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Eine kalte Dusche
Leitartikel Politik 2 Min. 15.04.2016 Aus unserem online-Archiv
Editorial

Eine kalte Dusche

Leitartikel Politik 2 Min. 15.04.2016 Aus unserem online-Archiv
Editorial

Eine kalte Dusche

Marc SCHLAMMES
Marc SCHLAMMES
Kaum ist die politische Osterpause vorbei, da erhält der Premierminister eine kalte Dusche. Ob sein Verhalten bloß naiv-unbedacht oder politischem Kalkül geschuldet war – Xavier Bettel steht nun wie ein begossener Pudel da ...

Kaum ist die politische Osterpause vorbei, da erhält der Premierminister eine kalte Dusche. Ob sein Verhalten bloß naiv-unbedacht oder politischem Kalkül geschuldet war – Xavier Bettel steht nun wie ein begossener Pudel da ...

Die wirklich kalte Dusche für Luxemburg ging derweil in dem jüngsten Kapitel des Geheimdienst-Feuilletons unter: Ein Unicef-Bericht zu den OECD-Staaten offenbart, dass in Luxemburg das Ranking der Kinder nicht mit dem Ranking des Wohlstandslandes übereinstimmt: Platz 29 bei der Gesundheitsversorgung, Platz 32 bei der Lebenszufriedenheit, Platz 33 bei der Bildung.

Vervollständigt wird die Schieflage mit der Armutsquote: Jedes vierte Kind lebt in Armut. Zusammen mit dem Caritas-Sozialalmanach, der sich den „Inegalitéiten“ widmet und darlegt, dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander klafft, liefert das Dokument des Kinderhilfswerks eine Lektüre, die nach dringendem Gegensteuern schreit.

Gewiss, 25 Prozent Armut ist ein abstrakter Wert, der ungläubiges Staunen hervorruft. Auch weil wir mit Armut Bilder assoziieren, die Luxemburg nicht liefert. Armut in Luxemburg sieht man nicht auf den ersten Blick. Und doch muss sich ein jeder bei eingehender Betrachtung eingestehen, dass die Daseinsberechtigung der Sozialämter oder die steigende Zahl an Sozialläden unverkennbare Indizien dafür sind, dass vieles im Argen liegt.

Wie wichtig dringendes Gegensteuern ist, belegt die (banale) Feststellung, dass die Kinder von heute die Erwachsenen von morgen sind. Wer kurz nach dem Start ins Leben abgehängt wird, der hat in der Folge kaum Chancen, ins Peloton zurückzufinden und das Tempo der Gesellschaft mitzugehen. Zwangsläufig reißt die Schere weiter auf, ökonomisch-materiell und politisch-sozial. Parallelgesellschaften entstehen, die die (Über)lebensfähigkeit eines von Vielfalt geprägten Landes in Frage stellen.

Wo aber die Hebel ansetzen? Die Steuerreform fällt zu zaghaft aus, um die Belastung der starken und der schwachen Schultern neu auszubalancieren – was sich aus Regierungswarte durch die zu wahrende Balance zwischen politischer Courage und elektoraler Absicherung erklärt.

Eine andere Last, unter der die schwachen Schultern stöhnen: der Wohnungsbau. Wenn Wohnen den Löwenanteil der Einkunftskuchens auffrisst, bleiben für andere Lebensinhalte, z. B. eine angemessene Gesundheitsversorgung, nur Krümel. Dramatisch, dass auch Blau-Rot-Grün auf dieser Baustelle bis dato quasi nichts aufzuweisen hat – außer zwei verlorenen Jahren.

Glaubt man den Unicef-Verantwortlichen, soll die Schule für Chancengleichheit sorgen. „Ob ein Kind einen guten Bildungsweg absolviert, hängt weniger von seiner Intelligenz als vielmehr von seinem sozialen Umfeld ab“, zeichnet die Caritas-Präsidentin den Kreis der Verantwortung derweil größer. Anders ausgedrückt: Die Schule muss gewährleisten, dass Mehrsprachigkeit ein Entfaltungs- und kein Ausschlussfaktor ist.

Außerschulische Betreuung, inklusive ausgewogener Ernährung, soll vornehmlich der Vereinbarkeit Beruf/Familie dienen. Alternativ sollten Kinder diese Betreuung auch zu Hause als selbstverständlich erwarten dürfen. Andernfalls sollte sich Luxemburg von der Bezeichnung Wohlstandsland verabschieden.

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