Wählen Sie Ihre Nachrichten​

"Europa wurde bereits in den Konzentrationslagern geboren"
Politik 1 6 Min. 16.05.2021 Aus unserem online-Archiv

"Europa wurde bereits in den Konzentrationslagern geboren"

Luxemburger KZ-Überlebende einige Tage nach der Befreiung des KZ Ebensee, einem Nebenlager von Mauthausen (v. l. n. r.): J. Majerus, J.P. Kolbach,
M. Dockendorf, J. Hammelmann, O. Lewin, Abbé R. Maroldt. Auf der Lokomotive: E. Pesch, G. Biwer, N. Berchem, J. Weyer.

"Europa wurde bereits in den Konzentrationslagern geboren"

Luxemburger KZ-Überlebende einige Tage nach der Befreiung des KZ Ebensee, einem Nebenlager von Mauthausen (v. l. n. r.): J. Majerus, J.P. Kolbach, M. Dockendorf, J. Hammelmann, O. Lewin, Abbé R. Maroldt. Auf der Lokomotive: E. Pesch, G. Biwer, N. Berchem, J. Weyer.
Privatarchiv
Politik 1 6 Min. 16.05.2021 Aus unserem online-Archiv

"Europa wurde bereits in den Konzentrationslagern geboren"

Morgan KUNTZMANN
Morgan KUNTZMANN
Am 16. Mai wird dieses Jahr international die Befreiung des in Österreich liegenden KZ-Mauthausen gefeiert. Ein Gespräch mit dem Vorsitzenden des Comité International de Mauthausen (CIM).

Guy Dockendorf, ist der Mauthausen-Schwur noch von Aktualität?

Der Mauthausen-Schwur, der am 16. Mai 1945 von Vertretern des Internationalen Häftlingskomitees in einer Vielfalt von Sprachen vorgelesen wurde, ist der Ausdruck einer immensen internationalen Solidarität. Sie dürfen nicht vergessen, dass sich im KZ-Mauthausen hauptsächlich politische Häftlinge und aus rassistischen Gründen Verfolgte befanden. Angefangen bei den Deutschen, Österreichern (ab 1938), Tchechoslovaken, republikanischen Spaniern, Franzosen sowie den sowjetischen und polnischen Häftlingen, waren in diesen Lagern über 70 europäische Nationalitäten vertreten. Die Nazis haben versucht, die verschiedenen Nationalitäten gegeneinander aufzuhetzen, um sie besser beherrschen zu können.

Wie kam es zu dieser Verbrüderung?


4.1.Esch / Musee de  la Resistance / ITV Josy Schlang , Ueberlebender des KZ Ausschwitz  Foto: Guy Jallay
Wie ein Luxemburger Auschwitz überlebte
Josy Schlang (1924 - 2013) wurde im Oktober 1941 von den Nazis deportiert. Die "Hölle auf Erden" hatte für "Häftling 141 556" erst nach viereinhalb Jahren ein Ende.

Ab dem Sommer 1944 machten die politischen Häftlinge den verurteilten Kriminellen, die von der SS als Aufsichtspersonen („grüne Winkel“, sogenannte Kapos) eingesetzt wurden, die Macht streitig. Ein großer Teil der politischen Gefangenen im KZ-Mauthausen waren Kommunisten oder eher dem linken politischen Spektrum anzurechnen. 

Die internationale Zusammenarbeit innerhalb des Lagers fand nun zunehmend auch Eingang in die illegalen Hilfsnetze der Häftlinge und mündete in der Etablierung des Internationalen Mauthausen Komitees im Winter 1944 in Mauthausen, Melk, Gusen, Ebensee. Trotz der führenden Rolle der kommunistischen Häftlinge war das Internationale Mauthausen Komitee immer eine überparteiliche Organisation. Im Komitee wurde versucht, systematische Hilfe und beginnenden Widerstand nationenübergreifend zu organisieren. Den unmenschlichen Bedingungen im Lager entgegnend, schafften es die Gefangenen, eine internationale Solidarität zu etablieren. Aus diesem Zusammenhalt werden bis heute Lehren gezogen. Wir dürfen nie vergessen, dass der anstrengende Prozess der europäischen Einigung auch als moralische Antwort auf die Menschheitsverbrechen im Nationalsozialismus gedacht war und ist. Es muss besonders heutzutage daran erinnert werden, wohin Nationalismus und Hass in Europa führen können.

Europa wurde bereits in den Konzentrationslagern geboren, nicht erst mit der Unterzeichnung der Römischen Verträge, so wie es der „Mauthausen Appell vom 21. Mai 2019 an das Europa Parlament“ mit den Unterschriften von 140 Vertretern der Internationalen Lagerkomitees Auschwitz, Buchenwald-Dora, Flossenbürg, Mauthausen, Natzweiler-Struthof, Neuengamme, Ravensbrück, Sachsenhausen sowie ANED und FIR eindringlich beschreibt.*

Meinen sie damit den erstarkenden Nationalismus in Europa?


Leiter von KZ-Gedenkstätten beklagen Einfluss der AfD
Die Historiker beklagen zunehmenden Geschichtsrevisionismus und sprachliche Radikalisierung bei Besuchern - aber auch in den Parlamenten.

Der thematische Schwerpunkt der diesjährigen Internationalen Gedenk- und Befreiungsfeier ist „Vernichtete Vielfalt“. Die Vielfalt an Opfergruppen, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden.

Neben den „politischen“ Häftlingen waren im KZ-Mauthausen Menschen, die als „Juden“, „Zigeuner“, „Homosexuelle“, „Bibelforscher“ oder „Asoziale“ kategorisiert wurden. Die vielen slawischen Häftlingsgruppen, die sogenannten „Rotspanier“ (die gegen Franco gekämpft hatten) sowie die sowjetischen Kriegsgefangenen dürfen ebenfalls nicht vergessen werden. Unter „politischen“ sind alle zu verstehen, deren politisches Engagement den Nazis nicht gefiel. Mein Vater, Metty Dockendorf war einer der 40 Chefs des Verbands der Lëtzebuerger Scouten, die im August 1940 eine der ersten Widerstandsorganisationen gegen die Nazis gründeten. 

Auch heute werden Menschen noch immer in Gruppen kategorisiert. Antisemitismus, Diskriminierung, Rassismus, Fremdenhass und Rechtsextremismus sind bis heute gesamtgesellschaftliche Probleme. Luxemburg ist davon nicht ausgeschlossen.

Guy Dockendorf, Sohn des von 1943 bis 1945 in den KZs von Hinzert und Mauthausen, Melk und Ebensee internierten Metty Dockendorf.
Guy Dockendorf, Sohn des von 1943 bis 1945 in den KZs von Hinzert und Mauthausen, Melk und Ebensee internierten Metty Dockendorf.
Anouk Antony

Hat dies Auswirkungen auf die Erinnerungsarbeit?

Wir als Internationales Mauthausen Komitee sprechen uns grundsätzlich gegen jedwede nationale Vereinnahmung aus. 

Ein Beispiel: Ja, mit den Polen haben wir viel diskutiert: es stimmt dass sie unter dem Nationalsozialismus unsägliches Leid erfahren haben und dass die Nazis probiert haben die polnische Intelligenzia zu liquidieren. Zahlreiche polnische Häftlinge wurden 1940/41 vorwiegend ins KZ Gusen, einem der 49 Außenlager des KZ-Mauthausen, die über das gesamte österreichische Staatsgebiet verteilt waren, verschleppt und dort ermordet. Wir als CIM haben schon im Jahre 2016 ganz klar geschrieben, dass keine Regierung, auch nicht die polnische PiS-Regierung, das Recht hat die Opfer des Nationalsozialismus für die eigene Innenpolitik zu instrumentalisieren. Es geht nicht darum, welches Land die meisten Opfer hatte. Jedes Opfer ist eines zu viel.

Ein anderes Beispiel: Wir haben auch, durch intensive Gespräche die das CIM, zusammen mit seinem österreichischen Partner dem Mauthausen Komitee Österreich, dem Gedenkdienstkomitee Gusen, der NGO Bewusstseinsregion Mauthausen, Gusen, Langenstein und vielen in Wien akkreditierten Botschaften, erreicht, dass im offiziellen Österreich ein Umdenken in Sachen Gedenkpolitik erreicht wurde: die Bundesregierung hat sich im Dezember 2019 engagiert, aus dem bisher sehr vernachlässigten Gusen eine würdige und modernen pädagogischen Kriterien entsprechende neue Gedenkstätte zu gestalten. Aus einer nationalen wird hier eine gemeinsame europäische Erinnerungspolitik, die die kulturelle Vielfalt der einzelnen Nationen im Auge behält.

Wie gestaltet sich die Erinnerungsarbeit in Zeiten aussterbender Zeitzeugen?


Kultur , Theater , Vorführung " So dunkel hier " , Open Air , Place St Michel , Mersch , Foto:Guy Jallay/Luxemburger Wort
Der Tod von Gauleiter Simon bei den Mierscher Theaterdeeg
Dokumentarisches Theater unter dem Mëchelstuerm in Mersch: Das Hinterfragen von Narrativen, und was Vergangenheit über die Gegenwart erzählt.

Die meisten von uns sind nach dem Krieg geboren und sind mit den Erfahrungen der 1. Generation, die den Krieg erlebt haben, groß geworden. Während 50 und mehr Jahren haben Zeitzeugen jungen Menschen - in Schulen, auf Studienreisen o.ä. - berichten können was sie erlebt hatten. Es ist klar, dass wir als 2. Generation einen anderen Zugang zum 2. Weltkrieg haben als die 3. und 4. Generation. Die Amicale Mauthausen organisiert seit April 1968, also seit über 50 Jahren, Studienreisen mit Jugendlichen nach Mauthausen und Nebenlager. Diese Reisen stehen unter dem Motto: Erënnere fir ze verstoen! Junge Menschen entwickeln dort - aber auch in den vielen Schulprojekten - ein feines Gespür für das was wirklich geschehen ist und stellen die wesentlichen Fragen: wie hätte man selbst in diesen Extremsituationen reagiert?

Neben der Gedenkarbeit an die Opfer der Verbrechen des NS-Regimes ist die Wissensvermittlung und anti-faschistische Arbeit ein wichtiger Schwerpunkt ihres Einsatzes. Was ist das Ziel?

Besonders bei jungen Menschen besteht unsere Arbeit darin, auf sie zu hören und mit ihnen zusammen ein Gespür aufzubauen, um unterscheiden zu können, was authentisch und wahr ist, und was falsch ist. Natürlich gibt es nicht nur die eine Wahrheit. Und es geht darum, dass junge Menschen - aber nicht nur sie! - die nötige Zivilcourage aufbringen und den Mut aufbringen Stellung zu beziehen gegen Unrecht.

www.cim-info.org

www.mkoe.at     

Folgen Sie uns auf Facebook, Twitter und Instagram und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Auf der bei jungen Menschen beliebten Social-Media-Plattform Tiktok schminken sich Nutzer als Holocaust-Opfer und posieren so in kurzen Videos. Ein gefährlicher Trend, findet die Gedenkstätte Yad Vashem.
Eine bislang unentdeckte Ausgabe des "Luxemburger Wort" erzählt vom Beginn der Zensur durch die deutsche Besatzungsmacht.
Illustration Journal 10mai1940 Mathieu Lange Archives Luxemburger Wort  Christophe Olinger
75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz will das „Luxemburger Wort“ dazu beitragen, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten - mit einer Online-Datenbank der Opfer, die in den Konzentrationslagern getötet wurden.