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Fallpauschale ist kein Wundermittel
Politik 11.08.2015 Aus unserem online-Archiv
Reform der Pflegeversicherung

Fallpauschale ist kein Wundermittel

Ab 2017 soll die Reform der Pflegeversicherung greifen, hatte Sozialminister Romain Schneider angekündigt.
Reform der Pflegeversicherung

Fallpauschale ist kein Wundermittel

Ab 2017 soll die Reform der Pflegeversicherung greifen, hatte Sozialminister Romain Schneider angekündigt.
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Politik 11.08.2015 Aus unserem online-Archiv
Reform der Pflegeversicherung

Fallpauschale ist kein Wundermittel

Die "Patiente Vertriedung" erkennt Verbesserungsmöglichkeiten bei der Pflegeversicherung. Mit der Einführung von Pflegestufen drohe sich aber die Qualität der Leistungen für die Patienten zu verschlechtern.

(BB) - Eine Dusche: 17,5 Minuten. Zusätzliches Anziehen: 7,5 Minuten. Auf solchen Zeitangaben beruhen die jetzigen Leistungen der Pflegeversicherung. Der reellen Vorgehensweise entspricht es fast nie, klagen Mitarbeiter des Pflegesektors. Mal müsse man mehr Zeit mit stark pflegebedürftigen Personen einplanen, mal sei die Leistung schnell erbracht.

Die Patiente Vertriedung streicht hingegen den Mehrwert des jetzigen Modells hervor: Es sei individuell an den Bedürfnissen des Patienten ausgerichtet, jede Leistung könne transparent und leicht nachvollziehbar von der Pflegeversicherung bestimmt und von den Dienstleistern durchgeführt werden. Und vor allem: Es sei viel besser als ein undifferenziertes System mit Fallpauschalen und Pflegestufen.

Individuelle Bedürfnisse

"Das jetzige System ist gut auf die einzelnen Pflegepersonen zugeschnitten. Wenn ein Dienstleister in Zukunft hundert Euro für ein Pflege-Package bekommt, das einer Pflegestufe entsprechen soll, dann ist unklar, was noch gewährleistet wird. Für die Patienten wäre es eine Verschlechterung", gibt René Pizzaferri, Vorsitzender der Patientenvertretung, zu bedenken.

Dass das jetzige System einige Mängel aufweist, bestreitet er nicht. Sollte ein Pflegeplan zu eng getaktet sein, seien allerdings einfache Anpassungen möglich. "Dann müssen die gewährten Leistungen und Minuten mit der Pflegeversicherung neu ausgehandelt werden. Es ist also Verhandlungssache", meint Pizzaferri. Bei der Reform der Pflegeversicherung solle das jetzige "Minuten-System" so denn nicht über Bord geworfen werden.

Künftig 15 Pflegestufen?

Der Regierung schwebt hingegen, laut Angaben der Patiente Vertriedung, ein Modell mit 15 Pflegestufen vor. Das System beruhe jeweils auf Mittelwerten. Steve Ehmann von der Interessenvertretung moniert, dass ein solches Modell mit Pflegegraden auf wirtschaftlichen Überlegungen fußt. Hier würde die Kosteneffizienz in den Fokus gerückt, und nicht das Wohl der Patienten.

Die Patiente Vertriedung lehnt ein Stufensystem deutlich ab. Sie bevorzugt Verbesserungen  innerhalb des bestehenden Systems. Insbesondere in den Pflegeeinrichtungen sollten die Standards und Leistungen, die den Patienten zustehen, einheitlich definiert werden. Mehr Transparenz solle so zu mehr Effizienz für die Patienten und das Pflegesystem beitragen. In dem Sinn spricht sich die Patientenvertretung auch für mehr Qualitätskontrollen aus.

Die Lösungsvorschläge der Patiente Vertriedung sind allerdings auch auf ihre Einschätzung der Situation zurückzuführen. Anders als andere Akteure sieht die Vertretung "keinen sofortigen finanziellen Engpass" bei der Pflegeversicherung. Die Rücklagen würden zwar zurückgehen, aber noch sei das finanzielle Polster gut, so die Vertretung.



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