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Häusliche Gewalt: Stabile Zahlen, aber noch zu hoch
Politik 3 Min. 25.09.2019 Aus unserem online-Archiv

Häusliche Gewalt: Stabile Zahlen, aber noch zu hoch

"Wehr Dich, Du bekommst geholfen", ist die Botschaft der neuen Kampagne.

Häusliche Gewalt: Stabile Zahlen, aber noch zu hoch

"Wehr Dich, Du bekommst geholfen", ist die Botschaft der neuen Kampagne.
Foto: Shutterstock
Politik 3 Min. 25.09.2019 Aus unserem online-Archiv

Häusliche Gewalt: Stabile Zahlen, aber noch zu hoch

Annette WELSCH
Annette WELSCH
739 Polizeieinsätze und 231 Wegweisungen führt der jährliche Bericht an, den Gleichstellungsministrin Taina Bofferding (LSAP) zusammen mit einer neuen Kampagne vorstellte.

Seit 2003 gibt es das Gesetz zur häuslichen Gewalt und seitdem gibt es auch das "Comité de coopération entre les professionnels dans le domaine de la lutte contre la violence". Polizei und Staatsanwaltschaft sowie die verschiedenen Organisationen, die Opfern und Tätern Hilfe und Beratung anbieten sind dort vertreten und es wird jährlich ein Bericht erstellt. Am Mittwoch stellte Gleichstellungsministerin Taina Bofferding (LSAP) ihn vor. 

Proportional zum Bevölkerungswachstum sind 2018 die Interventionen der Polizei bei Gewalt im häuslichen Umfeld  um 3,4 Prozent gestiegen. "Die Zahlen sind stabil, aber schockierend und immer noch zu hoch", sagte Bofferding. "Es ist wichtig, darüber zu sprechen, um die Gewalt in Beziehungen aus der Tabuzone herauszubekommen. Jeder, der Kenntnis von solche Vorfällen hat, trägt Verantwortung - keiner hat das Recht, die Hand gegen einen anderen zu erheben."  

Wird es als Familiendrama verharmlost, macht man es dem Opfer noch schwerer, sich zu wehren

Taina Bofferding

Insgesamt wurde die Staatsanwaltschaft im vergangenen Jahr mit 869 Fällen von häuslicher Gewalt befasst. Von den 739 Fällen, die zu Einsätzen der Polizei geführt haben, kam es zu 231 Wegweisungen des Täters. Das waren 24 Einsätze und 14 Wegweisungen mehr als 2017. In jedem dritten Fall  - 70 an der Zahl - wurde die Wegweisung auf drei Monate verlängert.  69 Prozent der Täter sind Männer. Mit 87 Prozent sind öfter und mit schwereren Folgen Frauen die Opfer von solchen Gewalttaten - 13 Prozent sind Männer.


Mit einer gewalttätigen Person muss niemand zusammenleben. Die Polizei kann dem Täter den Zutritt zur Wohnung und den Kontakt zum Opfer zeitweise verbieten.
Häusliche Gewalt: Wegweisung als letzter Ausweg
In 231 Fällen wurde im vergangenen Jahr eine Wegweisung ausgesprochen. Dies, weil aufgrund von häuslicher Gewalt ein familiäres Zusammenleben eine Person in Gefahr gebracht hätte.

Die Prävention schwerer Gewalt und Todesfällen verbessern

Das Comité spricht auch Empfehlungen aus in seinem Bericht. So wünscht man sich eine Professionalisierung bei den Statistiken, die von der Polizei, der Staatsanwaltschaft und Riicht Eraus, der Organisation, die mit Tätern arbeitet geführt werden und in ihrer Qualität nicht einheitlich sind. Man möchte auch die Prävention von schweren Gewaltfällen bis hin zum Totschlag verbessern: Wie kann systematisch besser erfasst werden, wenn im Vorfeld auf solche Fälle hingewiesen wird?   

Ziel ist und bleibt es, die Zahlen zu senken. "Wir müssen die richtigen Schlüsse ziehen und bei den Ursachen sexualisierter Gewalt ansetzen: den Stereotypen des starken Mannes und der schwachen Frau, die Opfer dazu bringen, sich selbst die Schuld zu geben, aber auch verdecken, dass auch Frauen auf Gewalt zurückgreifen können", sagte die Ministerin, die eine Studie zu Stereotypen bei der Universität Luxemburg in Auftrag gegeben hat. 

Neue Kampagne "Gewalt tut weh"

Auch eine neue Sensibilisierungskampagne  soll helfen. Mit Faltblättern und Postern werden die verschiedenen Formen der Gewalt gezeigt und die Botschaften verbreitet: Wehr Dich, Dir wird geholfen, Du bist nicht schuld, Du bist nicht allein, rede mit Deinem Umfeld darüber. "Man sollte nicht zögern, sich Hilfe zu suchen, auch wenn es schwer fällt", appellierte Bofferding.   

Eine wichtige Rolle im Kampf gegen Partnergewalt spielen die Opfer- und Täterorganisationen. Denn gesetzlich festgelegt ist, dass sich Täter innerhalb von einer Woche bei "Riicht Eraus" melden müssen, wo ihnen Hilfsangebote unterbreitet werden, um das Gewaltproblem in den Griff zu bekommen. Der "Service d'assistance aux victimes de violence domestique (SAVVD) geht dagegen pro-aktiv vor und kontaktiert die Opfer innerhalb von 24 Stunden, um eine kostenlose persönliche Betreuung anzubieten. 


2017 wurden der Luxemburger Polizei insgesamt 715 Fälle häuslicher Gewalt gemeldet.
Drei Verstöße und du bist raus
Wer in Arlon drei Mal binnen zwölf Monaten wegen häuslicher Gewalt auffällig wird, der wird seit dem 1. Januar sofort inhaftiert. Das hat die dortige Staatsanwaltschaft entschieden. In Luxemburg beruft man sich auf gezieltere Maßnahmen, um das Problem anzugehen.

Riicht Eraus war 2018 mit 409 Dossiers befasst, davon bestand die Hälfte (226 Fälle) aus weggewiesenen Gewalttäter. Die anderen Täter kamen freiwillig oder aufgrund einer anderen juristischen Anordnung. 92 Prozent waren Männer und die Klientel kam aus 43 verschiedenen Ländern.  





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