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Erzieher verzweifelt gesucht
Politik 4 Min. 19.10.2021
Petition 1879

Erzieher verzweifelt gesucht

Francis Hoven ist von Beruf Erzieher und hat die Petition 1879 eingereicht, um die verkürzte Erzieherausbildung für SO-Schüler zu stoppen. Seiner Meinung nach braucht es eine intensivere theoretische und praktische Ausbildung, um den Herausforderungen im späteren Berufsleben gewachsen zu sein.
Petition 1879

Erzieher verzweifelt gesucht

Francis Hoven ist von Beruf Erzieher und hat die Petition 1879 eingereicht, um die verkürzte Erzieherausbildung für SO-Schüler zu stoppen. Seiner Meinung nach braucht es eine intensivere theoretische und praktische Ausbildung, um den Herausforderungen im späteren Berufsleben gewachsen zu sein.
Foto: Gerry Huberty
Politik 4 Min. 19.10.2021
Petition 1879

Erzieher verzweifelt gesucht

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Die neue Erzieherausbildung kommt im sozioedukativen Sektor nicht gut an. Am Dienstag wurde erstmals öffentlich darüber diskutiert.

4.654 Personen haben die Petition 1879 unterzeichnet, die sich gegen die neue Erzieherausbildung, auch Passerelle genannt, richtet. Die Ausbildung läuft derzeit als Pilotprojekt im „Lycée technique pour professions éducatives et sociales“ (LTPES) und in der „Ecole nationale des adultes“ (ENAD) mit jeweils zwei Klassen und soll nach einem Jahr ausgewertet werden. Am Dienstag fand die Anhörung im Parlament statt.


In Luxemburg fehlt es in vielen Bereichen an Erziehern. Bildungsminister Claude Meisch (DP) möchte den Fachkräftemangel mit einer Reform beheben, doch seine Pläne stoßen auf heftigen Widerstand.
Erziehergewerkschaft: "Diese Reform muss vom Tisch"
Bildungsminister Meisch (DP) will die Erzieherausbildung von drei auf ein Jahr verkürzen. Die Gewerkschaft ALEE und das Personalcomité des LTPES laufen dagegen Sturm.

Die Ausbildung richtet sich an Abschlussschüler einer SO-Sektion (Sozialwissenschaften) und dauert ein Jahr, während die reguläre Erzieherausbildung am LTPES drei Jahre dauert (2e GED, 1re GED, Terminale). Jedes Jahr machen rund 400 SO-Schüler ihren Abschluss. 

Die SO-Schüler können nach ihrem Sekundarschulabschluss sofort in die Terminale GED einsteigen und halten nach einem Jahr Ausbildung ihr Erzieherdiplom (Educateur diplômé) in den Händen. Ziel dieser Ausbildung ist es, den hohen Bedarf an sozioedukativem Personal im Bildungs-, Betreuungs- und Pflegebereich zu decken.

Francis Hoven, der die Petition 1879 lanciert hat, hat die reguläre LTPES-Ausbildung absolviert und findet, dass die Passerelle keine qualitativ hochwertige Ausbildung sicherstellen kann. Es fehle den SO-Schülern im Vergleich zu den regulären LTPES-Schülern auf der Terminale an theoretischem Wissen, vor allem aber an praktischer Erfahrung. Praxiserfahrung aber sei wichtig, „um eine erzieherische Haltung und eine erzieherische Identität aufzubauen, die für das spätere Berufsleben sehr wichtig sind“, so Hoven. 

Der OGBL hatte einen Stand vor dem Parlament aufgerichtet und symbolisch Diplome verteilt.
Der OGBL hatte einen Stand vor dem Parlament aufgerichtet und symbolisch Diplome verteilt.
Foto: Gerry Huberty

Yves Kails von der „Association luxembourgeoise des éducateurs et éducatrices“ (ALEE) erinnerte daran, dass die Erzieherausbildung seit 1990 wegen der steigenden Herausforderungen von zwei auf drei Jahre ausgedehnt worden sei. „Die Anforderungen an die beruflichen Kompetenzen sind heute definitiv größer“, so Kails. Diesen Anforderungen mit einer qualitativ schlechteren Ausbildung entgegenzuwirken, sei der falsche Ansatz. Zwar stünden kurzfristig mehr Erzieher zur Verfügung. „Aber wenn sie nicht adäquat ausgebildet sind, um den Herausforderungen gewachsen zu sein, besteht die Gefahr, dass sie den Beruf wegen Überforderung aufgeben“, so Kails. 

Pitt Bach vom OGBL beanstandete, dass die Sozialpartner im Vorfeld nicht konsultiert worden seien. Yves Kails schloss sich Bachs Worten an. „Warum wurden wieder einmal vollendete Tatsachen geschaffen? Wir sind nicht die ersten und nicht die einzigen, die auf dieses Problem hinweisen.“

Die Petenten hatten auch Alternativen im Gepäck. So schlugen sie vor, SO-Schüler, die sich für den Erzieherberuf interessieren, schon ab der 2e „abzuzweigen“ und sie in die reguläre Erzieherausbildung aufzunehmen. Des Weiteren wurde angeregt, das Angebot des LTPES zu erweitern und eine zweite Erzieherschule an einem anderen Standort zu eröffnen. 

Manuel Da Costa betonte, dass man nicht gegen die Passerelle sei. „Aber die erzieherische Haltung erlangt man erst im Laufe der Jahre. Das entwickelt sich in der Praxis und im Kontakt mit den Professionellen“, so Da Costa. Darüber hinaus biete die dreijährige Ausbildung die Möglichkeit, die eigenen Stärken und Schwächen kennenzulernen und zu prüfen, welcher Arbeitsbereich der richtige ist. „Das bekommt man in einem Jahr nicht hin.“ 

Hoher Fachkräftebedarf

Luxemburg hat tatsächlich einen hohen Fachkräftebedarf im Bereich der Sozialen Arbeit. 800 offene Erzieherstellen gab es laut einer Studie der Universität Luxemburg im Jahr 2019. Das machte aber nur 43 Prozent aller Stellen aus. Hinzurechnen muss man 680 Stellen, die einen höheren Abschluss verlangen (Bachelor oder Master). Bildungsminister Claude Meisch (DP) erwähnte am Dienstag die 800 offenen Stellen, aber nicht die 680. Auch diese Stellen müssen besetzt werden.


Mit der neuen Erzieherausbildung möchte Bildungsminister Claude Meisch (DP) den Erziehermangel bekämpfen.
Meisch bezieht Stellung zur Erzieherausbildung
Bildungsminister Claude Meisch (DP) gab am Dienstag auf Nachfrage von LSAP, CSV und den Piraten Erklärungen zu der geplanten neuen Erzieherausbildung.

Der Weg zum Erzieherdiplom führt also über die LTPES-Ausbildung und neuerdings über die Passerelle. Parallel dazu gibt es derzeit aber auch die Möglichkeit, über die Anerkennung der Berufspraxis beziehungsweise über die berufsbegleitende Ausbildung an der ENAD zu einem Erzieherdiplom zu gelangen. Über die Anerkennung ihrer Diplome haben zudem ausländische Fachkräfte Zugang zum Arbeitsmarkt in Luxemburg. 

Zweiter LTPES-Standort nicht ausgeschlossen

Das alles reiche aber nicht aus, so der Bildungsminister, der meinte, er wolle sich der Idee eines zweiten LTPES-Standortes nicht verschließen. Auch wies er darauf hin, dass man das Pilotprojekt am LTPES und an der ENAD nach einem Jahr einer Auswertung unterziehe, „um die Ausbildung entweder fallen zu lassen oder sie beizubehalten und die notwendigen Anpassungen vorzunehmen.“ 

Man denke bereits jetzt über andere Zugangsbedingungen zur Passerelle nach, zum Beispiel, dass Schüler über eine gewisse theoretische und praktische Erfahrung verfügen müssen, um Zugang zur Ausbildung zu bekommen.

Ein weiterer Baustein in Meischs Überlegungen bildet der Einsteig in den sozioedukativen Bereich über den DAP Education, der ab kommenden Jahr angeboten werden soll.


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Yves Kails wies am Ende noch auf das Schulgesetz hin, wonach der Zugang zu einer Terminale über die 2e ED und die 1re ED führe und das Gesetz keinen anderen Zugang zur Terminale zulasse. Man habe das juristisch prüfen lassen. Das stelle den Zugang der SO-Schüler zur Terminale infrage und damit auch die Legalität des Diploms. 

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