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EDITORIAL: Risse in der Gesellschaft
Leitartikel Politik 2 Min. 05.06.2015

EDITORIAL: Risse in der Gesellschaft

Leitartikel Politik 2 Min. 05.06.2015

EDITORIAL: Risse in der Gesellschaft

Marc THILL
Marc THILL
Spurlos wird das Referendum nicht an uns vorbeiziehen. Viel Porzellan wurde bereits zerbrochen, und nach dem Volksentscheid am kommenden Sonntag werden sich noch weitere Gräben in der Gesellschaft auftun – nicht nur in der Politik.

Spurlos wird das Referendum nicht an uns vorbeiziehen. Viel Porzellan wurde bereits zerbrochen, und nach dem Volksentscheid am kommenden Sonntag werden sich noch weitere Gräben in der Gesellschaft auftun – nicht nur in der Politik. Risse gibt es auch zwischen Befürwortern und Gegnern der drei Reformvorschläge, zwischen Jung und Alt, zwischen Wohn-, Wahl- und Erwerbsbevölkerung, zwischen Luxemburgern und Ausländern ...

Bleiben wir mal bei den Ausländern in Luxemburg, die für viele trotz der traditionellen Ausländerfreundlichkeit in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung inzwischen zu einem Problemfall geworden sind. Einige Zahlen verdeutlichen die außergewöhnliche demografische Situation Luxemburgs: 45,9 Prozent der Bevölkerung sind Ausländer. Rund 20 000 Migranten kommen Jahr für Jahr in dieses Land, und 10 000 Ausländer ziehen pro Jahr wieder weg. 38 Prozent der Ausländer sind mehr als 20 Jahre im Land, 62 Prozent mehr als zehn Jahre. 

Die Identität
 dieses Landes kann nur in der Vielfalt liegen.

Bricht man diese Zahlen herab auf die Berufswelt, dann stellt man fest, dass nicht einmal ein Drittel der Arbeitnehmerschaft des Landes Luxemburger sind. 44 Prozent sind Grenzgänger, 29 Prozent in Luxemburg lebende Luxemburger, 27 Prozent in Luxemburg lebende Ausländer. Das starke Wirtschaftswachstum macht die Ressourcen auf dem Arbeitsmarkt knapp. Das bewirkt zum einen eine starke Immigration, zum anderen aber auch eine starke Nachfrage in ganz bestimmten Wirtschaftssektoren für ein seltenes Besitztum, das sich deshalb auch teuer vermarkten lässt: die Dreisprachigkeit. Die Luxemburger Arbeitnehmer haben nämlich dank ihrer Sprachkenntnisse einen privilegierten Zugang zu diesen Sektoren, und gelangen dank ihrer Staatsangehörigkeit obendrauf auch noch an die gut bezahlten und sicheren Jobs im und um den Staatsapparat.

Da stellt sich natürlich die Frage nach der Identität dieses Landes. Sie kann eigentlich nur noch in der Vielfalt liegen, und nicht in der Nation. Die wenigsten Wähler wollen das allerdings, wenn man die letzten Umfrageergebnisse auf die Referendumsfrage des Ausländerwahlrechts liest. Wählen dürfen derzeit aber nur 43 Prozent der gesamten Bevölkerung. Ohne ein Ausländerwahlrecht oder aber eine massive Einbürgerung der Ausländer wird dieser Prozentsatz in den kommenden Jahren noch weiter zurückgehen. 

Vieles macht bestimmt Angst: Dass Ausländer oftmals nur physisch in Luxemburg leben und nicht integriert sind. Dass Gesellschaft und Nationalstaat nicht mehr aufeinander passen. Dass Luxemburger und Ausländer aneinander vorbei leben. Dass die Schule – der wichtigste Integrationsfaktor überhaupt – längst nicht mehr reformfähig ist und es immer noch nicht geschafft hat, das Problem der Mehrsprachigkeit in den Schulen zu lösen. Dass die Bildungspolitik lieber die Flucht ergreift, indem sie eine zusätzliche internationale Schule baut und damit die Gesellschaft auch weiterhin entzweit.

All diese Probleme hätte die Politik bereits vor dem Referendum anpacken oder zumindest thematisieren sollen, vielleicht wäre die Antwort auf das Referendum eine andere geworden als das „Mir wölle bleiwe wat mir sin“.

marc.thill@wort.lu



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