeit unseres aktuellen Wissensstandes scheint selbst Scuto in seiner Darstellung keinen Zweifel mehr zu hegen, wirft er doch zum Schluss seines Artikels eine Vielzahl wichtiger Fragen auf, die noch immer einer Klärung harren und die ich eben gerne beantwortet hätte, bevor man ein Urteil über die Wehrer-Kommission fällt. Mich erfreut hier auch ganz besonders die nun eingekehrte Einsicht, dass die im Artuso-Bericht unterschwellig immer wieder unterstellte unmittelbare Verbindung zwischen der – vermeintlich – auf Geheiß ranghoher Luxemburger Beamten betriebenen Anfertigung der Judenliste(n) im Herbst 1940 einerseits, und der – mutmaßlich – später im Laufe des Jahres 1941 durch das deutsche Einsatzkommando erfolgten Benutzung der Aufstellung(en) zur Vorbereitung von Massendeportation und Massenmord andererseits, so nicht geltend gemacht werden darf. Es sei denn, man unterläge einem fatalen Anachronismus, denn – erstens – allerspätestens seit dem Jahreswechsel 1940/41 (wenn nicht gar schon ab Ende Oktober oder November 1940 (3)) gab es keine nationale Behörde mehr und – zweitens – konnten die inkriminierten Regierungsräte Albert Wehrer, Louis Simmer und Emile Brisbois (4) im ersten Kriegsjahr unmöglich wissen, zu welch üblem Zweck die Liste Monate später hätte missbraucht werden können, war doch sogar den Deutschen damals noch nicht einmal klar, wie die "Endlösung der Judenfrage" zu regeln sei. Zwischen März und September 1941 – so Scuto – schwankten die Nazis noch zwischen Abschiebung ins benachbarte Ausland und Deportation in die Ghettos nach Osteuropa; die Massenvernichtung zeichnete sich erst nach dem Überfall auf die Sowjetunion (22. Juni 1941) und der berüchtigten Wannsee-Konferenz (20. Januar 1942) ab.

Vorrat auf Pump –
In Kriegszeiten eher selten.
Vorrat auf Pump –
In Kriegszeiten eher selten.
(Illustration: Archives nationales)

Die im Großherzogtum verbliebenen Luxemburger Staatsdiener wähnen sich aber bis dato unverkennbar in der Logik der Auswanderung, wie selbst Paul Cerf in seinem Buch L'étoile juive au Luxembourg (S.54) bestätigt. Gleich nach der Einführung der Deutschen Zivilverwaltung im Sommer 1940 bemühten sich Wehrer und seine Kollegen nicht nur um die Besorgung von Nahrungsmittelgutscheinen für die diesbezüglich benachteiligte Israelitische Gemeinde (5); sie kümmerten sich auch insbesondere um die Beschaffung der erforderlichen Visen für Spanien und Portugal, ohne die eine der wichtigsten Auswandererrouten in die Freiheit nach Übersee versperrt geblieben wäre.

Dabei schreckten sie nicht davor zurück, sich auch unlauterer, für ehrbare Staatsdiener eigentlich verbotene Tricks zu bedienen, um die Einreisebeschränkungen der iberischen Länder kurzerhand zu umgehen. Eine Aktennotiz aus dem Außenministerium spricht hierzu eine überdeutliche Sprache: Der Luxemburger Konsul für Portugal, der Geschäftsmann Victor Buck, war an und für sich gar nicht "autorisé à donner le visa portugais sans autorisation préalable des autorités portugaises". Wehrer – der zeitlebens ständig pedantisch streng auf die Einhaltung zwischenstaatlicher Vereinbarungen pochte – setzte sich in diesem besonderen Fall aber unumwunden über die geltenden Bestimmungen hinweg. In einer Art Beglaubigung zu Händen von Buck verwies er auf die angebliche, in Wahrheit aber keineswegs reale "impossibilité matérielle de communiquer avec Lisbonne", die Buck den Rücken freihalten sollte, wenn er, gegen alle Vorschrift verstoßend, die Visen dennoch ausgab „sans en référer au préalable à son Gouvernement [lies: portugiesische Regierung]. Pour couvrir sa responsabilité il [Buck] désire que le département des Affaires étrangères [lies: Wehrer] lui adresse une lettre dans laquelle il lui exprime le désir du Gouvernement [lies: Luxemburger Verwaltungskommission] de viser les passeports des intéressés. Il ne me [Wehrer] semble pas y avoir d'inconvénient à faire droit à cette demande. Nous avons en effet intérêt à ce que ces réfugiés quittent le pays le plus tôt possible" (6). Die in der Schlusszeile des Schreibens beschworene Raison d'État dürfte wohl bei einer fachgemäßen Deutung als reinster verbaler Nachdruck zu verstehen sein, mit dem Wehrer Konsul Bucks Restbedenken endgültig ausräumen möchte, im Sinne: Lieber Vic, jetzt vergiss mal deine Sorge um die Einhaltung internationaler Rechtsnormen; hier geht es um hehre Belange!

Buck erntete seitens der jüdischen Gemeinde den "aufrichtigsten Dank für seine großzügige und menschlich wohltuende Mithilfe an der Ermöglichung der Auswanderung unserer Portugalfahrer". Wir haben heute die Gewissheit, dass dieses Verdienst, das allein bis Anfang November 1940 „mehr als 200 […] Glaubensgenossen den Weg nach Übersee vorgebahnt" (7) hatte, in gleich hohem Maße auch Wehrer gebührt, ohne dessen Zutun und Rückendeckung die recht unorthodoxe Visa-Vergabe kaum oder erst gar nicht zustande gekommen wäre. Der Präsident der Verwaltungskommission befand sich freilich zum Zeitpunkt der Dankbarkeitsbekundung bereits in Gestapogewahrsam und hatte voraussichtlich deshalb vom Konsistorium keinen ähnlich lautenden Brief wie der Konsul bekommen. Aber man weiß ja nie; vielleicht schlummert das Schreiben noch in einer der zahlreichen unberührten Akten vor sich hin … 

Die Frage, ob man sich vorrangig um jüdische Landsleute kümmern sollte, war auch innerhalb der israelitischen Gemeinschaft umstritten – Brief des Lissabonner COMLUX an das Konsistorium in Luxemburg.
Die Frage, ob man sich vorrangig um jüdische Landsleute kümmern sollte, war auch innerhalb der israelitischen Gemeinschaft umstritten – Brief des Lissabonner COMLUX an das Konsistorium in Luxemburg.
Illustration: Archives nationales

Rückblickend lautet die Frage demnach nicht, ob man willens war, etwas zu riskieren, sondern für wen man bereit war, die bestehende Ordnung zu beugen" Vergleicht man die Vorgehensweise der Verwaltungskommission mit derjenigen von Antoine Funcks Luxemburger Konsulat am Sitz der Pétain-Regierung in Vichy oder den noch vor ihrer Abreise nach Portugal von der Exilregierung im unbesetzten Teil Frankreichs eingerichteten Flüchtlingsbüros von Hubert Clement, Michel Rasquin, Antoine Krier usw., dann schält sich eine Parallele ziemlich deutlich heraus: Nicht-Luxemburger Juden wurden im Prinzip keine, und schon gar keine getürkten, Papiere ausgehändigt, weil man den Weg in die sicheren Überseeterritorien für die eigenen Landsleute unter keinen Umständen gefährden wollte. Anzumerken bleibt, dass genau dieselbe Sicht der Dinge nicht nur übereinstimmte mit dem Verfahren anderer Staaten wie etwa Belgien oder Holland, sondern auch geteilt wurde von dem in Portugal weilenden Präsidenten des Luxemburger Konsistoriums, Albert Nussbaum, und dem in Lissabon eingerichteten Fluchthelferbüro des Comité luxembourgeois (COMLUX). Diese Feststellung ergibt sich ziemlich eindeutig aus den gegen Jahresende 1940 zunehmenden Spannungen zwischen Nussbaum und dem COMLUX auf der einen Seite, Rabbiner Robert Serebrenik und der Kultusgemeinde in Luxemburg auf der anderen Seite.

Die Vorwürfe der Erstgenannten an die Adresse der Zweitgenannten entstanden vor dem Hintergrund des Vilar Formoso-Zwischenfalls, als ein Judenkonvoi aus dem Großherzogtum an der spanisch-portugiesischen Grenze umgedreht, nach dem französischen Bayonne abgedrängt und dort längere Zeit festgehalten wurde. Waren auf diesem Transport Nicht-Luxemburger Juden, deren Anwesenheit das Scheitern der Operation veranlasst oder zumindest ihren komplizierten Ausgang beeinflusst hatte? Als es nach dem schweren Rückschlag darum ging, neue Flüchtlingszüge über die Pyrenäen mit weiteren staatenlosen Glaubensbrüdern zu organisieren, kamen vom Chef des COMLUX aus Lissabon klare Warnungen an die Kultusgemeinde zu Hause: „… es war schon schwierig, vorher zu helfen und nun muss ich feststellen, dass dies noch viel schwieriger geworden ist. 250 Staatenlose für den WER [sic] intervenieren soll" Die Comités [lies: internationale jüdische Hilfsorganisationen] finden schon keine Visen und die anderen intervenieren erst recht nur für ihre Staatsangehörigen. Ich bedauere ganz ehrlich, dass den wiederholt ausgedrückten Mahnungen keine Rechnung getragen wurde. […] Ich kann verstehen, dass Sie alle schnelle Lösungen haben wollen, aber leider sind wir nicht Gott […]. Trotzdem glaube ich bestimmt, dass wir bald viele Einheimische [lies: Juden mit Luxemburger Pass] unterbringen können‟. (8)

Damit wir uns recht verstehen: Es geht hier nicht im Geringsten darum, andere anzuschwärzen. Das darf nicht Sinn und Zweck seriöser Historiographie sein. Ihr obliegt die Mission, aus dem Kontext heraus zu erklären, wie „das Elend in Europa so groß geworden [war], dass Mitleid nicht mehr besteht“ (9) und es nur wenig half, schwer erreichbaren humanitären Idealen nachzujagen, statt das schlicht Machbare zu tun. Wie auch immer wir heute mit der Gnade der späten Geburt zu der beschriebenen egoistisch-nationalen Haltung unserer Vorfahren stehen, sie entspringt einer furchtbaren Zwangslage, aus der es kaum ein Entrinnen gab. Gerecht wäre es allerdings, wenn man diese Nachsicht sowohl gegenüber den jüdischen Verantwortlichen als auch gegenüber den Mitgliedern der Wehrer-Kommission walten ließe. Die Ergebnisse der bislang vorliegenden Untersuchungen lassen in der Tat keinen überzeugenden Grund erkennen, der die Anwendung zweier unterschiedlicher Maßstäbe rechtfertigen könnte.

Allein der Umstand, dass der erwähnte Zeitungsbeitrag nun schon innerhalb kürzester Zeit die dritte Nachbesserung zu dem im Auftrag der Regierung erstellten "Artuso-Bericht" liefert, unterstreicht, wie fundiert mein Aufschrei über die völlig unzureichende Aufarbeitung der Verantwortlichkeit von Kommissionspräsident Albert Wehrer und seinen Mitstreitern war.

Übrigens ergibt sich aus dem Gleichklang der Ansichten des Präsidenten der Kultusgemeinde, des COMLUX und der Verwaltungskommission eine den Ansichten von Denis Scuto und Vincent Artuso völlig zuwiderlaufende Auslegung der Geschichte. Albert Nussbaum – hält Paul Cerf fest (S.152) – war mehrfach zwischen August und Oktober 1940 (10) in Lissabon, bevor er beschloss, nicht mehr nach Luxemburg zurückzukehren. Viktor Buck war, wie es ausschaut, im selben Zeitraum ebenfalls in der portugiesischen Hauptstadt unterwegs. Aus Wehrers Mund wissen wir, dass der Vorsitzende der Verwaltungskommission ihn dazu jedenfalls ausdrücklich mandatiert hatte (11). Dass Gespräche mit der noch dort verweilenden Exilregierung von Pierre Dupong stattfanden, liegt reichlich nahe, genauso wie die Annahme, dass Nussbaum und/oder Buck Anweisungen bekamen und sie mit nach Hause brachten. Inwiefern also eine zwischen ihnen und der Exilregierung abgesprochene Strategie betr. die Abfertigung ausländischer/staatenloser Juden im Großherzogtum mit dem Handeln von Wehrer, Simmer und Brisbois deckungsgleich sein könnte, bleibt zwar noch offen, darf aber in Anbetracht der bereits gesicherten Erkenntnisse als höchstwahrscheinlich angesehen werden. Sollten weitere Untersuchungen diesbezüglich je zu einer aussagekräftigen Schlussfolgerung im Sinne der Stützung meiner These über einvernehmlich unter allen Beteiligten festgelegte Leitlinien kommen, dann würde das Verhalten der Verwaltungskommission in Luxemburg keine stumpfe Deutschhörigkeit voraussetzen, wie Scuto und Artuso behaupten, sondern sie wäre ganz im Gegenteil das Ergebnis einer eigenwilligen, von den Nazis weitestgehend unabhängigen Politik! Mit irgendwelchen Sympathien für Hitlers Rassenideologie oder gar mit vorauseilendem Gehorsam zum Vorteil des Naziregimes hätte diese Lesart der Ereignisse dann definitiv absolut nichts mehr zu tun …

Unter dem Untertitel „Une liste née du «vorauseilenden Gehorsam»‟ umschreibt Denis Scuto in seinem Tageblatt-Artikel vom vergangenen 19. November die Frage „Comment cette 
liste est-elle née“ anhand der im Dossier ANLux, AE-03834 (12) aufbewahrten Schriftstücke chronologisch wie folgt: Am 11. September 1940 erließ Friedrich Münzel, der Stellvertreter des Gauleiters, eine Verfügung über die Gleichstellung von reichsdeutschen Bürgern in Passangelegenheiten (sie sollten fortan genauso wie Luxemburger behandelt werden). Anschließend reichte Wehrer per Rundschreiben vom 16. September diese deutsche Anordnung an die Luxemburger Meldeämter weiter. Der Rundbrief – so mein ergänzender Kommentar –, begnügte sich damit, die Weisung Münzels sinngemäß und ohne weitere Erläuterungen an die untergeordneten Dienststellen in den Gemeinden zu übermitteln. Schließlich zitiert Scuto ausgiebig ein in seinen Augen erwiesenes Schlüsseldokument vom 16. Oktober, laut dem die Luxemburger Fremdenpolizei sozusagen aus freien Stücken „fait du zèle et déplace d'emblée la question dans le cadre de la politique antisémite de l'occupant, en posant la question juifs/non juifs. Elle [Scuto zufolge: Fremdenpolizei; im Original steht „die Polizei“ , d. h. die Meldestellen in den Kommissariaten und den Kommunen] demande 1) comment traiter les Juifs avec un passeport d'apatrides [Achtung, im Original heißt es „deutsche [!] Juden […] die einen staatenlosen Pass besitzen“ . Das unterschlagene Attribut „deutsche“ hat, wie wir noch sehen werden, größere Bedeutung für die korrekte Interpretation des sogenannten „zèle“ -Dokuments vom 16. Oktober], 2) si les juifs allemands doivent être considérés comme des Allemands, 3) que faire en cas de demande de prolongement de l'autorisation de séjour ou de demande de carte d'identité pour étrangers par des Juifs allemands, s'il faut déclarer les anciennes autorisations de séjour valides jusqu'à nouvel ordre et 4) comment procéder avec les Juifs polonais [Originalsatz: „Ist auch gegenüber den polnischen Juden in derselben Weise zu verfahren.“

So weit so gut, …wenn der geschilderte Ablauf denn tatsächlich mit den Begebenheiten übereinstimmen würde. Dem Leser wird nämlich vorenthalten, dass es zwischenzeitlich, am 5. Oktober, also anderthalb Wochen vor dem „zèle“ -Dokument vom 16. selben Monats, noch eine weitere, zweite Anweisung von Münzel gab! Sie liegt in derselben Aktenmappe ANLux, AE-03834, aus der auch die drei vorerwähnten Unterlagen stammen (das Dossier umfasst insgesamt nur acht durchnummerierte Schriftstücke). Nun, in dieser zweiten Verfügung des CdZ gab es weitere fünf Anweisungen für die hiesigen Standesämter und Polizeidienststellen. Die ersten drei Direktiven bezogen sich ausschließlich auf die Ausstellung, Verlängerung oder Erneuerung von Pässen oder Identitätskarten für Bürger luxemburgischer Nationalität. Sie sind für uns hier von keinem Belang. Interessant wird es dann bei den Direktiven 4 und 5, wobei Absatz vier offenkundig von einem Luxemburger Amtsträger mit einem blauen Bleistift besonders hervorgehoben wurde. Wir lesen darin: „4.) Die Ausstellung von Staatenlosenpässen oder Nansenpässen hat bis auf weitere Weisung ebenfalls zu unterbleiben. Die seit dem 10. Mai ds.Js. [dieses Jahres] bereits ausgestellten Pässe obenbezeichneter [sic] Art sind mir [CdZ] nachträglich vorzulegen“. In Absatz fünf heißt es weiter: „Einbürgerungen von Staatsangehörigen aller [!] Kategorien in Luxemburg sind bis auf Weiteres nicht mehr statthaft. Etwa seit dem 10. Mai ds.Js. vorgenommene Einbürgerungen sind [dem CdZ] mit den entsprechenden Aktenunterlagen einzureichen. Die Entscheidung in diesen Fällen behalte ich [CdZ] mir vor.“

Die zweite Münzel-Verordnung sprach zwar nicht direkt von Juden; die Polizisten und die Gemeindebeamten im Lande hatten aber sofort verstanden, dass Absatz 4 den israelitischen Einwanderer galt.
Die zweite Münzel-Verordnung sprach zwar nicht direkt von Juden; die Polizisten und die Gemeindebeamten im Lande hatten aber sofort verstanden, dass Absatz 4 den israelitischen Einwanderer galt.
Illustration: Archives nationales

Auch ohne dass ausdrücklich von Juden gesprochen wurde, begriffen sogar rangniedere Polizei- und Zivilstandsbeamte in den Gemeinden sofort, um wen es vordergründig in § 4 geht: Unter Staatenlosen und Trägern von Nansenpässen (so benannt nach dem norwegischen Polarforscher Fridtjof Nansen, der sich nach dem russischen Bürgerkrieg als vom Völkerbund nominierter Hochkommissar um Notleidende und Flüchtlinge während der frühen 1920er-Jahre im ehemaligen Zarenreich verdient gemacht hatte) war die Anzahl osteuropäischer Juden gemeinhin halt besonders hoch. Weil auch diesmal die Verwaltungskommission jede zusätzliche Erläuterung zur praktischen Durchführung der neuerlichen Nazibestimmungen verweigerte – ich erblicke hierin einen weiteren Hinweis auf Wehrers sture Politik, die Befehle der Besatzer zwar gemäß der Haager Landkriegsordnung an die Verwaltung weiterzuleiten, 
ohne sich aber in irgendeiner Weise um ihren Inhalt zu scheren und um sich ja nicht mit ihm zu identifizieren -, rannten die vor Ort in den Anlaufstellen für ausländische Antragsteller mit dem täglichen Geschäft betrauten Gemeindebediensteten dem „commis de bureau“ im Luxemburger Justizministerium, René Jauchem, die Schreibstube ein. Sie wollten von ihm oder seinem Vorgesetzten, Regierungsrat Emil Brisbois, wissen, was sie denn nun konkret in den vier bereits umrissenen Fällen mit Pässen staatenloser, deutscher und polnischer Einwanderer jüdischer Abstammung, bzw. ihrer Fremdenkennkarten und Aufenthaltsgenehmigungen unternehmen sollten.

Tags darauf, am 17. Oktober, sandte Brisbois den von seinem Untergebenen Jauchem zusammengefassten 
Fragenkatalog – das „zèle“-Dokument – dann an Wehrer. Seine aufschlussreichen, für den Kommissionspräsidenten bestimmten Bemerkungen setzte er auf denselben Briefbogen, der – ich hebe dies hervor, weil es für eine genaue Einschätzung des Vorgehens der Luxemburger Beamten wichtig zu wissen ist – ein internes Papier der großherzoglichen Justizverwaltung ist, das die Nazis in dieser Form aller Voraussicht nach nie zu Gesicht bekamen. Das „zèle“-Dokument, anhand dessen man ja den vermeintlichen Übereifer unserer Landsleute beweisen möchte, deutet nämlich im Gegenteil den ganzen Irrsinn der Münzel-Verordnungen von September und Oktober an, den Brisbois, zumindest zwischen den Zeilen, gehörig aufs Korn nimmt: Münzel möchte gerne, dass die Deutschen in Luxemburg nicht mehr als Ausländer behandelt werden, vergisst aber prompt, dass die Nazis selbst gleich drei verschiedene Typen Deutscher geschaffen haben: die reichsdeutschen Normalbürger, die jüdischen Reichsdeutschen und die deutschen Juden mit Staatenlosen-Status.

Da Brisbois, Jauchem, die Polizisten und die Gemeindebeamten bei aller deutschen Propaganda sofort verstanden hatten, dass es doch „nicht im Sinn der Verordnung des Chefs der Zivilverwaltung ist, den deutschen Juden eine Vorzugsstellung zu erteilen“ , lachten sie sich wohl zunächst einmal herzlich ins Fäustchen, ließ doch der wiehernde Amtsschimmel hier seine ach so deutsche Gründlichkeit arg vermissen. Ernster wurde es allerdings bei der im Raum stehenden Frage: was nun? Sollte man unverfroren Münzel ins Messer laufen lassen, indem man seine erste Verordnung vom 11. September, die nicht von Juden sprach, einfach 1:1 umsetzen, d. h. alle Deutschen gleich als Nicht-Fremde (also im Sinne des CdZ den „luxemburgischen Staatsangehörigen gleichgestellt! (13)) behandeln? Zu einer solch dreisten Bloßstellung der Nazis fehlte jedoch offenbar der Mut. Also musste vorab geklärt werden, was zu geschehen hatte. Brisbois erblickte dabei einen weiteren Widerspruch, der den ganzen Rassenwahn offenbarte.

Eine handschriftlich von ihm an den Rand des „zèle“-Dokuments gekritzelte Notiz – von der weder im Scuto-Artikel noch im Artuso-Bericht die Rede geht – lenkt uns auf die richtige Spur: Bezugnehmend auf die deutschen Juden, die einen Staatenlosenpass besitzen, konstatierte Brisbois: „d[iese] J[uden] besitzen St[empel]Pass mit Genehmigung der Feldk[ommandantur] ohne dass feststeht dass sie der Reichsangehörigkeit verlustig seien. Stempelpässe waren von den Behörden jenseits der Mosel im Oktober 1938 eingeführt worden. Ein ihnen aufgedruckter „Judenstempel‟“, ein rotes „J“, sollte es leichter machen, Juden beim Grenzübertritt sofort zu erkennen. Das Makel im Reisepass war leider auch äußerst hinderlich bei der Emigration, da manche Aufnahmeländer, wie die Schweiz, zusätzliche Anforderungen an die Besitzer solcher Ausweisdokumente stellten.

Schnellschüsse bringen uns daher nicht weiter. Sie richten nur noch mehr Durcheinander (sprich: Unheil) an.

Hiervon ausgehend – das war Regierungsrat Brisbois sofort klar – waren die neuen Bestimmungen des CdZ eigentlich ein Segen für deutsche Juden. Der Luxemburger hohe Justizbeamte ahnte doch gleich, welches die Antwort von Münzel und Konsorten sein würde, nämlich dass deutsche Juden eben nicht gleich zu behandeln seien wie Reichsdeutsche. Daraus ergab sich konsequenterweise die Schlussfolgerung, dass sie sich im Großherzogtum „in den Besitz einer Identitätskarte für Fremde setzen“ müssten. Mit anderen Worten: Sie tauschten einen deutschen Pass mit dem roten „J“ gegen eine luxemburgische Fremdenkarte ein, auf der, außer vielleicht dem Namen, nichts mehr ihre Religionszugehörigkeit verriet!

Haben Brisbois und Jauchem deshalb auch gleich nachgelegt mit dem Hinweis auf die ungeklärte Behandlung polnischer und staatenloser osteuropäischer Juden, wohl wissend dass Träger von Nansenkarten noch größeren Schwierigkeiten bei der Weiterreise nach Übersee begegneten als Inhaber deutscher Judenpässe? Egal, ob es den Luxemburger Beamten bei der Aufstellung ihres Fragenkatalogs an die Besatzer insgeheim darum ging, sozusagen durch die Hintertür eine Aufwertung von jüdischen Identitätsdokumenten vorzubereiten oder nicht, Fakt ist, dass sich mehrfach gerade mit eben solchen Luxemburger Fremdenkarten flüchtige Juden in den belgischen, niederländischen und amerikanischen Konsulaten im unbesetzten Frankreich, zwar nicht ganz legal, aber immerhin, lebensrettende Ausreisevisen besorgten. Dafür gibt es ausreichend verdeckte Hinweise in den Unterlagen von Antoine Funck und der Croix Rouge Luxembourgeoise en France.

Kurz vor Abschluss der Redaktion des vorliegenden Beitrags wurde, buchstäblich in letzter Minute, Korrespondenz zwischen Wehrer und dem CdZ ausfindig gemacht (ANLux, CdZ-A-3029), aus der hervorgeht, dass es wegen Münzels zweiter Verordnung vom 5. Oktober sogar fortan möglich war, deutschen, polnischen und anderen osteuropäischen Juden nicht nur eine Fremdenkarte, sondern einen luxemburgischen Staatenlosenpass auszustellen, und zwar beglaubigt von der deutschen Passierscheinstelle, weil die Luxemburger Behörden laut § 5 der deutschen Bestimmungen vom 5. ja bekanntlich nicht mehr entscheidungsbefugt waren. Bemerkenswert ist, dass Wehrer bereits am 11. Oktober dem CdZ eine vom Konsistorium (!) aufgestellte Liste übergab mit Anträgen „für die Anfertigung von Reisepässen zwecks Auswanderung“.

Gleich am Tag nach der zweiten Münzel-Verordnung vom 5. Oktober stellte das jüdische Konsistorium eine Liste mit Antragstellern für Reisepässe aus. Die Aktion war mit Wehrer abgesprochen, vielleicht sogar von ihm veranlasst worden.
Gleich am Tag nach der zweiten Münzel-Verordnung vom 5. Oktober stellte das jüdische Konsistorium eine Liste mit Antragstellern für Reisepässe aus. Die Aktion war mit Wehrer abgesprochen, vielleicht sogar von ihm veranlasst worden.
Illustration: Archives nationales

Vier Tage später folgten zwei weitere Listen. Sie waren ebenfalls von der Kultusgemeinde zusammengestellt und vom Präsidenten der Luxemburger Verwaltungskommission eilends an den CdZ unter dem Hinweis auf eine „gefällige“ Bearbeitung weitergeleitet worden, ging es doch darum, keine Zeit zu verlieren, um möglichst viele außerhalb des Landes in Sicherheit zu bringen. Beide Male gab der deutsche Kriminal-Oberassessor seine Einwilligung: „Gegen die Auswanderung der obengenannten Juden best[e]hen staatspolizeilich keine Bedenken“. Es darf also davon ausgegangen werden, dass alle ihren Pass bekamen.

Merkwürdigerweise finden sich unter 20 stichprobenartig kontrollierten Namen, neben deutschen Israeliten, auch mindestens fünf polnische Juden, die ebenfalls auf der im Tageblatt abgedruckten „Polenliste“ stehen!? – Hatte Wehrer möglicherweise längst vor seinen Untergebenen die Chance begriffen, die sich aus der Kombination beider Anordnungen des CdZ ergab? Hatte er daraufhin kurzerhand die Anforderung von Ausweispapieren in Eigenregie angestoßen, unter Mithilfe des Bürochefs der Kultusgemeinde? In Absprache mit Präsident Nussbaum hatte letzterer bereits Ende Mai 1940 – vielleicht auf Betreiben von Wehrer – damit begonnen, jüdische Familien im Land anzuschreiben und sie aufzufordern, Namen, Vornamen, Geburtsdatum und -ort, Passnummer, Nationalität usw. einzusenden.

Als Erläuterung für die Datensammelaktion wurde den Familienoberhäuptern „zu Ihrer Orientierung“ mitgeteilt „dass wir [Konsistorium] die Daten dazu benötigen, um bei den hiesigen Behörden dahin zu intervenieren, dass die Ausreise genehmigt wird“ (14). Nur dank dieser frühzeitig auf privater Ebene angekurbelten „Personenstandsaufnahme“ war es überhaupt erst möglich geworden, rasch zu reagieren, indem man den Besatzern nun gleich haufenweise Anträge für Ausweispapiere vorlegen konnte. Es würde mich letztlich sogar wenig wundern, wenn die ganze Operation in ein und demselben Zusammenhang mit der Wehrer-Buckschen Visa-Beschaffungskampagne zugunsten der Ausreisewilligen stünde.

Was die auf das „zèle“-Dokument folgenden Schritte der Luxemburger Dienststellen anbelangt, gibt es noch weitere Ungereimtheiten, die Zweifel aufkommen lassen an der Scuto- bzw. Artuso-Version von Luxemburger Regierungsräten, die mit den Nazis sympathisiert hätten. Obwohl Brisbois Jauchems Probleme mit der praktischen Durchführung der Münzel-Anweisungen hatte, die er, wie erwähnt, am 17. Oktober zusammen mit seinen Bemerkungen an Wehrer geschickt hatte, unternahm der Kommissionspräsident allem Anschein nach nichts, um den Sachverhalt zu klären. Verweigerte er nach wie vor beharrlich eine auch nur andeutungsweise konstruktive Zusammenarbeit mit dem Okkupanten? Am 24. Oktober wurde er von der Gestapo verhaftet. Am gleichen Tag fand eine Hausdurchsuchung im Verwaltungskommissionsgebäude statt. Der Druck der Nazis auf die unlängst mit Deutschen infiltrierten heimischen Behörden wuchs somit ungemein (hierzu und zu der sich aus der Unterwanderung ergebenden rapide schwindenden Machtbefugnis der Luxemburger Beamten warten wir noch immer auf unverzichtbare Ergänzungen des Artuso-Berichts). Ausgerechnet Louis Simmer, das wegen seiner Ängstlichkeit und seines Loyalitätssyndroms schwächste Glied der Wehrer-Mannschaft, leitete den Fragebogen dann erst am 31. Oktober an den CdZ weiter, und zwar in einer verkürzten, weit weniger expliziten, dafür aber zielführenden Fassung, die es darauf absehen hatte, die prekäre Rechtslage ausländischer Juden zu verbessern und ihnen durch die sich abzeichnenden Optionen wenigstens minimalen Rechtsschutz vor willkürlicher Abschiebungen zu gewähren: „Die Frage wurde nun aufgeworfen, wie in diesem Zusammenhang die deutschen Juden zu behandeln sind, d. h. ob dieselben als Reichsdeutsche anzusehen sind. Eine Anzahl solcher Juden hat eine Aufenthaltsverlängerung bezw. die Fremdenkarte beantragt. Ist diesen Anträgen stattzugeben […], oder soll den Antragstellern mitgeteilt werden, dass die Aufenthaltserlaubnis bis auf Widerruf gültig ist. Ist auch gegenüber den polnischen Juden in letzterer Weise zu verfahren??“ (15)

Der aufmerksame Leser hat es bemerkt: Von den staatenlosen deutschen Juden geht keine Rede mehr. Ihr Fall war durch ein „Telefonat Jauchem 31.X.40“ bereits geregelt worden, so eine weitere, nachträglich auf das „zèle“-Dokument hinzugefügte handschriftliche Notiz. Beim jetzigen Stand der Ermittlungen ist leider nicht festzustellen, wer wen angerufen hat: Jauchem den CdZ oder etwa der CdZ Jauchem? Über den weiteren Inhalt des Gesprächs ist auch nichts gewusst. Es kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass Jauchem über Fernsprecher auch die übrigen drei nicht geklärten Fälle angesprochen hatte, worauf sein deutsches Gegenüber nach bestbekannter preußischer Sofortmanier eine schriftliche Abfassung der noch verbleibenden drei ungelösten Fälle verlangt haben könnte. Das macht um so mehr Sinn, als Simmers Schreiben an Münzel offenkundig am selben Tag, aber erst nach dem Telefonat verfasst wurde. Also könnte auch hier ein ausdrücklicher, mündlicher Befehl vorliegen, bei dem, wer weiß, auch die Anfertigung einer Polenliste gefordert wurde …

Offenbar war es gelungen, jede Menge Luxemburger Staatenlosenpässe für ausländische Juden zu organisieren.
Offenbar war es gelungen, jede Menge Luxemburger Staatenlosenpässe für ausländische Juden zu organisieren.
Illustration: Archives nationales

Bei näherem Hinsehen erweist sich diese Aufstellung der „hierzulande angesiedelten Juden polnischer Abstammung“ ohnehin alles andere als gewissenhafte Arbeit übereifriger Luxemburger Funktionäre. In Wirklichkeit haben wir es zu tun mit einem höchst schlampig verfassten Verzeichnis, das aufgrund „sämtlicher Akten der Fremdenpolizei anhand der Namen und Vornamen der Interessenten“, die sich seit 19-wir-wissen-nicht-wie-viel bis Herbst 1940 irgendwann einmal im Land aufgehalten hatten, zusammengeschustert worden war. Darin finden sich, neben Luxemburgern sowie Polen, die keine Juden sind, vielleicht auch noch andere Staatsangehörige aus dem Baltikum, … und, allen voran, jede Menge Leute, die erst gar nicht mehr im Großherzogtum anzutreffen waren! Hätten Brisbois und/oder Jauchem tatsächlich den Nazis in vorauseilender Weise gefällig sein wollen – wie manche ihnen vorwerfen – dann hätten sie sich doch wenigstens die Mühe gemacht, das zu tun, was auch heute noch immer möglich ist: Sie hätten bei den Gemeinden angerufen, um bei den zuständigen Stellen in Erfahrung zu bringen, wer von den 480 ausgesonderten „Polen“ denn nun überhaupt noch ordnungsgemäß registriert sei. Ihre Überraschung wäre so groß gewesen wie die meine, nachdem die Archivarin der Stadt Luxemburg eine Überprüfung von 37 angeblich auf dem Gebiet der Hauptstadt ansässigen Personen, deren Name auf der Liste steht, durchgeführt hat. Sie konnte lediglich 15 Treffer verbuchen!

Kollege Paul Dostert hat mich unterdessen auf einen Bericht von Antoine Funck aus etwa demselben Zeitraum aufmerksam gemacht. Laut diesem seien nur noch höchstens um die 150 polnische Juden im Großherzogtum gewesen. Die Auskunft habe der oberste Verantwortliche für Flüchtlingsangelegenheiten in Südfrankreich aus „sicherer Quelle“ bezogen, vielleicht sogar von Nussbaum höchstpersönlich (16). Wenn also auf der vermeintlich aus Wohlgefallen dem CdZ übergebenen Liste mindestens die Hälfte bis mehr als zwei Drittel der Angaben schlicht falsch sind, dann frage ich mich, wie hilfreich sie wohl für die Judenjäger der Gestapo und des SD gewesen sein mochte? Nahezu alle Daten mussten erneut überprüft werden, als im Mai 1941 der CdZ das Einsatzkommando um die „demnächste [sic] Rückgabe“ der Polenliste bat, und zwar „möglichst mit Anmerke, welche Personen inzwischen abgeschoben worden sind oder sonst Luxemburg verlassen haben“ (17). Damals, in Ermangelung längst zerschlagener Luxemburger Verwaltungsstrukturen, bedienten die Nazischergen sich der jüdischen Kultusgemeinde, bzw. ihres Ältestenrats, um an die benötigten Informationen zu kommen.

„In höfl[icher] Erledigung Ihrer telephonischen Anfrage, teilen wir Ihnen mit, dass in Strassen eine Therese Hayum wohnhaft ist. Eine Gertrude Auguste Hayum war seinerzeit in Strassen, jetzt aber in Luxemburg 13, Bitburgerstraße ansässig. Es handelt sich bei Gertrude Auguste nicht um 2 Personen, sondern um nur eine Person“. Schreiben wie dieses von Büroleiter Siegmund Leib und Präsident Louis Sternberg an den Gauinspektor Ackermann der Abt. IV. A des CdZ finden sich zuhauf in den Ordnern des Konsistoriums (18). Darin liegen auch zahlreiche Abschriften von Listen, sei es von nach Nordamerika Ausgewanderten („Liste an den Chef der Zivilverwaltung in Luxemburg Abt. IV. A“, 24. 10. 1941), oder von Gemeindemitgliedern aus „verschiedenen Ortschaften Luxemburgs“ (sie trägt die Aufschrift „für Einsatzkommando“, 19. 11. 1941), oder Listen mit den „Namen derjenigen, die am 16. 10. 1941 nicht beim Polentransport waren“ (dieses am 10. Februar 1942 abgefertigte Dokument war „für das Einsatzkommando der Geheimen Staatspolizei und des SD. Abt. 2 E“ bestimmt), usw. (19) Könnte man den Vorstehern der israelitischen Gemeinde dafür einen Vorwurf machen? Nein! Eine derart simple Vorgehensweise würde der Komplexität des teuflischen Spiels der Nazi-Mörderbande keine Rechnung tragen und die extreme Not, in der sie sich wider Willen befanden, leichtfertig verkennen. Ich würde mich daher niemals erdreisten, sie an den Pranger zu stellen, wie andere Wehrer und dessen Kommissionsmitglieder, um sie voreilig und, wie sich nun herausgestellt hat, durch irrtümlich angelastetes Unrecht zu verurteilen.

Schnellschüsse bringen uns daher nicht weiter. Sie richten nur noch mehr Durcheinander (sprich: Unheil) an. Es macht jetzt auch in Zukunft wenig Sinn, beim Auftauchen jeder neuen Liste (ich habe deren bei meinen innerhalb kürzester Zeit durchgeführten Recherchen mindestens ein bis zwei Dutzend in Händen gehabt) gleich seitenweise Zeitungspapier zu schwärzen, wenn die näheren Umstände ihrer Erstellung ungeklärt sind, wenn Handlungsspielräume sowohl der Luxemburger Verwaltungskommission als auch der jüdischen Kultusgemeinde nahezu völlig unergründet bleiben und wenn das Handeln der einzelnen Akteure von einst aus ihrem Kontext herausgerissen wird. Solange dies nicht vernünftig durch eine leider höchst unspektakuläre, dafür aber langatmige und komplizierte Überprüfung der Zuständigkeiten und Verwaltungsmechanismen, z. B. bei der Erstellung von Visen oder Ausweispapieren aufgearbeitet wurde, mahne ich zur Vorsicht. Bis endlich Klarheit herrscht, gilt – wie in einem Rechtsstaat üblich – die Unschuldsvermutung.


(1) Siehe Tageblattausgaben vom 7. und 14.11.2015.

(2) ARTUSO V., La «question juive» au Luxembourg (1933-1941). L'Etat luxembourgeois face aux persécutions antisémites nazies.

(3) Bis wann kann man überhaupt von einer Luxemburger Verwaltungskommission reden? Mit dieser elementaren Frage hat sich der Artuso-Bericht nie wirklich auseinandergesetzt. Sie ist dennoch von kapitalster Wichtigkeit.

(4) Brisbois war im Justizministerium für die Fremdenpolizei zuständig. Er war, genau wie die Regierungsräte Léon Schaus und Adolphe Scholtus, aus uns bislang weder von Scuto noch von Artuso mitgeteilten Gründen nie in die Verwaltungskommission aufgenommen worden.

(5) ANLux, FD-261-07, Wehrer an jüdische Kultusgemeinde, 06.09.1940.

(6) ANLux, AE-03999-17, Démarche de M. Victor Buck, 05.07.1940.

(7) ANLux, FD-261-05, 11.11.1940.

(8) ANLux, FD-261-06, COMLUX an Kultusgemeinde, 09.12.1940.

(9) Ebenda.

(10) In Wahrheit blieb Nussbaum schon ab September 1940 in Portugal.

(11) ANLux, EPU-W-810, Mémoire confidentiel, 04.05.1946.

(12) Es handelt sich um ein Dossier des Luxemburger Außenministeriums mit dem Titel „Ausländerwesen – Ausweispolizeiliche Behandlung der Ausländer in Luxemburg‟.

(13) Bedenkt man, dass die Nazis die Eigentümlichkeit der Luxemburger überhaupt nicht anerkennen wollten, wird deutlich wie köstlich Wehrer, Brisbois und ihre Gefolgsleute sich bei der ganzen Angelegenheit wohl über Münzel und Konsorten mokiert haben könnten.

(14) ANLux, FD-261-06, Bürochef und Präsident der Kultusgemeinde an Hirsch, 29.05.1940.

(15) ANLux, AE-03834, Simmer an CdZ, 31.10.1940.

(16) Vgl. CERF P., op.cit., S. 152.

(17) CdZ-A-3020, CdZ an Einsatzkommando, 13.05.1941.

(18) ANLux, FD-261-06, 28.07.1941.

(19) Alle erwähnten Listen in: ANLux, FD-261-01.

Mein aufrichtiger Dank für ihre wertvolle Unterstützung gebührt den Kollegen aus dem Nationalarchiv Corinne Schroeder, Danielle Wilhelmy und Gilles Regener, der Stadtarchivarin Evamarie Bange sowie dem Historiker Paul Dostert. Nicht vergessen möchte ich auch den Kollegen Guy Weirich, der so freundlich war, das Manuskript Korrektur zu lesen.


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10.2. Min Etat / Rapport Uni Lux ueber Rolle der lux Verwaltung waehrend der Naziokkupation / Michel Pauly , Xavier Bettel , Vincent Artuso Foto: Guy Jallay
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