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Ein Kardinal in Quarantäne: "Unsere Spaßgesellschaft steht in Frage"
Politik 5 Min. 16.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Ein Kardinal in Quarantäne: "Unsere Spaßgesellschaft steht in Frage"

Kardinal Jean-Claude Hollerich im Bischofshaus.

Ein Kardinal in Quarantäne: "Unsere Spaßgesellschaft steht in Frage"

Kardinal Jean-Claude Hollerich im Bischofshaus.
Foto: Chris Karaba
Politik 5 Min. 16.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Ein Kardinal in Quarantäne: "Unsere Spaßgesellschaft steht in Frage"

Michael MERTEN
Michael MERTEN
Nachdem sich vor wenigen Tagen ein Mitarbeiter des Bistums nachweislich mit demCorona-Virus infiziert hat, hat sich der Luxemburger Kardinal Jean-Claude Hollerich umgehend in Selbstquarantäne begeben. Seitdem meidet er jeden direkten Kontakt zur Außenwelt. Das „Luxemburger Wort“ hat mit ihm ein Telefoninterview geführt. Ein Gespräch über Krisen, Glauben, Perspektiven für die Oktave und über ein Übel der Kirche: den sexuellen Missbrauch.

Jean-Claude Hollerich, Sie leben nun schon seit einigen Tagen im Ausnahmezustand. Als Mensch, der normalerweise von Termin zu Termin eilt: Wie erleben Sie denn persönlich diese Zeit der Quarantäne?

Nun, es ist eine Zeit der Ruhe. Ich habe mehr Zeit fürs Gebet, mehr Zeit für die Lektüre. Und das kommt auch sicher meiner Amtsführung und mir zugute. Und ich bin auch froh. Es ist auch eine Weise, solidarisch zu sein mit der Bevölkerung, mit all denjenigen, die das Virus haben. Und es gibt die Gelegenheit, auch über den Sinn des Lebens, über die Möglichkeiten unserer Gesellschaft nachzudenken.

Die Möglichkeiten der Gesellschaft; wie bewerten Sie denn die aktuellen Reaktionen, den Umgang mit dem Virus?

Ich sehe zum einen Teil ein großes Engagement - von der Regierung aus bis zu den Ärzten, dem Pflegepersonal, dem Personal in den Altenheimen. Und ich bin sehr dankbar dafür, für all das, was getan wird. Die Hamsterkäufe zeugen aber auch von Panik und von Egoismus.

Ich denke, dass unsere Spaßgesellschaft in Frage gestellt ist, dass viele Leute jetzt nach dem Sinn schauen. Und ich glaube auch, dass unsere Wirtschaft sich umstellen muss. Globalisierung alleine genügt nicht, man muss auch Lokalisierung betreiben - das berühmt-berüchtigte "Glocal" wird sicher wichtiger werden. Und wir müssen schauen, wie verletzbar unsere vernetzten Gesellschaften sind. Wir sind ja erst am Anfang der Digitalisierung; diese Vernetzung wird noch viel stärker werden und auch die Verletzlichkeit wird dabei stärker werden.

Kann man sagen, dass dieses Virus jetzt die Welt zwingt, sich mit Forderungen von Greta Thunberg und anderen Jugendlichen auseinanderzusetzen?

Ich glaube ja. Ich begrüße natürlich das Virus nicht! Das Virus ist schlecht, es tötet. Aber es gibt über allem auch einen guten Aspekt. Wir können, glaube ich, unser Konsumverhalten und die Wirtschaft, die diesem Konsumverhalten dient, kritisch hinterfragen - eine Wirtschaft, die nur mehr billige Produkte an die Menschen liefert. Wir wissen jetzt: Das allein kann uns kein Glück und keinen Sinn bringen. Wir müssen das System ändern.

Szenen, die derzeit nicht möglich sind: Im Oktober haben sich Jean-Claude Hollerich und Papst Franziskus bei der Kardinalserhebung herzlich umarmt.
Szenen, die derzeit nicht möglich sind: Im Oktober haben sich Jean-Claude Hollerich und Papst Franziskus bei der Kardinalserhebung herzlich umarmt.
Photo : AFP

Wie waren denn die Reaktionen von Gläubigen darauf, dass jetzt auch die Messen abgesagt worden sind?

Die Allermeisten haben Verständnis dafür, weil es geht ja darum, Leben zu retten. Das Leben der älteren Menschen und von dem gefährdeten Teil der Bevölkerung zu retten, sie keinem Risiko auszusetzen. Und die meisten Leute nehmen das sehr gut an. Es sind aber auch einige, die klagen: Und jetzt nimmt man uns auch noch das! Oder wo so ein Wunderglaube vorhanden ist, den ich allerdings nicht teile.

In manchen Ländern gab es ja auch Prozessionen mit Tausenden Teilnehmern. Wie bewerten Sie das?

Ich rufe die Gläubigen zum Gebet auf, aber keinesfalls zu Prozessionen. Die einzigen, die sich über Prozessionen freuen, sind die Viren.

Wie werden denn die neuen digitalen Angebote angenommen? Seelsorge jetzt quasi über das Internet?

Man sieht sehr viele Posts, die geteilt werden auf Instagram, auf Facebook. Ich glaube, dass viele Leute aktiv sind. Allerdings denke ich auch an die älteren Leute, die nicht so mit diesen Medien umgehen können. Die fühlen sich sicher sehr alleingelassen. Deshalb bin ich froh über dieses Interview. So kann ich über das Luxemburger Wort zu den Leuten sagen, dass ich an die vielen alten und kranken Leute denke, jeden Tag die Messe für sie feiere und auch für sie bete. 


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Im Mai ist das größte Glaubensfest in Luxemburg geplant: die Oktave. Gibt es da noch realistische Perspektiven oder denkt man vielleicht über eine digitale Wallfahrt nach?

Da würde ich auf jeden Fall noch keine Aussagen machen. Sicher gibt es einen Plan B. Sicher können wir das Ganze auch digital machen. Es wäre schade. Aber Leben schützen muss absolute Priorität haben.

Am Montag ist ein Urteil bekannt gegeben geworden. Der frühere Lyoner Priester Bernard Preynat ist zu fünf Jahren Haft verurteilt worden - wegen massenhaften sexuellen Missbrauchs.

Ich finde das sehr wenig. Ich kenne mich mit Gesetzen nicht aus, aber jemand, der so viele Kinder und Jugendliche missbraucht hat, würde ein stärkeres Strafmaß verdienen.

Der direkte Kontakt zu den Gläubigen wird für den Luxemburger Kardinal in den kommenden Wochen fehlen.
Der direkte Kontakt zu den Gläubigen wird für den Luxemburger Kardinal in den kommenden Wochen fehlen.
Foto: cathol.lu

Die Kirchenvertreter haben aber über Jahrzehnte auch nichts getan, um eine Strafverfolgung zu erleichtern.

Und das tut mir sehr leid! Weil ich glaube, genau wie wir im Fall von Corona jedes Leben schützen müssen, so muss auch die Kirche zu allererst an die Opfer denken. An das unsägliche Leid, das den Opfern zugefügt wurde - und nicht die Täter decken. Das ist falsche Barmherzigkeit.

Ist denn der Kurs der Kirche im Kampf gegen den Missbrauch richtig, oder braucht es da noch größere Anstrengungen?

Ich glaube, er ist richtig. Man kann immer über das eine oder andere nachdenken. Ich sehe ja auch, dass in anderen Bereichen Missbrauchsfälle offen werden - im Sport, bei den Pfadfindern und so weiter. Wenigstens ist etwas Gutes daran, dass die Gesellschaft jetzt diese Verbrechen an Kindern und Jugendlichen nicht mehr duldet und dass das Ganze zu Tage kommt.


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Die Kirche muss da sehr konsequent bleiben, und wir müssen mit großer Bescheidenheit auftreten, weil wir von einer moralischen Höhe angetreten sind und es vielen Leuten Schmerz zugefügt hat, dass Vertreter der Kirche solche Verbrechen geduldet haben. Ich verstehe die Leute, die darüber aufgeregt sind, die das in den Zorn treibt.

Wird es da auch in Luxemburg - vielleicht angestoßen von der Kirche - eine nationale Gesamtanstrengung geben im Kampf gegen Missbrauch?

Ich bin froh, dass Sie davon sprechen. Ich würde mir das wünschen, denn es geht ja darum, den Kindern und den Jugendlichen einen öffentlichen oder semi-öffentlichen Raum zu bieten, wo sie vollkommen geschützt sind, wo sie sie selber sein können, ohne, dass alles missbraucht wird von einigen Kranken oder Triebtätern.


Glaube & Leben,Visite Kerzenfabrik in Heiderscheid.Jan Peters.Foto: Gerry Huberty/Luxemburger Wort
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 Aber wer muss da vorgehen? Der Staat als Koordinierender oder das Erzbistum?

Ich würde mich freuen, wenn auch der Staat da Initiativen ergreifen würde. Sie können sicher darauf zählen, dass die Kirche voll mitmachen wird.


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