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Hirte in turbulenten Zeiten
In den Veränderungen sieht Jean-Claude Hollerich auch die Chance für die katholische Kirche in Luxemburg, sich neu aufzustellen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Hirte in turbulenten Zeiten

Foto: Pierre Matgé
In den Veränderungen sieht Jean-Claude Hollerich auch die Chance für die katholische Kirche in Luxemburg, sich neu aufzustellen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Politik 3 Min. 09.08.2018

Hirte in turbulenten Zeiten

Jean-Paul SCHNEIDER
Jean-Paul SCHNEIDER
Er ist ein Mann des Dialogs, der auch durchaus Tacheles reden kann.

Er ist ein Mann des Dialogs, der auch durchaus Tacheles reden kann. In seine bisherige Amtszeit fallen einschneidende Veränderungen wie die Trennung von Kirche und Staat oder die Territorialreform der Ortskirche. Erzbischof Jean-Claude Hollerich wird heute 60.

„Ich freue mich auf eine dynamische Kirche in Luxemburg.“ Mit diesen Worten schließt Jean-Claude Hollerich seine erste Ansprache als neuer Erzbischof von Luxemburg am 16. Oktober 2011.

Ohne Manuskript, aber mit viel Charisma erläutert der neue Oberhirte der Katholischen Kirche in Luxemburg die Deutung seines Wahlspruchs, „Annuntiate – Verkündigt“, und unterstreicht die besondere Bedeutung des Dialogs. „Lasst und gemeinsam wirken für eine bessere Welt“, vermittelt Erzbischof Hollerich Aufbruchstimmung.

Und es wird ein Aufbruch in eine neue Ära im wahrsten Sinne des Wortes.

Schwieriges Erbe

Mit der Übernahme des Bischofsstuhls tritt der einstige Ordensmann aus der christlichen Diaspora kein leichtes Erbe an.

Knapp ein Jahr nach seiner Weihe weht dem achten Bischof beziehungsweise dritten Erzbischof in der über 140-jährigen Geschichte des eigenständigen Bistums Luxemburg ein rauer Wind entgegen. Die Debatte über das Verhältnis zwischen Kirche und Staat, die bereits unter der vorangegangenen Regierung begonnen hat, gewinnt unter der blau-rot-grünen Regierungskoalition sehr an Intensität.

Nach langen und zähen Verhandlungen verständigen sich die Regierung und die Vertreter der Glaubensgemeinschaften am 19. Januar 2015 auf ein Abkommen, das das Verhältnis zwischen Staat und Kirchen neu definieren wird. Neben der Finanzierung der Kultusdiener geht es in dem Dokument auch um den Werteunterricht und die Neuregelung der Kirchenfabriken.

Für Jean-Claude Hollerich handelt es sich um einen Kompromiss, mit dem die katholische Kirche leben kann, „auch wenn er weh tut“. Weil die Regierung jedoch die Trennung von Staat und Glaubensgemeinschaften zur Priorität erklärt hat, macht die katholische Kirche gewissermaßen aus der Not eine Tugend: Sie stellt sich neu auf und konzentriert sich auf das Wesentliche.

In diesem Sinn versteht sich auch die Territorialreform. Sich dessen bewusst, dass die katholische Kirche im Umbruch und bereits längst von einer Volkskirche zu einer „Kirche im Volk“ mutiert ist, machen sich die engsten Mitarbeiter um Jean-Claude Hollerich Gedanken, wie man sich durch eine Neugliederung der Pfarreien am besten auf das neue Verhältnis zum Staat vorbereiten kann.

Mit der Eröffnung der Muttergottesoktave am 6. Mai 2017 werden 33 neue Pfarreien, die aus der Zusammenlegung von einst 274 in 57 Pfarrverbänden zusammengeschlossenen Pfarreien hervorgegangen sind, feierlich eingesetzt.

Stets im Kontakt mit Luxemburg

Jean-Claude Hollerich wurde am 9. August 1958 in Differdingen geboren. Nach der Primärschule in Vianden besuchte er die Schule der Herz-Jesu-Priester in Clairefontaine sowie das klassische Lyzeum in Diekirch, wo er das Abitur machte.

Früh wurden im Grand Séminaire de Luxembourg, in das er 1978 eintrat, seine außergewöhnlichen intellektuellen Fähigkeiten erkannt. Er wurde daraufhin umgehend nach Rom ans Collegium Germanicum und die Gregoriana-Universität geschickt, wo er 1981 seinen Abschluss in Philosophie machte.

Nach der Fortsetzung seiner Studien in Theologie folgte das Noviziat im Jesuitenorden im belgischen Wépion, wo Jean-Claude Hollerich 1983 seine ersten Gelübde ablegte. Darauf folgten pastorale Aktivitäten in Luxemburg.

Seine nachfolgenden Studien, Aktivitäten und Zuständigkeiten innerhalb seines Ordens führten Jean-Claude Hollerich s.j. bereits Mitte der 1980er-Jahre an die Sophia-Universität des Jesuitenordens in Tokio, wo er ein weiterführendes Theologiestudium absolvierte.

Es schlossen sich zwischenzeitlich Studien in Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen (Frankfurt a. M.) und Germanistikstudien an der Ludwig-Maximilian-Universität München sowie pastorale Zuständigkeiten an der Erzdiözese Luxemburg im Bereich der Vorbereitung auf den Priesterberuf an, ehe der 1990 in Brüssel ordinierte Jesuit wieder erste Lehrtätigkeiten an der Sophia-Universität in Tokio aufnahm.

Dort wurde ihm 2006 die Professur für Europastudien angetragen, ehe er nur ein Jahr später die Leitung der Abteilung für Deutschstudien sowie des europäischen Instituts der Universität übernahm, deren Vizepräsident er 2008 wurde.

Am 8. März 2018 wurde Jean-Claude Hollerich als Nachfolger des Münchner Erzbischofs Reinhard Kardinal Marx zum Vorsitzenden der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (Comece) gewählt.


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