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Gewalt an Kindern: "Manche Eltern sind schlicht überfordert"
Politik 2 Min. 08.07.2016 Aus unserem online-Archiv

Gewalt an Kindern: "Manche Eltern sind schlicht überfordert"

"Jede Woche sind wir mit Fällen von geschüttelten Babys konfrontiert. Das ist die traurige Realität", schildert Dr. Idoya Perez der Alupse.

Gewalt an Kindern: "Manche Eltern sind schlicht überfordert"

"Jede Woche sind wir mit Fällen von geschüttelten Babys konfrontiert. Das ist die traurige Realität", schildert Dr. Idoya Perez der Alupse.
Foto: Shutterstock
Politik 2 Min. 08.07.2016 Aus unserem online-Archiv

Gewalt an Kindern: "Manche Eltern sind schlicht überfordert"

Bérengère BEFFORT
Bérengère BEFFORT
Besteht ein Misshandlungsverdacht von Eltern an Kindern, gilt es früh einzugreifen. Zur Gewaltprävention und Früherkennung von Vernachlässigungen geht die Vereinigung Alupse eine verstärkte Zusammenarbeit mit den Spitälern ein.

(BB) - Das Kind schrie, so viel, so laut. Den Eltern riss der Geduldsfaden. Der Kleine sollte endlich ruhig sein. Dann kam es zum fatalen Schütteln.

In den Spitälern haben Ärzte öfters mit den Folgen von Schütteltraumata und anderen Misshandlungen zu tun. Viel zu oft, wie aus den Zahlen der Alupse, einer Vereinigung zum Schutz der Kinder gegen Misshandlungen und Vernachlässigungen, hervorgeht. Voriges Jahr befasste sich die Vereinigung mit 300 Kindern, bei denen verschiedene Gewaltformen festgestellt worden waren.

"Jede Woche sind wir mit Fällen von geschüttelten Babys konfrontiert. Die Kleinen riskieren lebenslange Behinderungen davonzutragen. Das ist die traurige Realität und deshalb dürfen wir nicht wegschauen", sagt Dr. Idoya Perez, Kinderärztin und Direktionsbeauftragte der Alupse.

Eine neue Konvention zwischen der Alupse, den vier Spitalgruppen des Landes und dem nationalen Gesundheitslaboratorium (LNS) soll die Früherkennungsarbeit bestärken. Bei suspekten blauen Flecken und Knochenbrüchen, bei mehreren Brandwunden sowie bei psychischen Störungen müssen bei den Ärzten und dem Pflegepersonal die Alarmglocken läuten: Was ist mit diesem Kind los? Was sagen die Eltern dazu?

"Wenn Medien berichten, dann ist das Schlimmste schon passiert. Dann ist das Kind tot oder verschwunden. Die Frage ist: Was machen wir im Vorfeld, damit es gar nicht so weit kommt?", skizziert Gesundheitsministerin Lydia Mutsch die Herausforderung.

Früh eingreifen

Weil die Krankenhäuser erste Anzeichen mitbekommen können, sollen sie als Partner der Alupse eine wichtige Rolle einnehmen. "Wir sind als Ärzte auf die Erklärungen der Eltern angewiesen. Deshalb müssen wir im Zweifelsfall näher hinschauen und die Risikofaktoren schnell erkennen", erläutert Dr Perez. Es gilt, bei Vernachlässigungen und Misshandlungen früh einzugreifen und je nach Schwere des Falls eine geeignete Lösung zu finden. Die Alupse begibt sich demnach jede Woche in die Krankenhäuser, um sich mit den Pflegern und Ärzten auszutauschen.

Scheint sich ein Elternteil vom Kind zu distanzieren und seine Rolle nicht mehr wahrnehmen zu können, muss die Beziehung wieder schnell hergestellt werden. Eltern sollen begleitet und unterstützt werden, damit "sie ihre Probleme nicht am Kind austragen", so Ministerin Lydia Mutsch. Mit der verstärkten Zusammenarbeit in allen Spitälern würden nun wichtige Weichen für eine Sozialpädiatrie auf nationaler Ebene sichergestellt.

Wenn Eltern zu Tätern werden

Doch wer sind diese Eltern, die sich gewaltsam an Kindern vergreifen? Oft geht es mit psychischen Problemen und Abhängigkeiten einher. Aber nicht nur. "In der breiten Öffentlichkeit herrscht die Meinung, dass Eltern, die ihren Kindern etwas antun durchaus böse sind. Manche Eltern sind nur schlicht überfordert", erklärt Dr. Perez.

Die materielle Situation einer Familie würde hier eine untergeordnete Rolle spielen, so die Kinderärztin weiter.

In Luxemburg sei die Situation nicht schlimmer als im Ausland. Das Gewaltphänomen an Kindern dürfe aber nicht heruntergespielt werden. Die Direktionsbeauftragte der Alupse ruft zur breiten Mobilisierung von Ärzten, Pflegern, Justiz- und Polizeivertretern sowie Sozialarbeitern auf. "Die Gewalt an Kindern ist eine traurige Realität und dafür sollten wir gemeinsam daran arbeiten", so Idoya Perez abschließend.

Mehr Infos zur Arbeit der Alupse gibt es im Netz unter alupse.lu


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