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Großdemo im Gesundheits- und Sozialbereich: Raus aus der Sackgasse
Politik 3 Min. 02.06.2016 Aus unserem online-Archiv

Großdemo im Gesundheits- und Sozialbereich: Raus aus der Sackgasse

Ihre Vorstellungen haben die Gewerkschaften Anfang Mai dem Kammerpräsidenten Mars Di Bartolomeo übermittelt.

Großdemo im Gesundheits- und Sozialbereich: Raus aus der Sackgasse

Ihre Vorstellungen haben die Gewerkschaften Anfang Mai dem Kammerpräsidenten Mars Di Bartolomeo übermittelt.
Foto: Anouk Antony
Politik 3 Min. 02.06.2016 Aus unserem online-Archiv

Großdemo im Gesundheits- und Sozialbereich: Raus aus der Sackgasse

Bérengère BEFFORT
Bérengère BEFFORT
Für Samstag, den 4. Juni, haben die Gewerkschaften mehr als 20 000 Arbeitnehmer des Gesundheits- und Sozialbereichs zum Protestmarsch in der Hauptstadt aufgerufen. Personalvertreter sprechen im Vorfeld von der lang ersehnten Aufwertung der Karrieren.

Von Bérengère Beffort

Joël Scholtes, Personaldelegierter in der Stëftung Hëllef Doheem, ist überzeugt: Diesmal muss etwas im Gesundheits- und Pflegebereich passieren. Spätestens jetzt und vor dem Hintergrund der Reform des öffentlichen Diensts sollen auch die angegliederten Sektoren mit Pflegeheimen, Krankenhäusern und weiteren sozialen Einrichtungen in den Genuss von Verbesserungen kommen. „Die Aufwertung der Karrieren ist längst überfällig. Leider fehlt der nötige Drift bei den Arbeitgebervertretern und in der Regierung.“

Zunächst zum Tatbestand: Im Gesundheits- und Sozialbereich wütet ein Konflikt. Nicht erst seit einigen Monaten, sondern schon seit Jahren. Die Gewerkschaften drängen auf eine richtige Einstufung der Mitarbeiter auf Basis der Abschlüsse, so wie es auch im Staatsdienst vonstatten geht. Doch bislang mussten die Beschäftigten finanzielle Einbußen hinnehmen.

Mehr Anerkennung bei den Karrieren

Es geht um konkrete Lohnerhöhungen und um eine prinzipielle Anerkennung in den Kollektivverträgen. Wenn die beruflichen Qualifizierungen für die Karrieren im öffentlichen Sektor ausschlaggebend sind, müssten sie entsprechend honoriert werden, verlangen die Gewerkschaften LCGB und OGBL.

„Wir haben ein Zugeständnis der Regierung erhalten. So wie es Artikel 28 unseres Kollektivvertrags besagt, sollen den Beschäftigten des öffentlichen Gesundheits- und Sozialwesens die gleichen Entwicklungen wie den Staatsbediensteten zustehen“, erklärt LCGB-Vertreter Joël Scholtes.

Konkret handelt es sich um eine einmalige Prämie von 0,9 Prozent und eine Punkwerterhöhung von 2,2 Prozent. Darüber hinaus erwarten die Arbeitnehmervertreter eine allgemeine Aufwertung der Karrieren. Zurzeit würden die Berufe in den Gehältertabellen nicht gebührend anerkannt. Ein Pfleger mit einem 14e-Abschluss erhalte einen Lohn, welcher der staatlichen Einstufungen einer 11e entspricht. Unterbewertet seien ebenfalls die Krankenschwestern, Aide-soignants und Sozialpädagogen, wie OGBL-Gewerkschaftssekräterin Nora Back schon mehrmals angeprangert hat. Diese Ungleichheiten gelte es zu beheben.

„Schiere Ungerechtigkeit“

„Eigentlich ist es eine schiere Ungerechtigkeit. Neue Berufsbilder wie die Auxiliaire de vie sind in den Kollektivverträgen gar nicht als solche vorgesehen und werden folglich nicht entsprechend bezahlt“, führt Joël Scholtes ein weiteres Beispiel aus seinem Berufssektor an. Über den finanziellen Ausgleich hinaus, verweist er vor allem auf die notwendige Wertschätzung. „Die Kunden von Pflegediensten sind mit den Leistungen sehr zufrieden. Die Arbeitgeber wollen die Fachkompetenz der Mitarbeiter aber leider nicht richtig anerkennen“, beklagt der Personaldelegierte.

Damit die Gespräche vorankommen, muss der nötige Finanzbedarf aus der Staatskasse ermittelt werden. Genaue Berechnungen für ein globales Budget wurden allerdings noch nicht getätigt. Die zuständige Commission paritaire, die den finanziellen Umfang für den sozialen Bereich bestimmen soll und sich aus Vertretern der Arbeitgeber, der Gewerkschaften und der Regierung zusammensetzt, hat kein einziges Mal getagt. Das Gesamtbudget ist aber ausschlaggebend, damit weiterführende Verhandlungen zum Kollektivvertrag voranschreiten.

Fehlende Berechnungen

Bislang scheint sich wenig zu bewegen. Das sorgt bei den Arbeitnehmervertretern für böses Blut. Patronatsvertreter berichten ihrerseits von der Sorge, dass die Rechnung nicht aufgehen könnte. Wenn die Regierung nicht mehr Geld aufbringe, käme es zu Verschlechterungen im Sektor. So wird der Ball zwischen den jeweiligen Unterhändlern weitergespielt. Mit einem konkreten Ergebnis: „Die Beschäftigten müssen noch immer warten. Für sie geschieht rein gar nichts“, so Joël Scholtes.

In den Gewerkschaftszentralen reißt allmählich der Geduldsfaden. „Wir vermissen einen Willen auf Arbeitgeber- und Regierungsseite, damit wir endlich vorankommen. Hier wird Zeit und Geld gespart. Die Mitarbeiter sind die Leidtragenden“, monieren Arbeitnehmervertreter.

Ohne Berechnungsmodell und genaue Zahlen stecke man in der Sackgasse, meint auch LCGB-Vertreter Roger Zwally, der die Anliegen der Beschäftigten im Centre hospitalier Emile Mayrisch (Chem) verteidigt. Was jetzt passiere, sei eine „unhaltbare Hinhaltetaktik“. Mit einer großen Kundgebung wollen die Gewerkschaften Druck machen für eine Aufwertung der Karrieren und die Umsetzung des Gehälterabkommens im Gesundheits- und Pflegebereich. Den Vorschlag der Krankenhäuserföderation FHL, schrittweise vorzugehen, und die allgemeine Aufwertung einstweilen aufzuschieben hält Roger Zwally für inakzeptabel.

Die Verhandlungen stecken zurzeit fest, beklagen die Gewerkschaften. Deshalb werde man raus auf die Straßen gehen. Stillsitzen und weiter abwarten, sei jedenfalls nicht mehr möglich.


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