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Erziehergewerkschaft: "Diese Reform muss vom Tisch"
Politik 3 Min. 18.05.2021

Erziehergewerkschaft: "Diese Reform muss vom Tisch"

In Luxemburg fehlt es in vielen Bereichen an Erziehern. Bildungsminister Claude Meisch (DP) möchte den Fachkräftemangel mit einer Reform beheben, doch seine Pläne stoßen auf heftigen Widerstand.

Erziehergewerkschaft: "Diese Reform muss vom Tisch"

In Luxemburg fehlt es in vielen Bereichen an Erziehern. Bildungsminister Claude Meisch (DP) möchte den Fachkräftemangel mit einer Reform beheben, doch seine Pläne stoßen auf heftigen Widerstand.
Foto: dpa
Politik 3 Min. 18.05.2021

Erziehergewerkschaft: "Diese Reform muss vom Tisch"

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Bildungsminister Meisch (DP) will die Erzieherausbildung von drei auf ein Jahr verkürzen. Die Gewerkschaft ALEE und das Personalcomité des LTPES laufen dagegen Sturm.

In Luxemburg fehlt es an Erziehern – in den Schulen, Betreuungseinrichtungen, in den Jugendheimen, Altenheimen, Kompetenzzentren. Um den Fachkräftemangel zu beheben, will Bildungsminister Claude Meisch (DP) die Erzieherausbildung um zwei Jahre auf ein Jahr verkürzen. 


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Heute umfasst die Ausbildung zum Erzieher (Educateur diplômé) am „Lycée technique pour professions éducatives et sociales“ (LTPES) drei Jahre: 2e GED, 1re GED und die Terminale.


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Künftig sollen Absolventen eines Sekundarschulabschlusses in Sozialwissenschaften (GSO) nach der Première in nur einem Jahr am LTPES zum Erzieher ausgebildet werden. Auch die „Ecole nationale des adultes“ (ENAD) soll das verkürzte Studium (berufsbegleitend) anbieten. Das Personalcomité des LTPES und die Association luxembourgeoise des éducateurs et éducatrices (ALEE/CGFP) laufen gegen die geplante Reform Sturm.

Nun bereitet die Sektion Sozialwissenschaften zwar auf einen späteren Beruf im sozialen Bereich vor, „aber den Absolventen eines GSO-Abschlusses fehlen viele Stunden in berufsrelevanten Fächern und viele Praktikumswochen“, wie ALEE-Sekretär Yves Kails im Gespräch mit dem „Luxemburger Wort“ erklärt. 

Tatsächlich ist die reguläre Sekundarschulausbildung in Sozialwissenschaften eher allgemeiner Natur und bereitet auf weiterführende Studien vor. „Auf der 1re GSO haben die Schüler eine Stunde Pädagogik pro Woche, in der Ausbildung am LTPES sind es vier Stunden“, sagt Kails. Insgesamt hätten GSO-Schüler pro Woche sieben oder acht Unterrichtsstunden in für den späteren Beruf relevanten Fächern, in der regulären Erzieherausbildung seien es 20 bis 21 Stunden. „Wir bieten eine Fachausbildung an, die den Schülern einerseits ermöglicht, nach der 1re weiterzustudieren, sie vor allem aber auf die Arbeit als Erzieher vorbereitet“, erklärt das Personalcomité. 

Das Lehrpersonal des LTPES betont in seiner Pressemitteilung am Dienstag, dass der erfolgreiche Abschluss der 2e GED und der 1re GED eine notwendige Bedingung sind, um das Abschlussjahr (Terminale) machen zu können. Den GSO-Schülern werden nicht nur theoretische Kenntnisse fehlen, sondern auch praktische Stunden. 

26 Wochen Praktikum

In den ersten beiden Jahren am LTPES sind einmal neun Wochen und einmal sechs Wochen Stage vorgesehen, „die notwendig sind, um den Transfer von theoretischem Wissen in die Praxis zu garantieren“, schreibt das „Comité de la conférence“ des LTPES. Im dritten Jahr (Terminale) kommen noch einmal elf Wochen Praktikum dazu. Macht zusammen 26 Wochen Stage. Das bedeutet, dass die GSO-Schüler in nur einem Jahr zusätzlich zur theoretischen Ausbildung auch noch etliche Wochen Praktikum machen müssen. 

Was die Sache erschwert: Die einzelnen Praktika bauen aufeinander auf, haben unterschiedliche Ziele und sind obligatorisch. „Sie zählen zu den Hauptfächern und können nicht kompensiert werden“, schreibt das Personalcomité des LTPES. „Es geht darum, viele verschiedene Erfahrungen in vielfältigen Arbeitsbereichen zu sammeln und die Institutionen kennenzulernen“, sagt auch Yves Kails von der ALEE. Wie soll ein Auszubildender in nur einem Jahr die Theorie und die Praxis aus drei Jahren erlernen? Und wie soll man die Kompetenzen dieser Kandidaten bewerten?, fragen sich die Gewerkschaft und das Personalcomité. 

Kurzfristig steigere die Reform möglicherweise die Zahl der Fachkräfte. Längerfristig aber befürchten die ALEE und das Lehrpersonal einen Kompetenzmangel. Schon heute seien viele junge Menschen in dem Beruf schnell überfordert, sagt Yves Kails. „Wenn die Ausbildung verkürzt wird, werden noch viel mehr überfordert sein.“

Vollendete Tatsachen

Was die ALEE und das Lehrpersonal ärgert, ist der Alleingang des Bildungsministers, „der Einschneidungen vornimmt, ohne vorher mit dem Sektor darüber zu diskutieren“, wie es am Dienstag in einer Pressemitteilung der ALEE heißt. 

Die Gewerkschaft hat selbst Vorschläge ausgearbeitet, wie man die Ausbildung nach vorne bringen könnte. Sie fordert, dass die Reform vom Tisch kommt. „Danach sind wir bereit, mit allen Akteuren im öffentlichen, konventionierten und privaten Sektor und den politischen Vertretern zu diskutieren, welche Anforderungen die Erzieher erfüllen müssen und wie die Ausbildung sein muss, damit der Beruf weiterhin Perspektiven bietet“, sagt Kails. Die Kinder und Jugendlichen verdienten, von gut ausgebildeten, kompetenten Menschen betreut zu werden. Mit einer einjährigen Ausbildung könne man diese Qualität nicht garantieren.

Die ALEE bedauert, dass das ohnehin angeschlagene Image des Erziehers, die Anerkennung und Wertschätzung des Berufs mit einer verkürzten Ausbildung und einem minderwertigen Diplom weiter zurückgehen werden. Und das Personalcomité spricht von einer „enormen“Abwertung des Berufs und einer „massiven“ Schädigung des Berufsbilds.

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