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Exklusiv-Interview: ICIJ-Direktor: "Steueroasen sind ein globales Problem"
Politik 4 Min. 27.11.2014

Exklusiv-Interview: ICIJ-Direktor: "Steueroasen sind ein globales Problem"

Der Australier Gerard Ryle ist seit 2011 Direktor des ICIJ, dem Journalistenkonsortium, das "LuxLeaks" und andere Enthüllungen über Steueroasen koordinierte.

Exklusiv-Interview: ICIJ-Direktor: "Steueroasen sind ein globales Problem"

Der Australier Gerard Ryle ist seit 2011 Direktor des ICIJ, dem Journalistenkonsortium, das "LuxLeaks" und andere Enthüllungen über Steueroasen koordinierte.
Foto: ICIJ
Politik 4 Min. 27.11.2014

Exklusiv-Interview: ICIJ-Direktor: "Steueroasen sind ein globales Problem"

Der Direktor des „International Consortium of Investigative Journalists“ (ICIJ) im Exklusivinterview mit dem „Luxemburger Wort“: Ein Gespräch über Steueroasen, luxemburgische Reaktionen auf „LuxLeaks“ und die Methoden des investigativen Journalismus.

Die Recherchen des „International Consortium of Investigative Journalists“ (ICIJ) sorgten in Luxemburg für helle Aufregung. In Reaktion auf „LuxLeaks“ sprachen Regierung und Opposition von einer „Attacke“ und „gezielten Kampagne“ gegen Luxemburg. Gerard Ryle widerspricht dieser Auffassung mit Nachdruck. Im Exklusiv-Interview mit dem "Luxemburger Wort" erklärt der ICIJ-Direktor wie es zu „LuxLeaks“ kam, warum Luxemburg dabei im Fokus steht und was von seiner Organisation in Sachen Steueroasen in Zukunft noch zu erwarten ist.

Herr Ryle, wie kam es zu „LuxLeaks“?

Wir recherchieren seit bald drei Jahren über Steueroasen. Im November 2012 veröffentlichten wir unsere ersten Erkenntnisse. Im April 2013 folgten die auf mehrere Länder bezogenen „Offshore Leaks“. Anfang 2014 publizierten wir mit „China Leaks“ die Ergebnisse einer komplexen und riskanten Recherche über die Praxis einflussreicher chinesischer Personen aus Wirtschaft und Politik, die ihr Vermögen über Offshore-Steueroasen verschleierten. Weitere Recherchen betrafen ähnliche Fälle von Steuervermeidung unter anderem in den USA und den britischen Kanalinseln. In diesem Sinn war „LuxLeaks“ nur die Fortführung unserer Arbeit über diese globale Thematik.

Wie kamen Sie an die Dokumente der luxemburgischen „tax rulings“?

Dazu will ich lieber nichts sagen.

Die Dokumente waren ja schon seit fast vier Jahren im Umlauf. Warum dauerte es dennoch sechs Monate, um alles zu zusammenzustellen und zu analysieren?

Die Koordination der Arbeit von 80 Journalisten aus 26 Ländern braucht eine gewisse Zeit. Das ist der einzige Grund. Investigative Recherchen sind einfach zeitintensiver als andere Formen von Journalismus. Bei jedem unserer Projekte müssen die Medienpartner zusammengebracht, sichere Online-Plattformen geschaffen und die vertrauliche Nutzung der vielen Dokumente sichergestellt werden. Zudem haben die unterschiedlichen Medien auch unterschiedliche Anforderungen. Alleine zur Realisierung einer TV-Reportage zu einem so komplexen Thema braucht es einige Monate. Bei einem Meeting der beteiligten Reporter im Juni in Brüssel einigte man sich auch auf ein Veröffentlichungsdatum, das wir schließlich um drei Wochen nach hinten verlegen mussten, weil wir noch nicht mit allen Aspekten der Präsentation der Recherchen fertig waren.

Wie finanziert sich das ICIJ?

Das ICIJ ist ein Projekt des „Center for Public Integrity“, das sich seit 1997 als gemeinnützige Organisation der investigativen Recherche verschrieben hat. Wir finanzieren unsere Arbeit vollständig durch Spenden von philanthropischen Stiftungen und Privatpersonen. Entsprechende Informationen befinden sich übrigens auch auf unserer Webseite.

Was ist Ihrer Meinung nach neu an LuxLeaks im Vergleich zu früheren Untersuchungen über Luxemburgs Steuerregelungen, z.B. „Cash Investigations“ von 2012?

Es wurden mehr Firmen mit Namen erwähnt, mehr Informationen wurden offenbar und mehr Menschen haben die Artikel gelesen.

Wenn Luxemburg nicht aufgepasst hat, dann ist das Luxemburgs Problem.

Gibt es weiteres belastendes Material, wie von einigen Journalisten und auch von Finanzminister Gramegna in der Luxemburger Presse angedeutet wurde?

Wir arbeiten weiter am Thema Steuerparadies, neben anderen nicht-steuerbezogenen Projekten. Wir hoffen weitere Enthüllungen zu veröffentlichen.

Wie reagieren Sie auf Politiker, die behaupten LuxLeaks sei eine „gezielte Attacke“ gegen Luxemburg? Was sagen Sie zu den Vorwürfen, dass der Zeitpunkt der Publikation für eine Kampagne gegen den ehemaligen Premierminister und neuen EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker spricht?

Das ist absoluter Unsinn. Ich habe unsere Arbeit zu Steuerthemen über die vergangenen drei Jahre geschildert. Wenn Luxemburg nicht aufgepasst hat, dann ist das Luxemburgs Problem. Unsere Berichterstattung handelt vom System der Steuerparadiese. Wir zielen auf systemisches Versagen, das zu Ungerechtigkeit geführt hat. Das muss keine illegale Aktivität sein. Es ist in jedem Fall ein Thema, das dem durchschnittlichen Steuerzahler am Herzen liegt, wie aus den Reaktionen der Öffentlichkeit zu unseren Berichten hervorgeht. Das Timing war purer Zufall.

Wieso gibt es bisher keine Untersuchung in vergleichbare Praktiken, wie z.B. „Swiss Leaks“, „Dutch Leaks“ oder „Brit Leaks“?

Ich würde die Dokumente begrüßen, die es uns erlauben würden über jegliche solcher Tätigkeiten zu berichten, oder auch Dokumente über systemisches Versagen jeglicher anderer Art. Meine Email-Adresse lautet gryle@icij.com. Wie gesagt, haben wir umfangreich über die British Virgin Islands berichtet, Jersey und viele andere Länder, die unter britischem Recht stehen. Wir haben in den USA, den Seychellen, Hong Kong, Taiwan und China gearbeitet. All dies ist mit Steueroasen verbunden. Wir werden so lange weiter berichten, wie öffentliches Interesse an dem besteht, was wir finden.

Welchen Eindruck haben Sie von den Reaktionen auf LuxLeaks von der Regierung Luxemburgs und auch Jean-Claude Juncker, sowohl auf ihre Anfrage im Oktober als auch auf die Veröffentlichung selbst?

Es ist ein Thema, das dem Durchschnittsmenschen am Herzen liegt. Wenn einige Personen und Firmen nicht ihren Anteil an Steuern bezahlen, dann zahlen alle von uns mehr. Juncker ist ein Politiker. Ich bin sicher er wird sich ohne meine Hilfe verteidigen können. Ich war sehr erstaunt zu lesen, dass die luxemburgische Regierung von der Geschichte überrascht war, da wir lang vor der Veröffentlichung ausführliche Fragen an die Regierung gerichtet haben und Aspekte der Geschichte bereits vorher in anderen Medien berichtet wurden.

Das Gespräch führte Christoph Bumb.

Die Original-Version des Interviews in englischer Sprache finden Sie hier:Journalism consortium director talks LuxLeaks revelations


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