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Editorial: Späte Einsichten
Leitartikel Politik 2 Min. 18.02.2015

Editorial: Späte Einsichten

Leitartikel Politik 2 Min. 18.02.2015

Editorial: Späte Einsichten

Danielle SCHUMACHER
Danielle SCHUMACHER
Vielleicht war es Zufall, dass der Bericht des Historikers Vincent Artuso zur Rolle der Verwaltungskommission an der Deportation der Juden wenige Tage nach den Gedenkfeierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vorgestellt wurde.

Vielleicht war es Zufall, dass der Bericht des Historikers Vincent Artuso zur Rolle der Verwaltungskommission an der Deportation der Juden wenige Tage nach den Gedenkfeierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vorgestellt wurde. Dass es so lange gedauert hat, bis sich Luxemburg endlich seiner Vergangenheit stellt, ist allerdings kein Zufall.

Wir müssen uns daher die Frage gefallen lassen, weshalb der reine Opfermythos nicht früher Risse bekam. Dass die Menschen unmittelbar nach dem Krieg voll und ganz mit dem Wiederaufbau des Landes beschäftigt waren und dass eine geeinte Nation nötig war, um diese kollektive Anstrengung zu stemmen, ist absolut nachvollziehbar. Genau so verständlich ist auch, dass eine kritische Auseinandersetzung mit den traumatischen Ereignissen zu einem frühen Zeitpunkt kaum möglich war.

Sicher, die Auseinandersetzung mit den Kriegsjahren und der deutschen Besatzung fand statt, in der Bevölkerung und auch in den Medien, die dem Thema breiten Raum gaben. Allerdings wurde die Debatte über weite Strecken von den Opferverbänden, von den verschiedenen Resistenz-Bewegungen und den Organisationen der Zwangsrekrutierten beherrscht.

Es ist unbestreitbar, dass Luxemburg und die Luxemburger zwischen 1940 und 1945 große Opfer gebracht haben, aber die Kriegsgeneration setzte sich eben nicht nur aus Opfern zusammen. Oder um es mit den Worten von Premier Bettel zu sagen: „Wir wären alle gerne die Guten gewesen, wir waren aber nicht alle Helden.“

Das Thema Kollaboration wurde jahrzehntelang fast vollständig tabuisiert, unangenehme Wahrheiten wurden verdrängt. Die Diskussion um die „Gielemännercher“ musste anscheinend ausreichen, um das Thema abzuhaken. Dass noch 1971 – also 30 Jahre nach den Ereignissen – in der Hauptstadt eine Straße ohne Federlesens und ohne die leiseste Kritik nach Albert Wehrer, dem Chef der Verwaltungskommission, benannt werden konnte, zeigt das ganze Ausmaß der Verdrängung.

Die Beschäftigung mit dem Thema Kollaboration setzte erst ganz langsam ab den 80er-Jahren ein und nahm nur allmählich Fahrt auf. Es bedurfte scheinbar einer jungen und unbefangenen Generation von Historikern, um das schwierige Feld zu beackern. In den letzten Jahren haben sie mit ihrer Forschungsarbeit das Puzzle Teil um Teil ergänzt.

Doch ihre Erkenntnisse drangen kaum über die Expertenkreise hinaus. Neben der exzellenten Aufklärungsarbeit kommt dem Artuso-Bericht deshalb auch das Verdienst zu, dass er die Diskussion nun endlich in die breite Öffentlichkeit hinaus trägt. Auch wenn die Analyse als solche längst überfällig war, so kommt die Veröffentlichung doch zum richtigen Zeitpunkt. Denn in Europa machen sich schon wieder Fremdenfeindlichkeit, aber auch Antisemitismus breit. Und wie in den 30er-Jahren machen sie auch diesmal nicht an den Grenzen des Landes halt.

Die Arbeit muss weiter gehen. Der Artuso-Bericht ist ein sehr wichtiger Abschnitt, er darf aber keinesfalls die letzte Etappe auf dem Weg der Aufklärung sein. Der nächste Schritt muss allerdings nun eine offizielle Entschuldigung der Regierung bei der jüdischen Gemeinschaft sein. Sonst hat die Analyse ihren Sinn zum Teil verfehlt.


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