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Editorial: Selbstbetrug
Leitartikel Politik 3 Min. 12.11.2014

Editorial: Selbstbetrug

Marcel KIEFFER
Wir sind erschreckend schnell zur Tagesordnung übergegangen, dabei müsste der Ausgang der kommunalen Referenden über die Schaffung einer Fusionsgemeinde „Meesebuerg“ uns noch zentnerschwer im Magen liegen.

Wir sind erschreckend schnell zur Tagesordnung übergegangen, dabei müsste der Ausgang der kommunalen Referenden über die Schaffung einer Fusionsgemeinde „Meesebuerg“ uns noch zentnerschwer im Magen liegen.

Das was am Sonntag in der Abgeschiedenheit der Wahlkabinen in Nommern und Fischbach geschehen ist, hat uns einen Spiegel vorgehalten. Und was wir darin erkennen, ist beschämend.

Natürlich ist der Bürger souverän in Entscheidungen, die ihn in solch unmittelbarer Weise angehen wie die Zusammenlegung von Landgemeinden, bzw. die Auflösung ihrer bestehenden Gemeinde. Obwohl, wie in diesem Fall der Gemeinden Nommern, Fischbach und Fels, die rationalen Argumente von Kohärenz und Effizienz auf der Hand lagen, könnte man noch ein gewisses Maß an Verständnis dafür aufbringen, wenn der Bürger dazu tendierte, dem Neuen das Bewährte vorzuziehen.

Doch wir vermuten, dass im Fall dieser Fusion, die in Fels von 66 Prozent der Wählerstimmen begrüßt, aber in Fischbach mit 76 Prozent bzw. in Nommern mit 70 Prozent abgelehnt wurde, die Beweggründe ganz andere sind. Und es sind wohl nicht jene, die in den Wochen vor dem Referendum immer wieder vorgeschoben wurden: Finanzplanung, Schulorganisation, Wasserversorgung.

Da wurde eindeutig mit anderen Argumenten und Reflexen beim Bürger gezündelt, die wohl so unaussprechbar waren, dass selbst bei den Erklärungsversuchen am Montag die wahre Ursache allenfalls mit einer diffusen „Angst der Bürger“ umschrieben wurde. Dabei hätte man es laut und zornig herausschreien müssen: Es war im Endeffekt die „Ausländer-Gemeinde Fels“, mit der Nommern und Fischbach nicht fusionieren wollten.

In Fels leben über 60 Prozent Ausländer, vor allem Portugiesen. Ihnen, denen oft zu Unrecht vorgeworfen wird, sie würden sich nur widerwillig in die luxemburgische Gesellschaft integrieren wollen, wurde von gleich zwei Nachbargemeinden in einer Art und Weise der Rücken zugekehrt, wie man es nicht für möglich hielt.

Das Nein der Bürger von Nommern und Fischbach wirft ein sehr, sehr trübes Licht auf den wahren Zustand unseres Landes und die Mentalität seiner einheimischen Bevölkerung. Wir wagen immer noch zu hoffen, dass es nicht repräsentativ ist für das tatsächliche, intuitive Denken der Luxemburger im Umgang mit unseren ausländischen Mitbürgern, ohne die dieses Land – das kann kein klug überlegender Mensch in Abrede stellen – nicht den Wohlstand hätte, den es heute hat.

Somit ist das Scheitern des Fusionsreferendums um die hypothetische Gemeinde „Meesebuerg“ vor allem ein herber Rückschlag für ein Gesellschaftsmodell, von dem letztlich, schon seit Jahrzehnten, das Überleben unseres Zwergstaates abhängt.

Wie gerne stellen wir uns doch in Europa und in der Welt als vorbildliche multikulturelle Gesellschaft dar, in der Luxemburger und Ausländer harmonisch zusammen leben und arbeiten! Wie entrüstet sind wir, wenn andere, wie nun gerade wieder, am glänzenden Lack unserer Vorbildnation kratzen.

Und die Sorge um den ungetrübten Schein, die makellose Nationenfassade treiben wir bis zur Verleugnung der eigenen Fehler und Abgründe – bis zum totalen Selbstbetrug. Der Ausgang der Referenden in Nommern und Fischbach sollte uns ein Weckruf sein. Das kann und darf nicht

Luxemburg sein! Um das zu bekräftigen, haben wir bis zu dem für den 7. Juni 2015 angekündigten Referendum über das Wahlrecht der bei uns lebenden Ausländer nicht mehr allzu viel Zeit.


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